Montag, 15. Mai 2017

Es tut sich was




















Dieses leckere und nette Dankeschön war heute früh in unserem privaten Briefkasten.

Was ist passiert?
Wir waren den Anblick der kostenlosen Wochenzeitungen leid, die im Treppenhaus in der Ecke landeten. Also haben wir unsere Nachbarn im Haus mit einem Aushang darüber aufgeklärt, wie sie diese unerwünschte Werbung loswerden können. Wir haben Aufkleber besorgt und kostenlos verteilt. Dabei stellte sich erwartungsgemäß heraus, dass 80% der HausbewohnerInnen die Zeitungen schon lange nicht mehr haben wollten.

Da wir schon bei den Zeitungsredaktionen per Mail Beschwerde eingelegt hatten, wurden diese Zeitungen nur noch in die Briefkästen mit den "falschen" Aufklebern gestopft. Inzwischen sind 80% der Briefkästen richtig beschriftet und wir bleiben dran. Sollten wieder Zeitschriften eingeworfen werden, gibt es sofort eine Meldung an die Redaktion und Verbraucherzentrale. Wir werden auch dranbleiben, dass die Zeitschriften stattdessen nicht vor dem Hauseingang oder auf der Treppe abgelegt werden.

Es ist die Mischung aus alten Gewohnheiten und die Unwissenheit, wie man sich gegen den "analogen Spam" zur Wehr setzen kann, der vielerorts noch zu solchen Straßenbildern führt.


Es wäre schön, wenn möglichst viele Leute mitmachen, damit dieser Wahnsinn weniger wird. Es kostet etwas Zeit und Nerven, aber man kann etwas dagegen tun.

Wichtig ist, dass man sich sofort dagegen wehrt, wenn die alten Gewohnheiten wieder einreißen, also wenn neue Zusteller im Stadtviertel unterwegs sind, die sich nicht nach den Ansagen auf den Aufklebern halten.

Warten Sie nicht darauf, bis andere etwas unternehmen. Werden Sie selbst aktiv - in Ihrem eigenen Hausflur.

So kommen Sie auch ins Gespräch mit Ihren Nachbarn ;-)

Noch ein Tipp:
Bei Werbung, die direkt an Sie adressiert ist, können Sie folgendermaßen vorgehen:

1. Streichen Sie Ihre Adresse durch.
2. Schreiben Sie "Annahme verweigert - zurück an Absender" auf die Werbung
3. Werfen Sie die Sendung in den nächsten Briefkasten.

Das ist etwas umständlicher, als die Post einfach auf den Fußboden zu werfen, aber damit sorgen Sie langfristig dafür, dass Sie nur noch die Post bzw. Werbung erhalten, die Sie wirklich haben wollen. 

Hier geht's zu den Aufklebern - viel Erfolg!

Mittwoch, 10. Mai 2017

Kunst to Go

Heute möchte ich Ihnen ein Meisterwerk der Digitalromantik 4.0 nahebringen. In diesem sonnendurchfluteten Idyll aus dem Jahr 2017 sieht man erst auf den zweiten Blick, dass sich die Künstlerin mit dem Sujet "Zweirad" beschäftigt hat. Der zerschlissene Plastiksattel in der rechten Bildmitte springt nicht sofort ins Auge. Erst wenn der Betrachter den Lenker des pedalgetriebenen Fahrzeugs erspäht, wird deutlich, wo sich das leuchtendgrüne Hauptobjekt befindet: auf einem Gepäckträger.

Die angedeuteten Teile einer Efeuhecke am rechten Bildrand lassen ahnen, dass sich das oft als "Drahtesel" bezeichnete Transportmittel an einem Wegesrand befindet. Das Fehlen einer typischerweise mit Fahrradschutzhelm bekleideten Person legt nahe, dass dieses Zweirad zum Zeitpunkt der digitalen Fotoaufnahme nicht aktiv betrieben wurde. Vielmehr scheint das Objekt schon seit längerer Zeit auf die Rückkehr seines Eigentümers zu warten.

Es ist nicht bekannt, ob diese Person wegen eines länger anhaltenden Regens auf das hier gezeigte Zweirad verzichtet hat, oder sich einfach nur im Park verirrt hat. Doch erst jene Abwesenheit hat die unvergleichliche Installation aus verknitterter Aluminiumfolie, halb zerdrückten PET-Flaschen, Coffee-To-Go-Bechern unterschiedlicher Couleur und zerknülltem Papier ermöglicht. Kunst to Go! lautet folglich auch der Titel dieses bis dato unübertroffenen Meisterwerks.







































Die sauber verlegten rechteckigen Platten am Boden stehen symbolisch für die Ordnungsliebe der Menschen, die tagtäglich jene hier im Hintergrund gezeigte Schwelle überschreiten. Hier verlassen Menschen den öffentlichen Weg. Sie treten ein in den grün bewiesten Park, erleben ihre Naturverbundenheit und kehren erfrischt zurück. Ihre Ordnungsliebe ist es auch, die sich in der kunstvollen Anordnung oben genannter Objekte widerspiegelt. Sie liegen nicht mehr im Park und auch nicht neben dem Zweirad. Nein, sie wurden sorgsam arrangiert.

Was zunächst nur als alternativer und kostenlos erhältlicher Fahrradkorb diente, in dem der Eigentümer des Zweirads sein Hab und Gut zu transportieren suchte, transformierte binnen weniger Tage zu einer beachtlichen Sammlung zeitgemäßer Alltagskunst.

Geradezu symbolisch wirkt in diesem Kontext der eigentliche Ursprung der grünen Box. Unverschlissen sieht sie aus, geradezu frisch und neu wirkt sie im Gegensatz zum Fahrradsattel. Hier zeigt die Künstlerin ihre Fähigkeit, subtil auf inhaltliche Kontraste hinzuweisen.

Mehr noch: in derlei grünen Kästen wurde zu Anfang des dritten Jahrtausends menschlicher Kultur üblicherweise transportiert, womit sich der Mensch ernährte: Obst und Gemüse.
Umfunktioniert zum Fahrradkorb erfüllt die Transportbox hier eine neue, moderne Funktion. Sie nimmt auf, was Spaziergänger im Park aufgelesen haben. Hier findet der seit Jahrtausenden in den menschlichen Genen angelegte Trieb des Jagens und Sammelns seinen ultimativen Ausdruck. Essbares war in diesen Objekten ursprünglich angelegt, Nahrung, die dem Überleben dient. Doch in diesem Werk schwingt auch ein Hauch von Vergänglichkeit mit: die Inhalte sind verloren, verbraucht, aufgegessen und getrunken. Geblieben ist jeweils nur die Hülle. Ja, sie ist farblich immer noch attraktiv, geradezu anziehend. Doch versucht man nach dem orangefarbenen Becher zu greifen, der in einem klassischen Kalt-Warm-Kontrast zum giftgrünen Korb gehalten ist, wird man zweifelsohne enttäuscht. Die Objekte sind kalt, leer, und verbreiten einen gewissen Odeur-de-Muff, doch diese Ebene der Kunstbetrachtung wird nur jenen zuteil, die das Werk leiblich und mit allen Sinnen in Augenschein nehmen.

Die spektralfarbene Sonnenflut, die sich von links oben über das Motiv ergießt, will förmlich über die Vergänglichkeit allen Seins hinwegtrösten. So mag man das Arrangement entleerter und sinnentfremdeter Nahrungsmittelbehältnisse in späteren Zeiten vielleicht als eine Form göttlicher Anbetung verstehen. Der Gott ToGo hatte in diesen Tagen viele, nein sehr viele Jünger.

Wir können in diesem Werk also auch eine Huldigung sehen, in dem die Schöpfer der Installation dem Gott des Genusses ihre Ehrerbietung zeigten. Es war eine Joggerin, der es gelang, diesem Ausdruck postmodernen ToGo-Schamanismus ein würdiges Denkmal zu setzen.

Aufgenommen mit einem für diese Zeit typischen Smartphone ist ein Meisterwerk der Digitalkunst 4.0 entstanden, das unübertroffen für den Zeitgeist steht, der die Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends beherrschte. Wir verneigen uns in Ehrfurcht!

Wenn Sie einen handsignierten Druck dieses Werks Ihrer Kunstsammlung hinzufügen wollen, wenden Sie sich an Sotheby's.  Stichwort: 1000 Meisterwerke #0001

Dienstag, 2. Mai 2017

Cat Content geht immer

Entschuldigung: Cat Content ist ein englisches Wortkonstrukt. Beim Schreiben versuche ich unnötige Anglizismen zu vermeiden, Werbesprache und Marketingkampfbegriffe sind mir ein Graus. Trotzdem habe ich mich diesmal ganz bewusst dafür entschieden, von Cat Content zu sprechen. Damit sind Inhalte (content) gemeint, die sich um Katzen (cat) drehen, vornehmlich Videos und Fotos. In den sozialen Medien und auf Youtube gibt es davon jede Menge. Meistens sind es grottenschlechte Fotos und ebenso schlechte Videos, aber sobald eine Katze auf der Bildfläche erscheint, wird der Verstand ausgehebelt. Die sind ja sooooo süüüüß! Der Inhalt wird angeklickt, angeschaut, geteilt und der Gefällt-Mir-Knopf läuft heiß. Bei Katzen wird offensichtlich eine Art Kindchenschema aktiviert, auch bei mir.

Interessanterweise gibt es auch Dog Content, also Inhalte mit Hunden, aber es gibt keinen Horse Content (Pferde) und erst recht keinen Kid Kontent als Begriff. Man findet lediglich "Content for Kids". Damit sind Inhalte gemeint, die für Kinder geeignet sind. Nun würde ich eigentlich annehmen, dass es genauso viele Menschen geben müsste, die Kinder ebenso süß finden wie Katzen. Trotzdem haben die samtpfötigen Vierbeiner im Internet die besseren, nein, die besten Karten. Das mag daran liegen, dass es unverfänglicher ist, Katzen beim Spielen zuzuschauen. Wer sich Kindervideos anschaut, gerät schnell in Verdacht, nicht ganz sauber zu sein.
Ob man eher auf Hunde- oder Katzenvideos steht, hängt davon ab, ob man im realen Leben ein Haustier der einen oder anderen Sorte besitzt. Ich hatte früher zwei Katzen und somit ist klar, welcher Fraktion ich angehöre.

Wenn ich mal schlechte Laune habe, oder eine Aufheiterung brauche, weiß ich, wo ich fündig werde. Meine Lieblings-Internetkatze ist Maru (Mumogu) aus Japan. Im September 2016 hatte diese Katze bei Youtube 325,704,506 Aufrufe angesammelt und erhielt einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. 



Berühmte Katzen gab es schon vor dem Internetzeitalter: Aristocats, Tom und Jerry, Felidae... Ich habe mit den Garfield Comics angefangen, jetzt schlägt mein Herz mehr für Simon's Cat. Der gestiefelte Kater aus dem Zeichentrick-Film Shrek hat die Zuschauer so begeistert, dass er einen eigenen Film bekommen hat. Grumpy Cat ist ein sogenanntes Internet-Phänomen. Die Katze mit mürrischem (grumpy) Gesichtsausdruck hat einen eigenen Agenten, wurde zum Hollywoodstar und ist in einem Wachsfigurenkabinett verewigt.
Gemeinsam haben all diese Katzenfiguren nicht nur, dass sie niedlich oder lustig sind, sondern dass sie ihre Besitzer oder Erfinder unglaublich reich gemacht haben.

Hätten Sie es gewusst?
Bereits vor einigen Jahren machte eine Nachricht die Runde, dass ein selbstlernender Algorithmus von Google Katzen aus einer Liste von 20'000 verschiedenen Elementen wiedererkennen konnte. Dabei hat das Google-Gehirn keinerlei Hilfestellungen bekommen, wie Merkmale identifiziert werden. Diese Fähigkeit hatte es sich selber beigebracht und die Wissenschaftler wussten anscheinend selbst nicht, wie das gelungen war. Womöglich haben sich die Algorithmen an der allgemeinen Vorliebe für Cat Content orientiert. Mittlerweile wird deutlich, wie sehr die künstliche Intelligenz menschliche Programmierungen, also alle menschlichen Vor- und Werturteile übernimmt, und keinesfalls neutral ist.

Ob Sie Katzenvideos lieben oder hassen, ob Sie solche Inhalte oder diesen Artikel nützlich oder total überflüssig finden: es gibt weitaus Schlimmeres, und ein Verbot von Katzenvideos muss wirklich nicht diskutiert werden, oder? ;-)

Freitag, 28. April 2017

Schubladendenken















"Gegen das Schubladendenken wehrt sich nur,
wer in keine Schublade passt." (Dr. House)

Schubladen sind etwas ausgesprochen Praktisches. Wenn man ordentlich ist, muss man nicht lange suchen. Man weiß man sofort, in welche Schublade man greifen muss, um das Besteck, die passenden Computerkabel, die Batterien oder Speicherkarten für die Kamera zu finden. Auch beim Denken helfen Schubladen: Das ist der Fotograf, das ist der Banker, das ist der Fachmann für...

Blöd ist, wenn man beim Einsortieren nicht genau hinschaut oder wenn man zuwenig Schubladen hat. Zu viele Schubladen wiederum sind auch nicht gut. Am Ende weiß man nicht mehr so genau, ob die Akkus oben links oder rechts in der Mitte sind. Dann braucht man entweder ein gutes Gedächtnis, eine gute Beschriftung oder viel Zeit zum Suchen.

Es gibt kleine, mittlere und große Schubladen, und es gibt immer Sachen, die nirgends so richtig reinpassen. Solche Dinge landen dann im Keller, oder man vergisst, wo man sie untergebracht hat. Das Ungewöhnliche und Sperrige hat es schwer, im praktischen und im übertragenen Sinn. Man geht lieber mit den guten Freunden in den Biergarten, als jemanden mitzunehmen, der total intelligent ist, aber auch komische Sachen sagt und damit andere Leute vor den Kopf stößt.

Kompliziert ist es auch mit den Dingen, die thematisch in mehrere Schubladen passen. Ein rotes Spielzeugauto passt in die Kategorien rot, Auto, Spielzeug. Es könnte aber auch in der Kategorie Kindheitserinnerungen oder Flohmarkt landen. Solch emotionale Bezüge sind manchmal schwer nachzuvollziehen und eine große Herausforderung für Suchalgorithmen.

Wie schwierig es ist, die richtigen Schlagwörter zu finden, erlebe ich gerade bei der Suche nach Fotomotiven in einer Bildagentur. Die Seite zeigt mir nur selten das, was ich wirklich brauche. Das Programm kennt mich nicht so gut wie Amazon, und selbst der Internetriese tut sich nach über zehn Jahren schwer mit mir. Da werden mir Männer T-Shirts und Heavy Metal Musik vorgeschlagen, obwohl ich LaBrassbanda und Haindling gekauft habe. Vielleicht liegt es daran, dass mein Mann unser Amazon Prime Fernsehprogramm zusammenstellt? Ganz sicher ist es untypisch, dass eine Frau vorwiegend in den Kategorien Elektronik, Computer und Foto herumstöbert. Ich bin mehr als dankbar, dass mir kaum Werbung für Beauty Produkte, Kleider oder Schuhe unter die Augen kommt, aber ich frage mich schon gelegentlich, was mir alles entgeht. Die sogenannte "Filterblase", in der eigene Überzeugungen stets verstärkt und abweichende Meinungen systematisch ausgeblendet werden, halte ich für keine erfreuliche Entwicklung. Wie soll man kreativ sein und auf neue Ideen kommen, wenn man immer das Gleiche und Bekannte zu sehen und zu lesen bekommt?

Ich werde also mal wieder aufräumen, alle realen und gedanklichen Schubladen öffnen und durchlüften. Ich bin neugierig, welche verloren geglaubten Schätze dort auf mich warten. Zudem kann ich bei diesem Frühjahrsputz umsortieren, ausmisten und Platz schaffen für neue, interessante Inspirationen.

Freitag, 7. April 2017

Bitte klingeln Sie mal woanders!

Die Packstation im Erdgeschoss - darüber hat die FAZ im Dezember 2015 berichtet und einen netten Beitrag in der Sendung quer des BR gab es ebenfalls zu diesem Thema. Beide journalistischen Beiträge enden mit dem Fazit, dass "die freundliche Oma von nebenan die Stütze der Paketgesellschaft bleibt" oder dass es wenigstens toll für das nachbarschaftliche Miteinander sei, wenn man sich gegenseitig hilft.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: ES NERVT TIERISCH, wenn es alle dreißig Minuten an der Tür klingelt!


Der ganz normale Wahnsinn in einer Erdgeschosswohnung










An guten Tagen ist es nur DHL oder Amazon. An schlechten Tagen kommt morgens um neun die Postbotin, die eine übergroße Briefsendung nicht einfach im Hausflur platzieren möchte, um zehn Uhr klingeln fremde Leute, die dem Nachbarn etwas in den Briefkasten einwerfen möchten, und dann beginnt das große Schaulaufen sämtlicher Paketdienste, von A wie Amazon bis U wie UPS. Ab Donnerstag gesellen sich die Austräger kostenloser Wochenenzeitungen hinzu und zwischendurch klingeln die Kids aus dem vierten Stock, weil die kinderreiche Familie es sich offensichtlich nicht leisten kann, jedem ihrer Sprößlinge einen eigenen Schlüssel zu geben.

Meine Mutter war jahrelang diese "freundliche Oma von nebenan", die für ihre Nachbarn Pakete angenommen hat. Nicht nur die kleinen, oft waren es richtig schwere Kisten, manche fast so groß wie ein Kühlschrank. Der Flur ist nur 1,50 Meter breit, manchmal konnte man die Wohnungstür kaum noch öffnen, wenn solche Kisten zwischengelagert wurden. Der übers Wochenende verreiste Nachbar kam schließlich nach drei Tagen, klingelte abends um halb zehn und holte seine Sendung aus der privaten Packstation. Dankeschön. Zum Kaffeeklatsch hat uns noch keiner eingeladen.

Mittlerweile kann meine Mutter kaum noch laufen, ist auf eine Gehhilfe angewiesen und braucht zwei Minuten, bis sie überhaupt an der Tür angekommen ist. Würde sie das Paket annehmen, hätte sie den gleichen Stress ein zweites Mal, nämlich dann, wenn der Nachbar (spät) abends klingelt, um sein Päckchen abzuholen. Was machen die Zusteller, wenn wir die Annahme verweigern? Sie lassen die Kisten einfach auf dem Treppenabsatz stehen, auch wenn der Empfänger im fünften Stock wohnt. Krass.

Dank moderner Trackingmethoden weiß man heute sehr genau, wann eine Sendung kommt. Mein Tipp: nur bei Händlern kaufen, die mit Tracking-ID versenden. Bei DHL kann man sich sogar einen alternativen Wunschtermin für die Zustellung aussuchen. Bei Amazon gibt es auch die Option, alle Bestandteile einer Bestellung in einer Sendung zusammenzufassen. "Kostenlose Lieferung sofort" ist zwar schön, aber warum muss der Fahrer an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils einen Mini-Briefumschlag abliefern? Das ist doch irre.

Natürlich passiert es auch mir gelegentlich, dass eine Sendung ankommt, wenn ich gerade mal nicht da bin. Dann bin ich auch froh, wenn es jemanden nebenan gibt, der mein Päckchen annimmt. Solange das auf Gegenseitigkeit beruht, ist es wunderbar. Wenn es aber so läuft, dass immer nur einer für alle anderen da ist, muss man sich nicht wundern, wenn dieser eine irgendwann kein "Wunschnachbar" mehr sein möchte.

Mein besonderer Dank gilt in diesem Fall meinem Nachbarn Sven S., der auch in einer Erdgeschosswohnung zuhause ist. Ich werde ihm demnächst mal eine Tafel Schokolade in den Briefkasten stecken!

Mittwoch, 9. November 2016

Der erste Schnee
















Als Kinder haben wir uns jedes Jahr mächtig gefreut, wenn im November die ersten Schneeflocken am Himmel tanzten. Der tiefgraue Himmel und die weiße Pracht waren eine Verheißung: Bald ist Weihnachten, bald gibt es Geschenke und bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit Schlittenfahren. Damals blieb der Schnee meistens noch liegen und es war mehr als heute. Vielleicht ist diese Erinnerung aber auch falsch - im Rückblick verklären sich manche Dinge. Als ich heute früh aus dem Fenster schaute, und den Schnee sah, dachte ich nur: Oha... jetzt ist es wieder soweit. Es wird Winter :-(

Wetter ist für mich schon immer ein spannendes Thema gewesen. Nicht umsonst gibt es in diesem Blog eine eigene Rubrik mit "Wetterfotos". Ich liebe es, die Veränderungen in der Natur zu beobachten, das wechselnde Licht und die Farben des Himmels, der zu jeder Jahreszeit andere Nuancen hat. Den Wetterbericht im Fernsehen finde ich spannender als die Nachrichten, die Namen der deutschen TV-Meteorologen sind mir geläufiger als die mancher Promis. Wenn Donald Bäcker im Morgenmagazin den Unterschied von Glatteis und Eisglätte erläutert, höre ich aufmerksam zu, und ich folge Benjamin Stöwes Twitter Account...

Wetter ist für mich kein Small Talk Thema

Ich kann mich noch erinnern, dass ich meine Mutter als Vierjährige fragte, warum man eigentlich nur an bestimmten Tagen die Züge in der Ferne vorbeifahren hörte. Sie erklärte mir daraufhin, das habe mit der Windrichtung zu tun, und ich war fasziniert über diesen Zusammenhang. Mein Cousin war damals bei den Pfadfindern. Von ihm habe ich gelernt, dass der Moosbewuchs an Baumstämmen die Richtung anzeigt, aus der der meiste Regen kommt, und man sich im Wald daran orientieren und den Weg finden könne. Hänsel und Gretel hätten sich mit diesem Wissen wohl so manchen Umweg erspart!

Heute weiß ich, dass eine Ostströmung meistens stabiler ist als eine Westströmung, dass es weniger regnet, wenn der Wind von Osten weht, und dass es dann im Winter eklig kalt wird. Föhnfische am Himmel sind mir da bedeutend sympathischer.

Wetter und Licht gehören
für mich untrennbar zusammen
















Weil ich jeden Tag mit dem Fahrrad unterwegs bin, sind Wettervorhersage und  Regenradar für meinen Alltag extrem wichtig. Sie sind ausschlaggebend dafür, welche Jacke ich morgens anziehe, oder ob ich einen anberaumten Fotokurstermin absagen muss. Obwohl ich die meiste Zeit in geschlossenen Räumen verbringe, verändert das Wetter meine Stimmung - und nicht nur meine.

Der Wechsel der Jahreszeiten

Die Welt im Frühjahr oder Sommer ist eine andere, als im Herbst oder Winter. Ich liebe den Herbst wegen seiner satten Farben. Im Frühling blüht alles, der Sommer ist voller Grüntöne, und die Straßen einer Stadt haben in einer Sommernacht einen völlig anderen Klang. Kalte Tage im Winter oder zwischendurch machten mir früher nicht viel aus, Regen störte mich auch nicht. Jetzt bin ich etwas empfindlicher. Meine Lieblingsreiseziele sind Länder, die für ihr "schlechtes Wetter" berühmt und berüchtigt sind: Island, Großbritannien und Skandinavien. Ich habe lange nicht verstanden, warum so viele Deutsche übers Wetter jammerten, und in südliche Gefilde reisen oder auswandern wollten, weil es dort "immer warm" ist. Mir war es dort immer zu  warm, und ich kann mir bis heute nicht vorstellen, an einem Ort zu leben, an dem das Wetter immer gleich und der Himmel immer blau ist. Vielleicht muss man erst ein bestimmtes Alter erreichen, um die Sehnsucht nach Wärme und sattem Sonnenschein nachvollziehen zu können?  

Vitamin D?

"Im Alter lässt die Umsetzung des Sonnenlichtes in Vitamin D im Vergleich zur Situation in der Jugend um mehr als die Hälfte nach", heißt es in einem Fachartikel, und "die heutigen Lebensverhältnisse sowie die Verwendung von Sonnenschutzmitteln erschweren die ausreichende körpereigene Produktion von Vitamin D über Sonnenlichtexposition".
Ja, ich bin froh um jeden Tag, an dem es nicht schneit, an dem es keine Eisglätte gibt, und ich ohne Handschuhe Fahrrad fahren kann. Auswandern würde ich deswegen nicht, aber die Vorstellung, den Sommer auf der Nord- und den Winter auf der Südhalbkugel des Planeten zu verbringen, übt einen stärkeren Reiz auf mich aus, als je zuvor. Das hat nichts mit dem Wetter zu tun, sondern mit der Anzahl der Tageslichtstunden.

Subjektive Wahrnehmung?

Ab Mitte September nehme ich sehr deutlich wahr, dass es morgens später hell und abends früher dunkel wird. Mit der Zeitumstellung Ende Oktober wird es morgens vorübergehend besser, aber abends umso schlimmer: es ist gerade mal 16:15 Uhr und draußen bricht die Abenddämmerung herein. War das immer schon so oder ist es mir früher nur nicht aufgefallen? Wie erlebt ihr das?

Ich freue mich auf Weihnachten, aber nicht wegen der Geschenke, sondern wegen der Wintersonnenwende. Bis dahin sind es noch sechs volle Wochen, das heißt: bis dahin gibt es jeden Tag noch weniger Tageslicht! :-(  Dagegen hilft nur eine entsprechende Raumbeleuchtung, oder man legt sich zwischendurch mal auf die Sonnenbank. Ich höre schon den Aufschrei: Davon bekommt man doch Hautkrebs!
Da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht sind diese ganzen Sonnenschutzcremes, mit denen wir uns seit Jahrzehnten vor der bösen Sonne abschirmen, nicht ganz unschuldig an diesem Dilemma.


Fünfzehn Minuten Sonne OHNE Sonnenschutz brauchen wir jedenfalls täglich, zumindest im Gesicht und auf den Armen, damit der Körper ausreichend Vitamin D produzieren kann.






Meine Devise lautet also: Raus an die frische Luft, wenn sich die Sonne blicken lässt, Ärmel hochkrempeln und die Tage bis zur Sonnenwende zählen...




Donnerstag, 20. Oktober 2016

Als ich zehn war (Blogparade)

Zwetschgenmann Lutz Prauser lädt ein zur Blogparade "Als ich zehn war"... Es war Raimund Verspohls Beitrag über seine Zeit als "Analogue Native", der mich zu diesem Beitrag inspiriert hat.
    Mit zehn Jahren fängt – fast – ein anderes Leben an. War das so?, fragt Lutz Prauser.
      Absolut: Ein radikaler Einschnitt.
      Als ich zehn war, änderte sich in meinem Leben so ziemlich alles. Zwei Wochen vor meinem zehnten Geburtstag kam mein Bruder* auf die Welt. Aus war's mit der Ruhe. Ich bekam zwar das größere der beiden Kinderzimmer, aber die Lärmquelle direkt nebenan wurde für mich in den darauffolgenden Jahren zu einer permanenten Folter. Sorry, Bruder, du konntest nichts dafür. Dass du heute Musiker bist, freut mich übrigens sehr :-) Das Timing damals war unglücklich und die Rahmenbedingungen eher schlecht.
      * Korrekt formuliert müsste ich "Halbbruder" schreiben, aber wir sind zusammen aufgewachsen, also ist er mein Bruder. Fertig, aus.

      Es heißt, dass die Babyboomer Glückskinder seien. Solche Verallgemeinerungen schätze ich nicht so sehr. 1964 war der geburtenstärkste Jahrgang mit durchschnittlich 3718 Geburten in Deutschland pro Tag. Folglich wurde diese Monster-Generation auch gleichzeitig eingeschult. 1974 besuchte ich die vierte Grundschulklasse einer Schule, die nur 100 Meter von unserer Wohnung entfernt lag. Wir lebten in Haar bei München in einem aus dem Boden gestampften Neubaugebiet der "Neuen Heimat" - Wohnblöcke im Stil der frühen Siebziger. Das hatte damals noch keinen unangenehmen Beigeschmack, es waren die modernsten Wohnungen im Ort, groß und bezahlbar.

      37 Schüler - beim Fototermin fehlten einige.
      Während des Jahres kamen neue dazu, andere gingen.

      In der neu eröffneten Grundschule waren Klassenstärken mit vierzig Schülern und mehr ganz normal. Der Lärmpegel und die bedrückende Enge in den Klassenzimmern waren sicher auch Ursachen dafür, dass ich nicht gern zur Schule ging. Jedenfalls meldete ich mich so oft wie möglich wegen Übelkeit und Kopfschmerzen krank. Meine schulischen Leistungen waren entsprechend mittelprächtig. Dass ich den Übertritt ins Gymnasium trotzdem schaffte, war nur der sehr engagierten Klassenlehrerin zu verdanken, aber auch dem Druck, den meine Mutter damals auf mich ausübte. Es war der Klassiker: Den Kindern soll es später besser gehen, als den Eltern, also ab aufs Gymnasium!

      Der Schulwechsel war der pure Horror: Die 5. Klasse war genauso voll wie die vierte. Meine einzige Sandkastenfreundin wurde einer der sechs anderen fünften Klassen zugeteilt. Das Gymnasium, geplant für 500 Schüler, war noch im Bau. Im Eröffnungsjahr waren wir schon 900 Schüler. Entsprechend voll, eng und laut war es in den Pausen. Unser Erdkundelehrer, ein Überbleibsel aus der Nazizeit, entpuppte sich als gemeiner Sadist. Er unterrichtete, indem er stets zwei Schüler ausfragte und sie dabei vor der Klasse lächerlich machte. Die Klassenlehrerin war das genaue Gegenteil: viel zu weich. Gegen die Meute randalierender Zehnjähriger konnte sie sich nur mit Mühe durchsetzen. Ethik und Kunst waren die einzigen Fächer, in denen ich mich halbwegs wohlfühlte. Englisch wollte ich aber unbedingt lernen, denn ich war damals Beatles-Fan.

      Wenn ich jemals John, Paul, George oder Ringo persönlich treffen sollte, wollte ich auf jeden Fall in der Lage sein, mit ihnen zu reden. So handelte ich mir schnell den Ruf als Streberin ein, weil ich eine der Wenigen war, die versuchte, mit der verzweifelten Englischlehrerin zu kooperieren.


      Mathematik? Ein Buch mit sieben Siegeln. Dazu eine glatte Fünf in Erdkunde - Versetzung gefährdet. Ich hockte donnerstags und sonntags stundenlang allein über dem Erdkundebuch und versuchte, acht bis zehn Seiten Text auswendig zu lernen, die wir regelmäßig als Hausaufgabe bekamen. Ich beneidete die Nachbarskinder, die auf der Hauptschule geblieben waren, und fröhlich in der Nachmittagssonne spielten. Aus der Fünf in Erdkunde wurde eine Vier und ich konnte auf dem Gymnasium bleiben. Dass das in den Folgejahren nicht einfach werden würde, war absehbar: Mein türkischer Stiefvater (erste Gastarbeitergeneration) sprach sehr schlecht Deutsch. Meine Mutter hatte nach ihrem hervorragenden Hauptschulabschluss im Alter von nur vierzehn Jahren sofort eine Lehre antreten müssen. Beide arbeiteten Vollzeit. Außer punktueller Mathe-Nachhilfe gab es niemanden, der mir bei den Hausaufgaben helfen konnte, da musste ich also alleine durch. Der schönste Moment in meiner Schulzeit war der, als ich meine Abi-Ergebnisse erhielt, und wusste, dass die Schulzeit (= Jahre der Qual) endlich vorbei war. Vier Wochen später zog ich von Zuhause aus. Doch zurück in die Zeit, als ich zehn war...


      Meine neue beste Freundin war ein Jahr älter und brachte immer die neuesten Ausgaben von Bravo und Pop mit. Ihretwegen ging ich immer schon um halb acht zur Schule, damit wir noch genug Zeit hatten, um über unsere Lieblingsbands und über Musik zu sprechen.




      Das Cover von Rubber Soul hat mich schon damals wegen der tollen Schwarzweiß-Porträts auf der Rückseite völlig fasziniert!

      Interessen: Womit ich mich heute in meinen Blogs beschäftige, hat mich als Zehnjährige auch schon interessiert. Aufsätze schreiben gefiel mir, und ich hatte angefangen, mit dem Fotoapparat meiner Mutter erste eigene Bilder zu machen. Davon ist leider so gut wie nichts übrig geblieben. Erst mit etwa zwölf Jahren fing ich an, mir die Filme vom eigenen Taschengeld zu kaufen und die Negative selbst zu archivieren. Etwa zur selben Zeit fing ich an, erste kleine Geschichten aufzuschreiben. Auch davon ist nichts erhalten.


      Meine Hobbies waren Malen, Musikkassetten aufnehmen, Fotografieren und Pferde. Ich habe nie mit Puppen, sondern mit kleinen Miniaturcowboys gespielt, denn dazu gab es tausenderlei verschiedene Pferde, und jedes in meiner Sammlung hatte einen Namen. Ich hatte auch eine Sammlung von Postkarten aus dem Schreibwarenladen: viele Pferdefotos, aber auch schöne Landschafts- und Naturmotive mit Sinnsprüchen.

      Meine Familie machte generell keine Urlaube, darum war ich immer zuhause bzw. irgendwo im Gelände unterwegs, entweder mit den Rollschuhen oder mit dem Fahrrad.

      Ein Teil des Neubaugebiets war noch unbebaut. Dort sind wir auf die Kiesberge geklettert, fuhren im Winter Schlitten und ließen im Herbst die Drachen steigen. Wenn ich nach Hause kam, rieselte der Sand aus meiner Kleidung. Meine Mutter musste die zerschlissenen Knie an den Cordhosen regelmäßig reparieren, oder neue kaufen, weil ich ziemlich schnell größer wurde.

      Mode in den Siebziger Jahren bedeutet automatisch: Hosen mit Schlag und fürchterliche Farbkombinationen: orange, braun, giftgrün. Mir war das in diesem Alter ziemlich egal. Bei uns gab es keine Anlässe, bei denen man sich adrett hätte kleiden müssen. Wir gingen nicht in die Kirche und es gab keine steifen Verwandtschaftsbesuche. Hauptsache die Kleidung war praktisch. So lange es eine Hose und kein Kleidchen war, ging die Sache für mich in Ordnung. Später bestand ich auf Jeans eines bestimmten Herstellers, weil die an mir einfach am besten saßen.

      Mutter und Stiefvater waren tagsüber in der Arbeit und ich war absolut frei. In den Ferien sowie zwischen Schulschluss und Abendessen konnte ich tun und lassen, was ich wollte - Hauptsache die Hausaufgaben waren gemacht. Bei den regelmäßigen Sonntagsausflügen ins Münchner Umland steuerten wir stets ein traditionell bayerisches Gasthaus an. Dort gab es mein Lieblingsessen:  Schweinebraten mit Knödeln. Was das angeht, bin ich halt eine echte Bayerin ;-)  Und ja: mein Stiefvater hat sich damals tatsächlich noch den integrativen Schweinebraten reingezogen, zumindest solange keine Landsleute zugegen waren. Umgekehrt konnte ich mich mit den türkischen Spezialitäten als Kind überhaupt nicht anfreunden. Zu süß, zu scharf, zu fremd. Nur die Wassermelonen zählen bis heute zu den besten kulinarischen Entdeckungen jener Zeit.

      Mit zehn bekam ich (wieder) einen Zwerghasen. Meine Mutter wollte keine Haustiere mehr, nachdem die beiden Kaninchen davor relativ schnell das Zeitliche gesegnet hatten. Ich machte so lange Stress, bis sie schließlich mit erhobenem Zeigefinger einwilligte. Dieser Hase stand unter meiner alleinigen Verantwortung! Nun ja, sie hat immer wieder gemahnt oder mitgeholfen, wenn ich meinen Versprechungen doch nicht so diszipliniert nachkam.
      Moritz (der dritte) bekam von mir später einen anderen Namen: "Waldpilz von der Hasenheide" und er wurde am Ende zehn Jahre alt. Ein Pony oder Pferd hätte ich natürlich vorgezogen, aber daran war nicht zu denken. Immerhin durfte ich manchmal reiten gehen. Dieses Hobby hat mich - mit Unterbrechungen - bis ins Jahr 2000 begleitet.

      Nur dreimal vom Pferd gefallen in 25 aktiven Jahren,
      das ist okay :-)
















      Als Sport wurde Reiten damals nicht aufgefasst. Rancho Alegre hieß der Reitstall, in dem man selbst so Zwerge wie mich auf riesengroße, brave Pferde klettern und in großer Gruppe - damals noch ohne Reithelm! - ins Gelände ausreiten ließ. Im bequemen und sicheren Westernsattel wurde ich dann zu Adam Cartwright oder Winnetou. Die seltenen zwei- bis dreistündigen Ausritte in den Ebersberger Forst waren das absolute Highlight meiner Kindheit. Hinterher sah ich immer aus, wie ein Dreckspatz, weil mir beim Galoppieren über matschige Reitwege viel Erde aus den Hinterhufen der Vorderpferde um die Ohren flog. Im gestreckten Galopp über ein abgemähtes Stoppfelfeld Richtung Stall jagen - als Kind war es DER Traum. Dass man so etwas keinesfalls tun sollte, und dass Reiten richtig gefährlich sein kann, habe ich erst Jahre später gelernt, als ich in einer richtigen Reitschule richtig reiten lernte (mit Helm, natürlich). Für meine Berufswahl kamen damals nur drei Dinge in Frage: Jockey, Reitlehrerin oder Fotografin. 

      Die politische Großwetterlage hat mich als Zehnjährige nicht interessiert, trotzdem gab es einige Ereignisse, die ihre Spuren hinterlassen haben. Die Ölkrise mit dem autofreien Sonntag (1973) und der RAF-Terrorismus in den Folgejahren haben mich beunruhigt. Was eine Spionage-Affäre ist, habe ich damals nicht so richtig verstanden. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Franz-Josef Strauß und den singenden Bundespräsidenten Walter Scheel konnte ich aber auseinanderhalten, wenn ich sie im Fernsehen sah. Das fing damals erst um 16 Uhr an, und es bestand aus fünf statt drei Programmen, weil wir zusätzlich die beiden österreichischen Sender empfangen konnten. Dalli Dalli, Am Laufenden Band und Der große Preis  waren unsere abendliche Fernsehunterhaltung. Zur Fußball WM74 bekamen wir dann auch einen Farbfernseher mit Fernbedienung! Wenn Dieter Hallervorden, Loriot oder Louis de Funès auf dem Programm standen, gab es etwas zu lachen, und das war eine angenehme Abwechslung in meiner nicht immer so heiteren Kindheit. Den Kampf darum, ob samstags die Sportschau im Ersten oder eine amerikanische Serie im Zweiten angeschaut wird, kennt wohl jeder 64er ;-)



      Oberinspektor Derrick und Harry-Fahr-den-Wagen-vor-Klein waren die beruhigende Rückversicherung, dass Bösewichter am Ende zur Strecke gebracht werden. Der streng dreinblickende Eduard Zimmermann mit seinem Aktenzeichen XY ließ mich jedoch schon früh ahnen, dass die Welt, in die ich hineinwuchs, nach anderen Gesetzmäßigkeiten funktioniert.

      Je älter man wird, desto umfangreicher wird der Erfahrungsschatz, auf den man zurückblicken kann. Auf schlechte Zeiten folgen gute und umgekehrt. Das Schöne am Älterwerden ist, dass eine größere Gelassenheit einkehrt. Wenn's mal nicht so läuft, muss man sich nur daran erinnern, dass es schon früher Lebensphasen gab, die nicht so prickelnd waren. Selbst in solchen Phasen gab es immer wieder schöne Momente, und jede Phase ging irgendwann in eine neue über. Daraus haben sich bei mir die Dankbarkeit für das Schöne entwickelt, aber auch der Mut, das Unangenehme zu bewältigen.

      Wenn ihr auch bei der Blogparade mitmachen wollt: sie läuft noch bis zum 31.10.2016

      EINLADUNG ZUR BLOGPARADE „ALS ICH ZEHN WAR“

       

      Mittwoch, 12. Oktober 2016

      Kulturschock












      Es gibt Momente, in denen ich das, was ich sehe, nicht mehr so richtig zusammenbekomme. Der Hipster in Giesing war schon so ein Erlebnis, aber einen BMW mit Flügeltüren hatte ich noch nie gesehen. Was mag so ein Teil kosten? Alle Türen waren nach oben aufgeklappt, der Kofferraum auch - aber warum? Das Fahrzeug stand im AGFA-Park mitten auf dem breiten Gehweg. Im Hintergrund war die triste, fensterlose Wand mit dem großen, roten REWE-Schriftzug zu sehen. Der schneeweiße Wagen mit seinen blauen Rallye-Streifen passte nicht in diese meine Welt, darum hob es sich vor diesem Ambiente besonders gut ab: Es wirkte wie ein futuristischer Helikopter. Vielleicht war es auch nur ein Ufo, das kurz gelandet war, um humanoide Genproben einzusammeln?

      Ich schaute mich vorsichtig um, und tatsächlich: Der Alien, der zu diesem Gefährt gehörte, hockte einige Meter weiter am Straßenrand. Als Yoga-Übende weiß ich, dass man die Körperhaltung, die dieses Wesen eingenommen hatte, am ehesten als "Malasana" bezeichnen würde, "tiefe Hocke" oder "Girlande" sind weitere Bezeichnungen für diese hierzulande eher untypische Haltung. In den Händen hatte der Alien ... ein Smartphone. Doch nur ein Mensch?

      Wenn ich diese Szene für ein Fotoshooting hätte arrangieren müssen, hätte ich mein Modell lässig ans Auto gelehnt posieren lassen. Aber Malasana am Straßenrand mit einem Ufo-Hubschrauber im Hintergrund? Da habe ich erst mal geschluckt. Okay, anderer Kulturkreis. Ich muss lernen, dass Aliens einfach andere Sitten haben.

      Sie nehmen zum Beispiel gebratenen Speck vom Hotelbuffet mit der rechten Hand, umwickeln damit das fahlgelbe Convenience Rührei und den Speisequark, und stopfen sich dann alles ohne Besteck in den Mund. Das geht, weil man sich die Finger an warmgehaltenem Speck vom Buffet nicht verbrennen kann. Dass Aliens überhaupt Speck essen, wundert mich aber auch. Ich dachte bisher, diese Wesen würden sich nur von Sonnenlicht ernähren, oder sie wären wenigstens Veganer. Aber nein, diese neue Sitte hat sich "bei uns" zwar verbreitet, aber noch nicht ganz durchgesetzt. Am besten ich reise zurück in die Zukunft, und schaue mich dort um. Dann erfahre ich vielleicht, auf welche neuen Konventionen ich mich bis zum Jahr 2030 vorbereiten muss. Mann, ist das alles verwirrend!