Mittwoch, 9. November 2016

Der erste Schnee
















Als Kinder haben wir uns jedes Jahr mächtig gefreut, wenn im November die ersten Schneeflocken am Himmel tanzten. Der tiefgraue Himmel und die weiße Pracht waren eine Verheißung: Bald ist Weihnachten, bald gibt es Geschenke und bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit Schlittenfahren. Damals blieb der Schnee meistens noch liegen und es war mehr als heute. Vielleicht ist diese Erinnerung aber auch falsch - im Rückblick verklären sich manche Dinge. Als ich heute früh aus dem Fenster schaute, und den Schnee sah, dachte ich nur: Oha... jetzt ist es wieder soweit. Es wird Winter :-(

Wetter ist für mich schon immer ein spannendes Thema gewesen. Nicht umsonst gibt es in diesem Blog eine eigene Rubrik mit "Wetterfotos". Ich liebe es, die Veränderungen in der Natur zu beobachten, das wechselnde Licht und die Farben des Himmels, der zu jeder Jahreszeit andere Nuancen hat. Den Wetterbericht im Fernsehen finde ich spannender als die Nachrichten, die Namen der deutschen TV-Meteorologen sind mir geläufiger als die mancher Promis. Wenn Donald Bäcker im Morgenmagazin den Unterschied von Glatteis und Eisglätte erläutert, höre ich aufmerksam zu, und ich folge Benjamin Stöwes Twitter Account...

Wetter ist für mich kein Small Talk Thema

Ich kann mich noch erinnern, dass ich meine Mutter als Vierjährige fragte, warum man eigentlich nur an bestimmten Tagen die Züge in der Ferne vorbeifahren hörte. Sie erklärte mir daraufhin, das habe mit der Windrichtung zu tun, und ich war fasziniert über diesen Zusammenhang. Mein Cousin war damals bei den Pfadfindern. Von ihm habe ich gelernt, dass der Moosbewuchs an Baumstämmen die Richtung anzeigt, aus der der meiste Regen kommt, und man sich im Wald daran orientieren und den Weg finden könne. Hänsel und Gretel hätten sich mit diesem Wissen wohl so manchen Umweg erspart!

Heute weiß ich, dass eine Ostströmung meistens stabiler ist als eine Westströmung, dass es weniger regnet, wenn der Wind von Osten weht, und dass es dann im Winter eklig kalt wird. Föhnfische am Himmel sind mir da bedeutend sympathischer.

Wetter und Licht gehören
für mich untrennbar zusammen
















Weil ich jeden Tag mit dem Fahrrad unterwegs bin, sind Wettervorhersage und  Regenradar für meinen Alltag extrem wichtig. Sie sind ausschlaggebend dafür, welche Jacke ich morgens anziehe, oder ob ich einen anberaumten Fotokurstermin absagen muss. Obwohl ich die meiste Zeit in geschlossenen Räumen verbringe, verändert das Wetter meine Stimmung - und nicht nur meine.

Der Wechsel der Jahreszeiten

Die Welt im Frühjahr oder Sommer ist eine andere, als im Herbst oder Winter. Ich liebe den Herbst wegen seiner satten Farben. Im Frühling blüht alles, der Sommer ist voller Grüntöne, und die Straßen einer Stadt haben in einer Sommernacht einen völlig anderen Klang. Kalte Tage im Winter oder zwischendurch machten mir früher nicht viel aus, Regen störte mich auch nicht. Jetzt bin ich etwas empfindlicher. Meine Lieblingsreiseziele sind Länder, die für ihr "schlechtes Wetter" berühmt und berüchtigt sind: Island, Großbritannien und Skandinavien. Ich habe lange nicht verstanden, warum so viele Deutsche übers Wetter jammerten, und in südliche Gefilde reisen oder auswandern wollten, weil es dort "immer warm" ist. Mir war es dort immer zu  warm, und ich kann mir bis heute nicht vorstellen, an einem Ort zu leben, an dem das Wetter immer gleich und der Himmel immer blau ist. Vielleicht muss man erst ein bestimmtes Alter erreichen, um die Sehnsucht nach Wärme und sattem Sonnenschein nachvollziehen zu können?  

Vitamin D?

"Im Alter lässt die Umsetzung des Sonnenlichtes in Vitamin D im Vergleich zur Situation in der Jugend um mehr als die Hälfte nach", heißt es in einem Fachartikel, und "die heutigen Lebensverhältnisse sowie die Verwendung von Sonnenschutzmitteln erschweren die ausreichende körpereigene Produktion von Vitamin D über Sonnenlichtexposition".
Ja, ich bin froh um jeden Tag, an dem es nicht schneit, an dem es keine Eisglätte gibt, und ich ohne Handschuhe Fahrrad fahren kann. Auswandern würde ich deswegen nicht, aber die Vorstellung, den Sommer auf der Nord- und den Winter auf der Südhalbkugel des Planeten zu verbringen, übt einen stärkeren Reiz auf mich aus, als je zuvor. Das hat nichts mit dem Wetter zu tun, sondern mit der Anzahl der Tageslichtstunden.

Subjektive Wahrnehmung?

Ab Mitte September nehme ich sehr deutlich wahr, dass es morgens später hell und abends früher dunkel wird. Mit der Zeitumstellung Ende Oktober wird es morgens vorübergehend besser, aber abends umso schlimmer: es ist gerade mal 16:15 Uhr und draußen bricht die Abenddämmerung herein. War das immer schon so oder ist es mir früher nur nicht aufgefallen? Wie erlebt ihr das?

Ich freue mich auf Weihnachten, aber nicht wegen der Geschenke, sondern wegen der Wintersonnenwende. Bis dahin sind es noch sechs volle Wochen, das heißt: bis dahin gibt es jeden Tag noch weniger Tageslicht! :-(  Dagegen hilft nur eine entsprechende Raumbeleuchtung, oder man legt sich zwischendurch mal auf die Sonnenbank. Ich höre schon den Aufschrei: Davon bekommt man doch Hautkrebs!
Da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht sind diese ganzen Sonnenschutzcremes, mit denen wir uns seit Jahrzehnten vor der bösen Sonne abschirmen, nicht ganz unschuldig an diesem Dilemma.


Fünfzehn Minuten Sonne OHNE Sonnenschutz brauchen wir jedenfalls täglich, zumindest im Gesicht und auf den Armen, damit der Körper ausreichend Vitamin D produzieren kann.






Meine Devise lautet also: Raus an die frische Luft, wenn sich die Sonne blicken lässt, Ärmel hochkrempeln und die Tage bis zur Sonnenwende zählen...




Donnerstag, 20. Oktober 2016

Als ich zehn war (Blogparade)

Zwetschgenmann Lutz Prauser lädt ein zur Blogparade "Als ich zehn war"... Es war Raimund Verspohls Beitrag über seine Zeit als "Analogue Native", der mich zu diesem Beitrag inspiriert hat.
    Mit zehn Jahren fängt – fast – ein anderes Leben an. War das so?, fragt Lutz Prauser.
      Absolut: Ein radikaler Einschnitt.
      Als ich zehn war, änderte sich in meinem Leben so ziemlich alles. Zwei Wochen vor meinem zehnten Geburtstag kam mein Bruder* auf die Welt. Aus war's mit der Ruhe. Ich bekam zwar das größere der beiden Kinderzimmer, aber die Lärmquelle direkt nebenan wurde für mich in den darauffolgenden Jahren zu einer permanenten Folter. Sorry, Bruder, du konntest nichts dafür. Dass du heute Musiker bist, freut mich übrigens sehr :-) Das Timing damals war unglücklich und die Rahmenbedingungen eher schlecht.
      * Korrekt formuliert müsste ich "Halbbruder" schreiben, aber wir sind zusammen aufgewachsen, also ist er mein Bruder. Fertig, aus.

      Es heißt, dass die Babyboomer Glückskinder seien. Solche Verallgemeinerungen schätze ich nicht so sehr. 1964 war der geburtenstärkste Jahrgang mit durchschnittlich 3718 Geburten in Deutschland pro Tag. Folglich wurde diese Monster-Generation auch gleichzeitig eingeschult. 1974 besuchte ich die vierte Grundschulklasse einer Schule, die nur 100 Meter von unserer Wohnung entfernt lag. Wir lebten in Haar bei München in einem aus dem Boden gestampften Neubaugebiet der "Neuen Heimat" - Wohnblöcke im Stil der frühen Siebziger. Das hatte damals noch keinen unangenehmen Beigeschmack, es waren die modernsten Wohnungen im Ort, groß und bezahlbar.

      37 Schüler - beim Fototermin fehlten einige.
      Während des Jahres kamen neue dazu, andere gingen.

      In der neu eröffneten Grundschule waren Klassenstärken mit vierzig Schülern und mehr ganz normal. Der Lärmpegel und die bedrückende Enge in den Klassenzimmern waren sicher auch Ursachen dafür, dass ich nicht gern zur Schule ging. Jedenfalls meldete ich mich so oft wie möglich wegen Übelkeit und Kopfschmerzen krank. Meine schulischen Leistungen waren entsprechend mittelprächtig. Dass ich den Übertritt ins Gymnasium trotzdem schaffte, war nur der sehr engagierten Klassenlehrerin zu verdanken, aber auch dem Druck, den meine Mutter damals auf mich ausübte. Es war der Klassiker: Den Kindern soll es später besser gehen, als den Eltern, also ab aufs Gymnasium!

      Der Schulwechsel war der pure Horror: Die 5. Klasse war genauso voll wie die vierte. Meine einzige Sandkastenfreundin wurde einer der sechs anderen fünften Klassen zugeteilt. Das Gymnasium, geplant für 500 Schüler, war noch im Bau. Im Eröffnungsjahr waren wir schon 900 Schüler. Entsprechend voll, eng und laut war es in den Pausen. Unser Erdkundelehrer, ein Überbleibsel aus der Nazizeit, entpuppte sich als gemeiner Sadist. Er unterrichtete, indem er stets zwei Schüler ausfragte und sie dabei vor der Klasse lächerlich machte. Die Klassenlehrerin war das genaue Gegenteil: viel zu weich. Gegen die Meute randalierender Zehnjähriger konnte sie sich nur mit Mühe durchsetzen. Ethik und Kunst waren die einzigen Fächer, in denen ich mich halbwegs wohlfühlte. Englisch wollte ich aber unbedingt lernen, denn ich war damals Beatles-Fan.

      Wenn ich jemals John, Paul, George oder Ringo persönlich treffen sollte, wollte ich auf jeden Fall in der Lage sein, mit ihnen zu reden. So handelte ich mir schnell den Ruf als Streberin ein, weil ich eine der Wenigen war, die versuchte, mit der verzweifelten Englischlehrerin zu kooperieren.


      Mathematik? Ein Buch mit sieben Siegeln. Dazu eine glatte Fünf in Erdkunde - Versetzung gefährdet. Ich hockte donnerstags und sonntags stundenlang allein über dem Erdkundebuch und versuchte, acht bis zehn Seiten Text auswendig zu lernen, die wir regelmäßig als Hausaufgabe bekamen. Ich beneidete die Nachbarskinder, die auf der Hauptschule geblieben waren, und fröhlich in der Nachmittagssonne spielten. Aus der Fünf in Erdkunde wurde eine Vier und ich konnte auf dem Gymnasium bleiben. Dass das in den Folgejahren nicht einfach werden würde, war absehbar: Mein türkischer Stiefvater (erste Gastarbeitergeneration) sprach sehr schlecht Deutsch. Meine Mutter hatte nach ihrem hervorragenden Hauptschulabschluss im Alter von nur vierzehn Jahren sofort eine Lehre antreten müssen. Beide arbeiteten Vollzeit. Außer punktueller Mathe-Nachhilfe gab es niemanden, der mir bei den Hausaufgaben helfen konnte, da musste ich also alleine durch. Der schönste Moment in meiner Schulzeit war der, als ich meine Abi-Ergebnisse erhielt, und wusste, dass die Schulzeit (= Jahre der Qual) endlich vorbei war. Vier Wochen später zog ich von Zuhause aus. Doch zurück in die Zeit, als ich zehn war...


      Meine neue beste Freundin war ein Jahr älter und brachte immer die neuesten Ausgaben von Bravo und Pop mit. Ihretwegen ging ich immer schon um halb acht zur Schule, damit wir noch genug Zeit hatten, um über unsere Lieblingsbands und über Musik zu sprechen.




      Das Cover von Rubber Soul hat mich schon damals wegen der tollen Schwarzweiß-Porträts auf der Rückseite völlig fasziniert!

      Interessen: Womit ich mich heute in meinen Blogs beschäftige, hat mich als Zehnjährige auch schon interessiert. Aufsätze schreiben gefiel mir, und ich hatte angefangen, mit dem Fotoapparat meiner Mutter erste eigene Bilder zu machen. Davon ist leider so gut wie nichts übrig geblieben. Erst mit etwa zwölf Jahren fing ich an, mir die Filme vom eigenen Taschengeld zu kaufen und die Negative selbst zu archivieren. Etwa zur selben Zeit fing ich an, erste kleine Geschichten aufzuschreiben. Auch davon ist nichts erhalten.


      Meine Hobbies waren Malen, Musikkassetten aufnehmen, Fotografieren und Pferde. Ich habe nie mit Puppen, sondern mit kleinen Miniaturcowboys gespielt, denn dazu gab es tausenderlei verschiedene Pferde, und jedes in meiner Sammlung hatte einen Namen. Ich hatte auch eine Sammlung von Postkarten aus dem Schreibwarenladen: viele Pferdefotos, aber auch schöne Landschafts- und Naturmotive mit Sinnsprüchen.

      Meine Familie machte generell keine Urlaube, darum war ich immer zuhause bzw. irgendwo im Gelände unterwegs, entweder mit den Rollschuhen oder mit dem Fahrrad.

      Ein Teil des Neubaugebiets war noch unbebaut. Dort sind wir auf die Kiesberge geklettert, fuhren im Winter Schlitten und ließen im Herbst die Drachen steigen. Wenn ich nach Hause kam, rieselte der Sand aus meiner Kleidung. Meine Mutter musste die zerschlissenen Knie an den Cordhosen regelmäßig reparieren, oder neue kaufen, weil ich ziemlich schnell größer wurde.

      Mode in den Siebziger Jahren bedeutet automatisch: Hosen mit Schlag und fürchterliche Farbkombinationen: orange, braun, giftgrün. Mir war das in diesem Alter ziemlich egal. Bei uns gab es keine Anlässe, bei denen man sich adrett hätte kleiden müssen. Wir gingen nicht in die Kirche und es gab keine steifen Verwandtschaftsbesuche. Hauptsache die Kleidung war praktisch. So lange es eine Hose und kein Kleidchen war, ging die Sache für mich in Ordnung. Später bestand ich auf Jeans eines bestimmten Herstellers, weil die an mir einfach am besten saßen.

      Mutter und Stiefvater waren tagsüber in der Arbeit und ich war absolut frei. In den Ferien sowie zwischen Schulschluss und Abendessen konnte ich tun und lassen, was ich wollte - Hauptsache die Hausaufgaben waren gemacht. Bei den regelmäßigen Sonntagsausflügen ins Münchner Umland steuerten wir stets ein traditionell bayerisches Gasthaus an. Dort gab es mein Lieblingsessen:  Schweinebraten mit Knödeln. Was das angeht, bin ich halt eine echte Bayerin ;-)  Und ja: mein Stiefvater hat sich damals tatsächlich noch den integrativen Schweinebraten reingezogen, zumindest solange keine Landsleute zugegen waren. Umgekehrt konnte ich mich mit den türkischen Spezialitäten als Kind überhaupt nicht anfreunden. Zu süß, zu scharf, zu fremd. Nur die Wassermelonen zählen bis heute zu den besten kulinarischen Entdeckungen jener Zeit.

      Mit zehn bekam ich (wieder) einen Zwerghasen. Meine Mutter wollte keine Haustiere mehr, nachdem die beiden Kaninchen davor relativ schnell das Zeitliche gesegnet hatten. Ich machte so lange Stress, bis sie schließlich mit erhobenem Zeigefinger einwilligte. Dieser Hase stand unter meiner alleinigen Verantwortung! Nun ja, sie hat immer wieder gemahnt oder mitgeholfen, wenn ich meinen Versprechungen doch nicht so diszipliniert nachkam.
      Moritz (der dritte) bekam von mir später einen anderen Namen: "Waldpilz von der Hasenheide" und er wurde am Ende zehn Jahre alt. Ein Pony oder Pferd hätte ich natürlich vorgezogen, aber daran war nicht zu denken. Immerhin durfte ich manchmal reiten gehen. Dieses Hobby hat mich - mit Unterbrechungen - bis ins Jahr 2000 begleitet.

      Nur dreimal vom Pferd gefallen in 25 aktiven Jahren,
      das ist okay :-)
















      Als Sport wurde Reiten damals nicht aufgefasst. Rancho Alegre hieß der Reitstall, in dem man selbst so Zwerge wie mich auf riesengroße, brave Pferde klettern und in großer Gruppe - damals noch ohne Reithelm! - ins Gelände ausreiten ließ. Im bequemen und sicheren Westernsattel wurde ich dann zu Adam Cartwright oder Winnetou. Die seltenen zwei- bis dreistündigen Ausritte in den Ebersberger Forst waren das absolute Highlight meiner Kindheit. Hinterher sah ich immer aus, wie ein Dreckspatz, weil mir beim Galoppieren über matschige Reitwege viel Erde aus den Hinterhufen der Vorderpferde um die Ohren flog. Im gestreckten Galopp über ein abgemähtes Stoppfelfeld Richtung Stall jagen - als Kind war es DER Traum. Dass man so etwas keinesfalls tun sollte, und dass Reiten richtig gefährlich sein kann, habe ich erst Jahre später gelernt, als ich in einer richtigen Reitschule richtig reiten lernte (mit Helm, natürlich). Für meine Berufswahl kamen damals nur drei Dinge in Frage: Jockey, Reitlehrerin oder Fotografin. 

      Die politische Großwetterlage hat mich als Zehnjährige nicht interessiert, trotzdem gab es einige Ereignisse, die ihre Spuren hinterlassen haben. Die Ölkrise mit dem autofreien Sonntag (1973) und der RAF-Terrorismus in den Folgejahren haben mich beunruhigt. Was eine Spionage-Affäre ist, habe ich damals nicht so richtig verstanden. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Franz-Josef Strauß und den singenden Bundespräsidenten Walter Scheel konnte ich aber auseinanderhalten, wenn ich sie im Fernsehen sah. Das fing damals erst um 16 Uhr an, und es bestand aus fünf statt drei Programmen, weil wir zusätzlich die beiden österreichischen Sender empfangen konnten. Dalli Dalli, Am Laufenden Band und Der große Preis  waren unsere abendliche Fernsehunterhaltung. Zur Fußball WM74 bekamen wir dann auch einen Farbfernseher mit Fernbedienung! Wenn Dieter Hallervorden, Loriot oder Louis de Funès auf dem Programm standen, gab es etwas zu lachen, und das war eine angenehme Abwechslung in meiner nicht immer so heiteren Kindheit. Den Kampf darum, ob samstags die Sportschau im Ersten oder eine amerikanische Serie im Zweiten angeschaut wird, kennt wohl jeder 64er ;-)



      Oberinspektor Derrick und Harry-Fahr-den-Wagen-vor-Klein waren die beruhigende Rückversicherung, dass Bösewichter am Ende zur Strecke gebracht werden. Der streng dreinblickende Eduard Zimmermann mit seinem Aktenzeichen XY ließ mich jedoch schon früh ahnen, dass die Welt, in die ich hineinwuchs, nach anderen Gesetzmäßigkeiten funktioniert.

      Je älter man wird, desto umfangreicher wird der Erfahrungsschatz, auf den man zurückblicken kann. Auf schlechte Zeiten folgen gute und umgekehrt. Das Schöne am Älterwerden ist, dass eine größere Gelassenheit einkehrt. Wenn's mal nicht so läuft, muss man sich nur daran erinnern, dass es schon früher Lebensphasen gab, die nicht so prickelnd waren. Selbst in solchen Phasen gab es immer wieder schöne Momente, und jede Phase ging irgendwann in eine neue über. Daraus haben sich bei mir die Dankbarkeit für das Schöne entwickelt, aber auch der Mut, das Unangenehme zu bewältigen.

      Wenn ihr auch bei der Blogparade mitmachen wollt: sie läuft noch bis zum 31.10.2016

      EINLADUNG ZUR BLOGPARADE „ALS ICH ZEHN WAR“

       

      Mittwoch, 12. Oktober 2016

      Kulturschock












      Es gibt Momente, in denen ich das, was ich sehe, nicht mehr so richtig zusammenbekomme. Der Hipster in Giesing war schon so ein Erlebnis, aber einen BMW mit Flügeltüren hatte ich noch nie gesehen. Was mag so ein Teil kosten? Alle Türen waren nach oben aufgeklappt, der Kofferraum auch - aber warum? Das Fahrzeug stand im AGFA-Park mitten auf dem breiten Gehweg. Im Hintergrund war die triste, fensterlose Wand mit dem großen, roten REWE-Schriftzug zu sehen. Der schneeweiße Wagen mit seinen blauen Rallye-Streifen passte nicht in diese meine Welt, darum hob es sich vor diesem Ambiente besonders gut ab: Es wirkte wie ein futuristischer Helikopter. Vielleicht war es auch nur ein Ufo, das kurz gelandet war, um humanoide Genproben einzusammeln?

      Ich schaute mich vorsichtig um, und tatsächlich: Der Alien, der zu diesem Gefährt gehörte, hockte einige Meter weiter am Straßenrand. Als Yoga-Übende weiß ich, dass man die Körperhaltung, die dieses Wesen eingenommen hatte, am ehesten als "Malasana" bezeichnen würde, "tiefe Hocke" oder "Girlande" sind weitere Bezeichnungen für diese hierzulande eher untypische Haltung. In den Händen hatte der Alien ... ein Smartphone. Doch nur ein Mensch?

      Wenn ich diese Szene für ein Fotoshooting hätte arrangieren müssen, hätte ich mein Modell lässig ans Auto gelehnt posieren lassen. Aber Malasana am Straßenrand mit einem Ufo-Hubschrauber im Hintergrund? Da habe ich erst mal geschluckt. Okay, anderer Kulturkreis. Ich muss lernen, dass Aliens einfach andere Sitten haben.

      Sie nehmen zum Beispiel gebratenen Speck vom Hotelbuffet mit der rechten Hand, umwickeln damit das fahlgelbe Convenience Rührei und den Speisequark, und stopfen sich dann alles ohne Besteck in den Mund. Das geht, weil man sich die Finger an warmgehaltenem Speck vom Buffet nicht verbrennen kann. Dass Aliens überhaupt Speck essen, wundert mich aber auch. Ich dachte bisher, diese Wesen würden sich nur von Sonnenlicht ernähren, oder sie wären wenigstens Veganer. Aber nein, diese neue Sitte hat sich "bei uns" zwar verbreitet, aber noch nicht ganz durchgesetzt. Am besten ich reise zurück in die Zukunft, und schaue mich dort um. Dann erfahre ich vielleicht, auf welche neuen Konventionen ich mich bis zum Jahr 2030 vorbereiten muss. Mann, ist das alles verwirrend!

      Donnerstag, 6. Oktober 2016

      #marketingfuzzidummsprech
















      Als ich dieses Plakat sah, hatte ich fertig.

      Unlängst habe ich gelernt, dass man heutzutage kein Angebot mehr abgibt, sondern an einem "Pitch" teilnimmt.

      Das ist wieder so ein Wort, bei dem mir die Haare zu Berge stehen. Ja, ich benutze auch englische Wörter, und das nicht zu knapp. Computer, Tablet, Smartphone - alles Englisch. Ich bin wirklich die Letzte, die damit ein Problem hat.

      "Pitch" und "Bitch" klingen ziemlich ähnlich, ob das ein Zufall ist? Also nicht verwechseln und deutlich sprechen! Googelt mal nach der Übersetzung, falls ihr des Englischen nicht mächtig seid.

      Da fällt mir nur Leonardo di Caprio in Bestform ein: The Wolf of Wall Street. In diesem Film gibt es eine Szene, bei der ihr an das schöne Marketingwort "Elevator Pitch" denken und es nie mehr vergessen werdet. Im Trailer sieht man diese Szene nicht, der ganze Film dauert knapp drei Stunden. Wer ihn bis zum Ende durchhält, wird womöglich ganz laut "Tschakka!" rufen und zum nächsten Pitch rennen. Ich habe jedenfalls beschlossen, die Motivationsbücher aus den 90er Jahren im Altpapier zu entsorgen.


      Nachtrag vom 18.11.2016: Nicolai Goschin schreibt auf medium

      Fuck off, Pitches!

      Donnerstag, 29. September 2016

      Blogparade: #handymania

      Aufruf zur Blogparade #handymania
      Teilnahme: open end

      Schickt mir den Link zu Eurem Artikel, ganz klassisch per E-Mail oder als Kommentar (moderiert) unter diesem Blogpost. Bitte fügt in Eurem Beitrag einen Link zu diesem Artikel ein.

      Handys, Smartphones, Mobiltelefone
      Ich bin sicher, die meisten werden mir widersprechen und eine flammende Liebeserklärung für ihr Gerät verfassen. Vielleicht auch nicht? So lange wie mein Artikel muss Eurer nicht werden, aber mich interessiert, wie Ihr Euch mit der Allgegenwart der mobilen Geräte fühlt. Dass diese "eierlegenden Wollmilchsäue" nützlich sind, steht außer Frage. Aber...
      Ich bin neugierig! Hier ist meine Sicht der Dinge.

      Warten auf die Currywurst 2016













      Das Pokémon-Go Fieber wäre gar nicht nötig gewesen. Schon vorher ist mir aufgefallen, dass der moderne Mensch nur eine Körperhaltung kennt: Mit nach vorne geneigtem Kopf nach unten blicken. Meist hat er - oder sie - feine, oftmals weiße Drähte aus den Ohren hängen, die mit einem flachen, eckigen Kasten verbunden sind. Diese flachen Schachteln werden liebevoll in der Hand gehalten und permanent beobachtet. So manches Kind, das in einem Kinderwagen sitzt, erhält weniger Aufmerksamkeit. Das andere, typische Accessoire des modernen Menschen ist der Coffee-To-Go-Becher, aber um den geht es heute nicht. Obwohl: Ein recht beliebtes Accessoire zum Handy sind mickeymausartige Kopfhörer. Die ganz modernen sehen aus wie überdimensionierte Nespresso-Kapseln, und ich frage mich, ob man mit dieser Kopfhörer-Handy-Kombination vielleicht sogar Kaffee kochen könnte? ;-)

      Smartphones: Ein Segen. Ein Fluch. 
      Wenn ich längere Zeit telefonieren muss, dann benutze ich einen Festnetzanschluss und nur Telefone mit Kabel. Ich hasse Kabel und mein Leben und meine Arbeit wären einfacher, wenn ich alles nur noch übers Handy und drahtlos abwickeln könnte. Trotzdem nehme ich diese Mühe auf mich, denn...
      1. Beim mobilen Telefonieren bekomme ich innerhalb kürzester Zeit lokale Kopfschmerzen. Es ist, als würde mir jemand oberhalb des Ohrs einen spitzen Meißel in den Schädelknochen treiben, und das tut richtig weh. Da telefoniert es sich nicht sehr entspannt. Anfangs habe ich es mit Kopfhörern versucht, aber bis ich die im Ohr hatte, hatte der Anrufer längst wieder aufgelegt. Zudem waren die dünnen Drähte alle paar Wochen kaputt und das wurde mir auf Dauer zu nervig.

      2. Ich finde es generell störend und unangenehm, anderen Leuten in der Öffentlichkeit beim Telefonieren zuhören zu müssen. Darum telefoniere ich selbst unterwegs nur, wenn es gar nicht anders geht, und ich fasse mich kurz. Die Hintergrundgeräusche beim mobilen Telefonieren, z.B. aus einem Auto oder in einer belebten Umgebung verschlechtern die Tonqualität. Für wichtige und längere Telefonate vereinbare ich einen Termin. So stelle ich sicher, dass ich Zeit und Ruhe für das Gespräch und den Menschen am anderen Ende der Leitung habe. Mobiltelefone haben für mich nur einen Zweck: unterwegs kurze Gespräche führen, wenn man sich verspätet oder sich an einem Treffpunkt nicht auf Anhieb findet. Der zweite Aspekt: Den Terminkalender unterwegs im Blick behalten.

      3. Zum Fotografieren habe ich mein Handy bisher nur selten benutzt, weil ich immer eine richtige Kamera oder zumindest eine Edelkompakte in der Tasche habe. Auf die höhere Auflösung, die bessere Bildqualität und vor allem die Einstellungsmöglichkeiten von Belichtungszeit und Blende verzichte ich nur ungern.

        Der wichtigste Punkt, warum ich Smartphones suspekt finde:

      4. Sie haben aus ganz normalen Menschen in den letzten Jahren regelrechte Zombies gemacht, die ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen. Sie sitzen in Cafés zu mehreren am Tisch, und jeder starrt auf sein Telefon. Gesprochen wird eher selten oder Gespräche werden unterbrochen, weil das Handy summt.
        Manche Leute im Fitnessstudio verdaddeln mehr Zeit mit ihrem Smartphone als mit dem Training. Machen die das in ihrem Job genauso? Viele Leute bekommen Entzugserscheinungen, wenn man ihnen das Handy einen Tag lang wegnimmt. Für mich sind das Zeichen von Suchtverhalten und auf jedes Handy gehört konsequenterweise ein Aufkleber mit Warnhinweis, genau wie auf Zigarettenschachteln.
      Freiheit ist...
      Auch ich flippe gelegentlich aus, wenn das Internet im Büro nicht läuft, weil ich dann nicht arbeiten kann. Es geht schon mal für einen oder zwei Tage, solange ich Lightroom starten kann. Ich muss meine Mails nicht alle zwei Minuten abrufen oder Kurznachrichten schreiben und ich will gar nicht ständig und überall erreichbar sein. Vor allem will ich nicht mit nach unten geneigtem Kopf durch die Gegend rennen und bei jedem "Pling", den eine Maschine von sich gibt, den unwiderstehlichen Drang spüren, sofort nachschauen zu müssen, wer jetzt gerade wieder etwas von mir will. Ich käme mir vor wie eine Marionette am Draht, die nicht mehr selbst darüber entscheidet, was sie als nächstes tut - ferngesteuert.

      Fast jeder hat heute einen intelligenten Computer in der Hand, der fast genauso viel kann, wie der stationäre Rechner an meinem Arbeitsplatz. Auf den kann ich auch nicht verzichten, aber würde ich ihn deshalb überall mit hin nehmen? Nein. Ich bin froh, dass es Zeiten gibt, in denen ich etwas anderes sehe und mache. Für meine Arbeit und mein Leben brauche ich vor allem eins: einen klaren Kopf.
        Mitgehangen, mitgefangen
        Weil mittlerweile fast jeder mit seinem Smartphone alles macht, geraten komische Leute wie ich allmählich in Bedrängnis. Fernsteuerungs-Apps für meine Kameras wären manchmal sinnvoll. Google Maps könnte unterwegs helfen, und vielleicht würde ich mir ein Ticket für die Straßenbahn kaufen, wenn der Automat wieder mal defekt ist. Bisher komme ich noch ganz gut ohne mobile Fernsteuerung klar, aber die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Irgendwann werde auch ich gezwungen sein, mein Verhalten anzupassen. Man kann weiter zu Fuß gehen, auch wenn es Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge gibt. Man kommt nur nicht so weit, wenn man sich weigert, die neuen Verkehrsmittel zu benutzen. Trotzdem würde keiner ein Flugzeug nehmen, wenn er nur zum Supermarkt an der Ecke will. Weil wir diese Technologie haben und weil alle sie so euphorisch nutzen, werden wir in absehbarer Zeit keine Automaten und kein Bargeld mehr haben, sondern nur noch elektronische Fahrkarten. An der Supermarktkasse zahlen wir dann auch mit dem Handy. Am Ende sind wir lückenlos überwachbar: wann wir uns an welchem Ort befinden, weiß man heute schon. Womit wir unsere Zeit verbringen und wofür wir unser Geld ausgeben macht uns komplett transparent. Wollen wir das? Ach, es ist ja so bequem und zu verbergen haben wir nichts...

        Perspektivwechsel
        Derzeit macht jeder mit seinem Smartphone etwas anderes: Musik hören, spielen, chatten, surfen, lesen, den Weg suchen, telefonieren, fotografieren, filmen, sogar Texte schreiben - die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos. Was beim Blick von Außen so uniform aussieht, ist in Wirklichkeit sehr individuell. Gegen Kreativität hatte ich noch nie etwas. Langeweile gibt's nicht mehr - bewusste Auszeiten sind aber genauso selten geworden.


        Was macht das alles mit uns?
        Viele beklagen sich über die "Schnelllebigkeit" der modernen Zeit, die Hektik, die Oberflächlichkeit, die Massen an schlechten Fotos, die Unkonzentriertheit oder die Vergesslichkeit. Smartphones verführen uns dazu, ständig auf Außenreize zu reagieren, von denen viele schlichtweg überflüssig sind. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer, wenn wir ständig abgelenkt werden, ADHS ist zur Modekrankheit geworden. Unsere Gedanken hüpfen nur noch wie ein flacher Stein über das Wasser. Hier schnell noch dies und da schnell noch jenes, mein Smartphone erinnert mich an meine Termine und zeigt mir den Weg. Und dann kommt der Moment: Hoppla, morgen werde ich ja schon vierzig - ups, wo ist mein Leben geblieben? Ich schau mal in meiner Facebook-Timeline nach...?




















        Unser Zeitempfinden hat etwas damit zu tun, wie intensiv wir Ereignisse, Erlebnisse und Begegnungen mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Derzeit reduziert sich unsere Erlebniswelt immer stärker auf glatte Touchscreen-Oberflächen, visuelle Reize am Monitor und den Klang, den wir uns über Kopfhörer aus einem Computer oder Smartphone reinziehen. Da draußen in der realen Welt und in unserem Inneren gibt es noch viel mehr zu erleben, aber das Gespür für solche Reize lässt allmählich nach. Wenn sich das Leben dann doch mal meldet, tut es das oft auf unangenehme Weise: Unwohlsein, Schmerzen, Gereiztheit. Das wollen und können wir alles "wegmachen", indem wir uns ablenken. Es ist auch viel cooler, den Trends zu folgen: Die ultimative RedBull Challenge, der aberwitzige Bungee-Sprung oder eine klatschende Fangemeinde, die das Gefühl von Lebendigsein suggerieren.

        Derweil können sich viele Menschen, ob jung oder alt, oft nicht mehr auf Inhalte konzentrieren. Längere Texte lesen ist viel zu anstrengend (schön, dass Ihr noch dabei seid!). Studierende versagen in den Grundrechenarten und beim komplexen Denken. Lehrlinge brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab, weil sie völlig überfordert sind. Obwohl im Internet alle Informationen verfügbar sind, werden wir nicht schlauer. Wir merken uns nichts mehr, weil Google alles findet - Alzheimer lässt grüßen? Gedanken bleiben an der Oberfläche, argumentiert wird im Schlagzeilen-Stil, obwohl die meisten Probleme differenzierte Lösungen verlangen. Was am schlimmsten ist: Wenn ständig ein Bildschirm zwischen uns und anderen Menschen ist, gehen die feinen Zwischentöne des menschlichen Miteinander den Bach runter. Es wird gepöbelt, beleidigt und geeifert, da helfen die vielen bunten Wackel-Emojis auch nicht weiter. Im echten Leben würde man sich gut überlegen, ob man sein Gegenüber als Idiot oder Arschloch bezeichnet. Der Bildschirm macht's möglich, weil er die Hemmschwelle herabsetzt.

        Manchmal komme ich mir komisch vor, wenn ich um 18 Uhr meinen Computer herunterfahre, auf mein Rad steige und mich von der digitalen Welt komplett entkopple. Die anderen sind ja immer noch da drin, in dieser merkwürdigen Kiste. Und ich gehe einfach raus? Ja, so lange es noch Menschen gibt, die ich "da draußen" ohne mobile Fernsteuerung treffen kann, so lange es noch möglich ist, eine halbe Stunde mit jemandem ungestört zu reden, oder schweigend in den Sonnenuntergang zu schauen, bin ich gerne offline.

        Nach meinem fotografischen Schlüsselerlebnis, über das ich im Fotonanny-Blog berichte, werde ich mir nun auch so ein Smart-Dingens kaufen. Zuerst hatte ich an ein Fairphone gedacht, aber es wird wahrscheinlich doch ein gebrauchtes Modell aus zweiter Hand. Das werde ich genauso ausschalten wie meinen Computer, denn wenn ich zu viel auf Monitore starre, kann ich meine innere Stimme nicht mehr hören. Die hat mich bisher immer noch davor gewarnt, blindlings in eine Falle zu laufen.

        Mittwoch, 14. September 2016

        Wiesn 2016: Nein danke.















        "Wir dürfen uns das Oktoberfest nicht vermiesen lassen", sagt der Wiesn-Chef.
        In den letzten Jahren war ich immer mindestens einmal auf der Wiesn, oft sogar mehrmals. Einmal nur zum Fotografieren, einmal zum Eintauchen in den alljährlichen Wahnsinn, und einmal ganz gemütlich mit der Mama auf der Oidn Wiesn für die Nostalgie. Früher waren wir auch mal mit Kollegen zum Feiern dort, wenn eine Firma für uns reserviert hatte.

        Letztes Jahr war ich pünktlich zum Wiesnstart eine Woche lang im Krankenhaus und danach weder fit noch geneigt für einen Wiesnbummel. Heuer gibt's ein neues Sicherheitskonzept: Rucksackverbot und Zäune rund ums Festgelände.
        Rucksackverbot heißt: "Richtig" Fotografieren mit mehreren Objektiven und Stativ dürfte problematisch werden. Das ist nicht gar so schlimm, weil es gute kleine Kameras und Gorillapods gibt. Wir werden 2016 also vor allem Handyfotos zu sehen bekommen.

        Ein eingezäuntes Festgelände geht für mich gar nicht. Ich erinnere mich noch an eines der ersten Jahre, als die Oide Wiesn eingeführt wurde. Die ist auch eingezäunt. Wir wollten zum Auftritt der Unterbiberger Hofmusik, kamen aber nicht rein. Überall drängelten sich die Leute, warteten auf Einlass, keiner wusste, ob und wann es vorwärts gehen könnte - es war der pure Horror. Das Oktoberfest ist auch ohne Zaun schon irre genug mit all den Depperten und Besoffenen, da braucht's gar keine "abstrakte Terrorgefahr" obendrauf.

        Für mich gilt ab sofort: Wenn's schön ist, setze ich mich lieber in einen gepflegten Biergarten. Wenn ich mal wieder Fotos von Karussells und bunten Lichtern brauche, finde ich auf kleineren Veranstaltungen etwas Passendes. Insgesamt ist es auch ganz gut, wenn es nicht jedes Jahr eine "Rekordwiesn" gibt. Die Wirte und Hoteliers werden jammern. Schon im Vorfeld sind die Buchungen deutlich zurückgegangen. Für mich ein leiser Hoffnungsschimmer: Vielleicht muss ich heuer am Bahnhof ausnahmsweise keinen Slalomlauf um die ganzen Kotzhaufen machen?

        [For English readers: Google translate does not know what "Kotzhaufen" means = clusters of barf]

        Freitag, 9. September 2016

        Always look on the bright side of life

        Mein buddhistischer Gleichmut wird manchmal schwer auf die Probe gestellt. Wenn das passiert, frage ich mich als erstes: Liegt's an mir? Bin ich in letzter Zeit aggressiver geworden und wenn ja: Woran liegt das?















        Seit über siebzehn Jahren übe ich Zen-Meditation. Ich kann mich fast jederzeit bewusst entscheiden, ob ich mich über etwas aufregen will, oder ob ich es einfach sein lasse. Ich kann das Gefühl des Ärgers beobachten, zuschauen, wie es in mir aufsteigt. Ich spüre, wie das Adrenalin in meinen Adern kocht, wie es die Atmung beeinflusst und die Muskeln zum Zittern bringt. Ich spüre auch, wenn dieser Effekt wieder nachlässt. Ich kann tief durchatmen, um den Entspannungsprozess zu beschleunigen, und ich kann mich aus Situationen entfernen, die meinen Gleichmut beeinträchtigen.

        Ich weiß, wo der Schalter in meinem Kopf ist, den ich umlegen kann, wenn ich mich nicht echauffieren will. Auf diese Weise kann ich mich aus fast allem raushalten, was mich ansonsten in Rage bringen würde. Dummerweise kommen manche Situationen - sogenannte Schlüsselszenen - immer wieder. Es sind die Momente, in denen mich "das Leben" mit Aufgaben konfrontiert, die allein durch Gleichmut nicht zu lösen sind.

        Am besten trifft es dieses Zitat, bei dem ich das Wort "Gott" bewusst weglasse:

        Gib mir die Gelassenheit,
        Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
        den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
        und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. 


        Okay, die Gelassenheit ist prinzipiell vorhanden und ich weiß, wie ich sie "einschalte".
        Den Mut, Dinge zu ändern, habe ich grundsätzlich auch.
        Was jetzt noch fehlt, ist die Weisheit der Unterscheidung.

        Worüber sollte ich mich gerechterweise aufregen und worüber nicht?
        Was kann ich ändern, was nicht?

        Ein Experiment

        Vor gut einem Jahr habe ich mich über die vollgestopften Briefkästen echauffiert. Inzwischen habe ich dafür gesorgt, dass die unbenutzten Briefkästen zugeklebt wurden.
        "Anzeigenblätter dürfen auch in Briefkästen geworfen werden, die per Aufkleber Werbung verweigern."  (wochenblatt.de)
        Für meine eigenen habe ich also erst mal die richtigen Aufkleber besorgt, und E-Mails an die Redaktionen geschrieben, die mir trotzdem noch unerwünschtes Papier ins analoge Postfach geschoben haben. Das ist mühsam und kostet Zeit, aber das Fazit: Es funktioniert zu 90%

        Einige Nachbarn im Haus haben sich ebenfalls die Aufkleber geholt, die ich gleich im Zehnerpack bestellt hatte.







        Was bleibt, sind Nachbarn, die weiterhin nur eine Handbewegung kennen: Kostenlose Zeitung im Briefkasten? Rausziehen, auf den Boden schmeißen und sich darauf verlassen, dass sich ein anderer um ihren Müll kümmert. Gutes Übungsfeld, tief durchatmen. Ein Nachbar, den das genauso stört wie mich, trägt jeden Tag das Altpapier hinaus. Wenn er es nicht tut, mache ich es (gestern waren es wieder 20 Ausgaben). Hier könnte der Beitrag enden, mein lokales Problem ist gelöst, der Rest muss mich jetzt nicht mehr interessieren. Ich beobachte jedoch mein kleines Ego, das wutschnaubend mit den Hufen scharrt.

        Weiterhin landen große Stapel ungelesener Wochenblätter zuerst am Fußboden, anschließend im Altpapier und werden schließlich von der Müllabfuhr weggekarrt. Die Papiercontainer sind jede Woche voll bis an die Kante. Jeder Container kostet Gebühren, die zahlen Mieter und Eigentümer in Form von Nebenkosten, bei uns sind das ca. 8 EUR monatlich für die Müllentsorgung. Kein großes Ding für den Einzelnen, aber in Summe wird's interessant.

        Mir fehlen die absoluten Zahlen, um einmal hochzurechnen, wie groß der Berg sinnlos bedruckten Papiers jede Woche ist. Allein in Ostbayern sind es eine Million kostenlose Zeitungen, die verteilt werden, während Zeitungen mit journalistischen Inhalten seit Jahren den Bach runtergehen.

        Die Arbeitsplätze! werden jetzt viele rufen.
        Ja genau, da steckt eine Menge Energie drin:
        • die Forstwirtschaft, die das Holz produziert
        • die Industrie, die das Papier herstellt
        • die Logistik, die das Holz, das Papier und am Ende die Zeitungen von A nach B bringt
        • die Verlage, die Redakteure, die Werbeagenturen, die Grafiker, Fotografen, Autoren (ups, ich!), die davon leben, dass
        • Firmen Werbung machen und ihre Produkte verkaufen
        • die chemische Industrie, die die Druckerschwärze und Farben liefern
        • die Druckereien, die Papier bedrucken müssen, um ihre Mitarbeiter zu bezahlen
        • die Zusteller - Rentner, Schüler, arme Schlucker, die sich ein mageres Zubrot verdienen, weil es sonst kaum Jobs für sie gibt
        • die Leute von der Müllabfuhr und zuletzt
        • die Recycler, die aus dem Altpapier etwas Neues machen.
        Habe ich jemanden vergessen?

        Ja! Nachtrag!
        Vater Staat kassiert bei allen Leistungen, die in dieser Wertschöpfungskette erbracht werden, ordentlich mit: Umsatzsteuer, Lohn-/Einkommenssteuer, Gewerbesteuer und noch ein paar mehr...

        Der Zweck, den eine kostenlose Wochenzeitung einstmals erfüllen sollte (= Informationen, Kleinanzeigen und Werbung an alle Haushalte liefern) wird vielleicht noch zu 20% erfüllt, das ist jedenfalls meine subjektive Beobachtung. Ja, es gibt diese kleine Minderheit von Menschen, die diese Blätter lesen und auf die Werbung reagieren. Und ja: alte Zeitungen eignen sich wunderbar für alles Mögliche, z.B. wenn man umzieht, Schuhe trocknen muss, oder eine Malunterlage für den Kinderschreibtisch braucht. Aber Millionen von Zeitungen... jede Woche? Da müssen viele Wanderschuhe nass werden ;-) Die Aussage des Wochenblatts, man würde vor allem "die junge Zielgruppe" erreichen, treibt mir Lachtränen in die Augen. Ich sage nur: Pokémon-Go!

        Erfolgreich zugestellt!

















        Mit diesen 80% Müll, den es eigentlich gar nicht geben müsste, halten wir einen Kreislauf im Gang, der unseren Wohlstand sichert. Er erzeugt eine fantastische Wertschöpfungskette, von der viele Leute absolut profitieren. Informationen per E-Mail oder im Internet abrufen ist auch nicht besonders umweltfreundlich. Wenn ich eine Alternative wüsste, würde ich sie hier verraten, von Herzen gern! Vielleicht eine Kooperation zwischen Wochenblatt und Niantic, dem Entwickler von Pokémon-Go? Eine App, die den Kunden zum nächsten Supermarkt lockt, weil er an der Kasse anstatt Bonusklebeherzen (Rentner!) oder Payback-Punkten (Sparfüchse!) niedliche kleine Monster gratis dazu bekommt? Das klingt wie ein böser Scherz, ist aber längst Realität.

        Wir stecken in einem Dilemma und der Zeitungsmüll ist nur ein Beispiel von vielen. Bei genauer Betrachtung diverser Zusammenhänge entsteht bei mir der Eindruck, dass wir uns in einer gigantischen Blase bewegen, und dabei insgeheim hoffen, dass diese Blase niemals platzt. Es ist angenehmer, nicht darüber nachzudenken, sich in buddhistischem Gleichmut zu üben, und die Dinge so laufen zu lassen, wie sie sind. Das schont die Nerven und somit die Gesundheit. So werden wir am Ende alt. Dann werden wir das Desaster, an dem wir täglich mitbasteln, selber noch erleben.

        Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun,
        sondern auch für das, was wir nicht tun.



        Das ist ein Zitat von Molière. Dem ist es gelungen, "die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung zu machen". Nicht ärgern, lieber schmunzeln oder wenn's geht sogar darüber lachen. Always look on the bright side of life... (?) Das möchte ich an dieser Stelle auch tun:



        Die frische Ausgabe Altpapier der Kalenderwoche 36 in München Giesing wartet auf Auslieferung. Frau Fotografin freut sich über das tolle Fotomotiv.

        Wer die Hoheit über seinen eigenen Briefkasten zurückgewinnen möchte:
        Hier geht's zu den RICHTIGEN Aufklebern. Wird die Zeitung trotzdem eingeworfen: Beschwerde an die Redaktion, die Mailadresse steht jeweils im Impressum. In besonders hartnäckigen Fällen: Meldung an die Verbraucherzentrale.

        Das nagende Gefühl von "irgendetwas stimmt hier grundsätzlich nicht" ist schwer abzuschütteln, also werde ich weiter meditieren, und meine Beobachtungen beizeiten hier kundtun.

        Montag, 18. Juli 2016

        #webseidank


        Nach fast einem Jahr Sendepause ist die Blogparade von unserleben.digital ein wunderbarer Anlass, mal wieder etwas hier zu posten.

        Die Seite betrachtenswert.de war mein großes nichtkommerzielles Internet-Herzensprojekt, das in den letzten Jahren unter die Räder gekommen ist.

        Bei der Frage "Was hat mir das Web (menschlich) Gutes getan?" sind sofort viele Erinnerungen hochgekommen.


        Als erstes fiel mir ein, dass ich in den späten 90er Jahren auf unglaublich viele tolle Internetseiten gestoßen bin, die mir geholfen haben, mich persönlich weiter zu entwickeln. Ganz vorneweg war das die Seite zeitzuleben.de, die ich bis heute sehr schätze.

        Aus diesem Umfeld heraus bin ich über Foren und Diskussionsgruppen auf viele Menschen mit ähnlichen Interessen gestoßen: Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie, Fotografie. Aus einigen online Begegnungen wurden reale Treffen, es entwickelten sich echte Freundschaften, die bis heute fortbestehen. Motiviert durch andere "Web-Amateure" haben wir noch vor der Jahrtausendwende angefangen eigene Gruppen aufzubauen und eigene Seiten ins Netz zu stellen - ohne kommerzielle Hintergedanken. Dabei haben wir unglaublich viel gelernt, jeder für sich und wir von einander. Das Umfeld habe ich immer als unterstützend, fördernd und hilfsbereit empfunden. Schließlich hat mir das Web dann auch ermöglicht, beruflich neue Wege einzuschlagen.

        Über die sogenannten "sozialen Medien", insbesondere Facebook, hatte ich neulich in meinem fotonanny-Blog schon einmal geschrieben. Das Web hat die Welt kleiner werden lassen: Nachrichtenübermittlung beinahe in Echtzeit per Mail oder Skype erlaubt es mir, mit Freunden am anderen Ende der Welt in einer engeren Verbindung zu sein, als per Luftpostbrief.

        Was ich wirklich toll finde: Man findet auf fast jede Frage eine Antwort - oder zumindest fünfundzwanzig verschiedene Meinungen. So habe ich gelernt, Forums-Threads eher zu meiden, weil die Diskussionen allzu oft abgleiten und im Sande verlaufen. Das direkte (Internet)Gespräch von Mensch zu Mensch erlebe ich meist zielführender als eine Gruppendiskussion, zumindest wenn es um Fotografie geht. Bei den Psychologen funktioniert es besser, die haben eher den Menschen im Blick ;-)

        Youtube liebe ich, weil ich dort Information und Zerstreuung finde: vom lustigen Katzenvideo bis zu Musik oder TV-Serien, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört oder gesehen hatte. Ich kann mir Dokumentationen und Vorträge anschauen, wenn ich Zeit und Lust dazu habe - oder stoße auf Dinge, die ich ohne das Web völlig verpasst hätte. Dass man nicht alles glauben darf, was im Brustton der Überzeugung vor Kameras erzählt wird, habe ich auch durch das Web gelernt. Heute übertrage das auch zurück auf die klassischen Medien und bin kritischer geworden.

        Ich stamme aus einer Ära, in der es überhaupt kein Internet gab. Darum weiß ich, dass ein Leben ohne Web prinzipiell möglich ist. In meiner Freizeit muss ich nicht ständig online sein. Ich weiß aber auch, dass man heute "ohne Web" ein ziemlich eingeschränktes Leben führt. Zwei Wochen ohne Internetzugang zum Abschalten - das geht, aber wehe man öffnet danach seinen Posteingang! Die Erwartungshaltung, dass jeder jederzeit erreichbar sein sollte, ist einer der negativen Nebeneffekte des Internet (und Mobiltelefon)Zeitalters.

        Meine Generation ist vermutlich diejenige, die die Vor- und Nachteile beider Welten bestens kennt. Für mich ist das Web eine Offenbarung, aber keine Selbstverständlichkeit. Bei aller Begeisterung sehe ich die negativen Entwicklungen: Informationsflut und Beschleunigung, fortschreitende Kommerzialisierung, ständige Überwachung, extreme Technikabhängigkeit und Onlinesucht. Das sollten wir immer im Auge behalten, wenn wir uns in dieser "schönen neuen Welt" bewegen. Unter'm Strich möchte ich mich aber den Worten von Annette unbedingt anschließen:

        Meiner Erfahrung nach bekommt man das zurück, was man selbst gibt. Genau wie offline auch. Und je mehr das Digitale Einzug in die ehemalige Offlinewelt hält, umso mehr kommt es auch darauf an, wie wir es nutzen. Oder wie Johannes sagt: „Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen!“