Donnerstag, 29. September 2016

Blogparade: #handymania

Aufruf zur Blogparade #handymania
Teilnahme: open end

Schickt mir den Link zu Eurem Artikel, ganz klassisch per E-Mail oder als Kommentar (moderiert) unter diesem Blogpost. Bitte fügt in Eurem Beitrag einen Link zu diesem Artikel ein.

Handys, Smartphones, Mobiltelefone
Ich bin sicher, die meisten werden mir widersprechen und eine flammende Liebeserklärung für ihr Gerät verfassen. Vielleicht auch nicht? So lange wie mein Artikel muss Eurer nicht werden, aber mich interessiert, wie Ihr Euch mit der Allgegenwart der mobilen Geräte fühlt. Dass diese "eierlegenden Wollmilchsäue" nützlich sind, steht außer Frage. Aber...
Ich bin neugierig! Hier ist meine Sicht der Dinge.

Warten auf die Currywurst 2016













Das Pokémon-Go Fieber wäre gar nicht nötig gewesen. Schon vorher ist mir aufgefallen, dass der moderne Mensch nur eine Körperhaltung kennt: Mit nach vorne geneigtem Kopf nach unten blicken. Meist hat er - oder sie - feine, oftmals weiße Drähte aus den Ohren hängen, die mit einem flachen, eckigen Kasten verbunden sind. Diese flachen Schachteln werden liebevoll in der Hand gehalten und permanent beobachtet. So manches Kind, das in einem Kinderwagen sitzt, erhält weniger Aufmerksamkeit. Das andere, typische Accessoire des modernen Menschen ist der Coffee-To-Go-Becher, aber um den geht es heute nicht. Obwohl: Ein recht beliebtes Accessoire zum Handy sind mickeymausartige Kopfhörer. Die ganz modernen sehen aus wie überdimensionierte Nespresso-Kapseln, und ich frage mich, ob man mit dieser Kopfhörer-Handy-Kombination vielleicht sogar Kaffee kochen könnte? ;-)

Smartphones: Ein Segen. Ein Fluch. 
Wenn ich längere Zeit telefonieren muss, dann benutze ich einen Festnetzanschluss und nur Telefone mit Kabel. Ich hasse Kabel und mein Leben und meine Arbeit wären einfacher, wenn ich alles nur noch übers Handy und drahtlos abwickeln könnte. Trotzdem nehme ich diese Mühe auf mich, denn...
  1. Beim mobilen Telefonieren bekomme ich innerhalb kürzester Zeit lokale Kopfschmerzen. Es ist, als würde mir jemand oberhalb des Ohrs einen spitzen Meißel in den Schädelknochen treiben, und das tut richtig weh. Da telefoniert es sich nicht sehr entspannt. Anfangs habe ich es mit Kopfhörern versucht, aber bis ich die im Ohr hatte, hatte der Anrufer längst wieder aufgelegt. Zudem waren die dünnen Drähte alle paar Wochen kaputt und das wurde mir auf Dauer zu nervig.

  2. Ich finde es generell störend und unangenehm, anderen Leuten in der Öffentlichkeit beim Telefonieren zuhören zu müssen. Darum telefoniere ich selbst unterwegs nur, wenn es gar nicht anders geht, und ich fasse mich kurz. Die Hintergrundgeräusche beim mobilen Telefonieren, z.B. aus einem Auto oder in einer belebten Umgebung verschlechtern die Tonqualität. Für wichtige und längere Telefonate vereinbare ich einen Termin. So stelle ich sicher, dass ich Zeit und Ruhe für das Gespräch und den Menschen am anderen Ende der Leitung habe. Mobiltelefone haben für mich nur einen Zweck: unterwegs kurze Gespräche führen, wenn man sich verspätet oder sich an einem Treffpunkt nicht auf Anhieb findet. Der zweite Aspekt: Den Terminkalender unterwegs im Blick behalten.

  3. Zum Fotografieren habe ich mein Handy bisher nur selten benutzt, weil ich immer eine richtige Kamera oder zumindest eine Edelkompakte in der Tasche habe. Auf die höhere Auflösung, die bessere Bildqualität und vor allem die Einstellungsmöglichkeiten von Belichtungszeit und Blende verzichte ich nur ungern.

    Der wichtigste Punkt, warum ich Smartphones suspekt finde:

  4. Sie haben aus ganz normalen Menschen in den letzten Jahren regelrechte Zombies gemacht, die ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen. Sie sitzen in Cafés zu mehreren am Tisch, und jeder starrt auf sein Telefon. Gesprochen wird eher selten oder Gespräche werden unterbrochen, weil das Handy summt.
    Manche Leute im Fitnessstudio verdaddeln mehr Zeit mit ihrem Smartphone als mit dem Training. Machen die das in ihrem Job genauso? Viele Leute bekommen Entzugserscheinungen, wenn man ihnen das Handy einen Tag lang wegnimmt. Für mich sind das Zeichen von Suchtverhalten und auf jedes Handy gehört konsequenterweise ein Aufkleber mit Warnhinweis, genau wie auf Zigarettenschachteln.
Freiheit ist...
Auch ich flippe gelegentlich aus, wenn das Internet im Büro nicht läuft, weil ich dann nicht arbeiten kann. Es geht schon mal für einen oder zwei Tage, solange ich Lightroom starten kann. Ich muss meine Mails nicht alle zwei Minuten abrufen oder Kurznachrichten schreiben und ich will gar nicht ständig und überall erreichbar sein. Vor allem will ich nicht mit nach unten geneigtem Kopf durch die Gegend rennen und bei jedem "Pling", den eine Maschine von sich gibt, den unwiderstehlichen Drang spüren, sofort nachschauen zu müssen, wer jetzt gerade wieder etwas von mir will. Ich käme mir vor wie eine Marionette am Draht, die nicht mehr selbst darüber entscheidet, was sie als nächstes tut - ferngesteuert.

Fast jeder hat heute einen intelligenten Computer in der Hand, der fast genauso viel kann, wie der stationäre Rechner an meinem Arbeitsplatz. Auf den kann ich auch nicht verzichten, aber würde ich ihn deshalb überall mit hin nehmen? Nein. Ich bin froh, dass es Zeiten gibt, in denen ich etwas anderes sehe und mache. Für meine Arbeit und mein Leben brauche ich vor allem eins: einen klaren Kopf.
    Mitgehangen, mitgefangen
    Weil mittlerweile fast jeder mit seinem Smartphone alles macht, geraten komische Leute wie ich allmählich in Bedrängnis. Fernsteuerungs-Apps für meine Kameras wären manchmal sinnvoll. Google Maps könnte unterwegs helfen, und vielleicht würde ich mir ein Ticket für die Straßenbahn kaufen, wenn der Automat wieder mal defekt ist. Bisher komme ich noch ganz gut ohne mobile Fernsteuerung klar, aber die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Irgendwann werde auch ich gezwungen sein, mein Verhalten anzupassen. Man kann weiter zu Fuß gehen, auch wenn es Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge gibt. Man kommt nur nicht so weit, wenn man sich weigert, die neuen Verkehrsmittel zu benutzen. Trotzdem würde keiner ein Flugzeug nehmen, wenn er nur zum Supermarkt an der Ecke will. Weil wir diese Technologie haben und weil alle sie so euphorisch nutzen, werden wir in absehbarer Zeit keine Automaten und kein Bargeld mehr haben, sondern nur noch elektronische Fahrkarten. An der Supermarktkasse zahlen wir dann auch mit dem Handy. Am Ende sind wir lückenlos überwachbar: wann wir uns an welchem Ort befinden, weiß man heute schon. Womit wir unsere Zeit verbringen und wofür wir unser Geld ausgeben macht uns komplett transparent. Wollen wir das? Ach, es ist ja so bequem und zu verbergen haben wir nichts...

    Perspektivwechsel
    Derzeit macht jeder mit seinem Smartphone etwas anderes: Musik hören, spielen, chatten, surfen, lesen, den Weg suchen, telefonieren, fotografieren, filmen, sogar Texte schreiben - die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos. Was beim Blick von Außen so uniform aussieht, ist in Wirklichkeit sehr individuell. Gegen Kreativität hatte ich noch nie etwas. Langeweile gibt's nicht mehr - bewusste Auszeiten sind aber genauso selten geworden.


    Was macht das alles mit uns?
    Viele beklagen sich über die "Schnelllebigkeit" der modernen Zeit, die Hektik, die Oberflächlichkeit, die Massen an schlechten Fotos, die Unkonzentriertheit oder die Vergesslichkeit. Smartphones verführen uns dazu, ständig auf Außenreize zu reagieren, von denen viele schlichtweg überflüssig sind. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer, wenn wir ständig abgelenkt werden, ADHS ist zur Modekrankheit geworden. Unsere Gedanken hüpfen nur noch wie ein flacher Stein über das Wasser. Hier schnell noch dies und da schnell noch jenes, mein Smartphone erinnert mich an meine Termine und zeigt mir den Weg. Und dann kommt der Moment: Hoppla, morgen werde ich ja schon vierzig - ups, wo ist mein Leben geblieben? Ich schau mal in meiner Facebook-Timeline nach...?




















    Unser Zeitempfinden hat etwas damit zu tun, wie intensiv wir Ereignisse, Erlebnisse und Begegnungen mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Derzeit reduziert sich unsere Erlebniswelt immer stärker auf glatte Touchscreen-Oberflächen, visuelle Reize am Monitor und den Klang, den wir uns über Kopfhörer aus einem Computer oder Smartphone reinziehen. Da draußen in der realen Welt und in unserem Inneren gibt es noch viel mehr zu erleben, aber das Gespür für solche Reize lässt allmählich nach. Wenn sich das Leben dann doch mal meldet, tut es das oft auf unangenehme Weise: Unwohlsein, Schmerzen, Gereiztheit. Das wollen und können wir alles "wegmachen", indem wir uns ablenken. Es ist auch viel cooler, den Trends zu folgen: Die ultimative RedBull Challenge, der aberwitzige Bungee-Sprung oder eine klatschende Fangemeinde, die das Gefühl von Lebendigsein suggerieren.

    Derweil können sich viele Menschen, ob jung oder alt, oft nicht mehr auf Inhalte konzentrieren. Längere Texte lesen ist viel zu anstrengend (schön, dass Ihr noch dabei seid!). Studierende versagen in den Grundrechenarten und beim komplexen Denken. Lehrlinge brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab, weil sie völlig überfordert sind. Obwohl im Internet alle Informationen verfügbar sind, werden wir nicht schlauer. Wir merken uns nichts mehr, weil Google alles findet - Alzheimer lässt grüßen? Gedanken bleiben an der Oberfläche, argumentiert wird im Schlagzeilen-Stil, obwohl die meisten Probleme differenzierte Lösungen verlangen. Was am schlimmsten ist: Wenn ständig ein Bildschirm zwischen uns und anderen Menschen ist, gehen die feinen Zwischentöne des menschlichen Miteinander den Bach runter. Es wird gepöbelt, beleidigt und geeifert, da helfen die vielen bunten Wackel-Emojis auch nicht weiter. Im echten Leben würde man sich gut überlegen, ob man sein Gegenüber als Idiot oder Arschloch bezeichnet. Der Bildschirm macht's möglich, weil er die Hemmschwelle herabsetzt.

    Manchmal komme ich mir komisch vor, wenn ich um 18 Uhr meinen Computer herunterfahre, auf mein Rad steige und mich von der digitalen Welt komplett entkopple. Die anderen sind ja immer noch da drin, in dieser merkwürdigen Kiste. Und ich gehe einfach raus? Ja, so lange es noch Menschen gibt, die ich "da draußen" ohne mobile Fernsteuerung treffen kann, so lange es noch möglich ist, eine halbe Stunde mit jemandem ungestört zu reden, oder schweigend in den Sonnenuntergang zu schauen, bin ich gerne offline.

    Nach meinem fotografischen Schlüsselerlebnis, über das ich im Fotonanny-Blog berichte, werde ich mir nun auch so ein Smart-Dingens kaufen. Zuerst hatte ich an ein Fairphone gedacht, aber es wird wahrscheinlich doch ein gebrauchtes Modell aus zweiter Hand. Das werde ich genauso ausschalten wie meinen Computer, denn wenn ich zu viel auf Monitore starre, kann ich meine innere Stimme nicht mehr hören. Die hat mich bisher immer noch davor gewarnt, blindlings in eine Falle zu laufen.

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    Nachtrag Mai 2017: Ein sehr langer aber auch interessanter Artikel in englischer Sprache befasst sich mit dem Phänomen der Smartphone-Sucht und zeigt Wege auf, wie man aus dieser Spirale des Wahnsinns wieder herauskommen könnte - lesenswert!

    Mittwoch, 14. September 2016

    Wiesn 2016: Nein danke.















    "Wir dürfen uns das Oktoberfest nicht vermiesen lassen", sagt der Wiesn-Chef.
    In den letzten Jahren war ich immer mindestens einmal auf der Wiesn, oft sogar mehrmals. Einmal nur zum Fotografieren, einmal zum Eintauchen in den alljährlichen Wahnsinn, und einmal ganz gemütlich mit der Mama auf der Oidn Wiesn für die Nostalgie. Früher waren wir auch mal mit Kollegen zum Feiern dort, wenn eine Firma für uns reserviert hatte.

    Letztes Jahr war ich pünktlich zum Wiesnstart eine Woche lang im Krankenhaus und danach weder fit noch geneigt für einen Wiesnbummel. Heuer gibt's ein neues Sicherheitskonzept: Rucksackverbot und Zäune rund ums Festgelände.
    Rucksackverbot heißt: "Richtig" Fotografieren mit mehreren Objektiven und Stativ dürfte problematisch werden. Das ist nicht gar so schlimm, weil es gute kleine Kameras und Gorillapods gibt. Wir werden 2016 also vor allem Handyfotos zu sehen bekommen.

    Ein eingezäuntes Festgelände geht für mich gar nicht. Ich erinnere mich noch an eines der ersten Jahre, als die Oide Wiesn eingeführt wurde. Die ist auch eingezäunt. Wir wollten zum Auftritt der Unterbiberger Hofmusik, kamen aber nicht rein. Überall drängelten sich die Leute, warteten auf Einlass, keiner wusste, ob und wann es vorwärts gehen könnte - es war der pure Horror. Das Oktoberfest ist auch ohne Zaun schon irre genug mit all den Depperten und Besoffenen, da braucht's gar keine "abstrakte Terrorgefahr" obendrauf.

    Für mich gilt ab sofort: Wenn's schön ist, setze ich mich lieber in einen gepflegten Biergarten. Wenn ich mal wieder Fotos von Karussells und bunten Lichtern brauche, finde ich auf kleineren Veranstaltungen etwas Passendes. Insgesamt ist es auch ganz gut, wenn es nicht jedes Jahr eine "Rekordwiesn" gibt. Die Wirte und Hoteliers werden jammern. Schon im Vorfeld sind die Buchungen deutlich zurückgegangen. Für mich ein leiser Hoffnungsschimmer: Vielleicht muss ich heuer am Bahnhof ausnahmsweise keinen Slalomlauf um die ganzen Kotzhaufen machen?

    [For English readers: Google translate does not know what "Kotzhaufen" means = clusters of barf]

    Freitag, 9. September 2016

    Always look on the bright side of life

    Mein buddhistischer Gleichmut wird manchmal schwer auf die Probe gestellt. Wenn das passiert, frage ich mich als erstes: Liegt's an mir? Bin ich in letzter Zeit aggressiver geworden und wenn ja: Woran liegt das?















    Seit über siebzehn Jahren übe ich Zen-Meditation. Ich kann mich fast jederzeit bewusst entscheiden, ob ich mich über etwas aufregen will, oder ob ich es einfach sein lasse. Ich kann das Gefühl des Ärgers beobachten, zuschauen, wie es in mir aufsteigt. Ich spüre, wie das Adrenalin in meinen Adern kocht, wie es die Atmung beeinflusst und die Muskeln zum Zittern bringt. Ich spüre auch, wenn dieser Effekt wieder nachlässt. Ich kann tief durchatmen, um den Entspannungsprozess zu beschleunigen, und ich kann mich aus Situationen entfernen, die meinen Gleichmut beeinträchtigen.

    Ich weiß, wo der Schalter in meinem Kopf ist, den ich umlegen kann, wenn ich mich nicht echauffieren will. Auf diese Weise kann ich mich aus fast allem raushalten, was mich ansonsten in Rage bringen würde. Dummerweise kommen manche Situationen - sogenannte Schlüsselszenen - immer wieder. Es sind die Momente, in denen mich "das Leben" mit Aufgaben konfrontiert, die allein durch Gleichmut nicht zu lösen sind.

    Am besten trifft es dieses Zitat, bei dem ich das Wort "Gott" bewusst weglasse:

    Gib mir die Gelassenheit,
    Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. 


    Okay, die Gelassenheit ist prinzipiell vorhanden und ich weiß, wie ich sie "einschalte".
    Den Mut, Dinge zu ändern, habe ich grundsätzlich auch.
    Was jetzt noch fehlt, ist die Weisheit der Unterscheidung.

    Worüber sollte ich mich gerechterweise aufregen und worüber nicht?
    Was kann ich ändern, was nicht?

    Ein Experiment

    Vor gut einem Jahr habe ich mich über die vollgestopften Briefkästen echauffiert. Inzwischen habe ich dafür gesorgt, dass die unbenutzten Briefkästen zugeklebt wurden.
    "Anzeigenblätter dürfen auch in Briefkästen geworfen werden, die per Aufkleber Werbung verweigern."  (wochenblatt.de)
    Für meine eigenen habe ich also erst mal die richtigen Aufkleber besorgt, und E-Mails an die Redaktionen geschrieben, die mir trotzdem noch unerwünschtes Papier ins analoge Postfach geschoben haben. Das ist mühsam und kostet Zeit, aber das Fazit: Es funktioniert zu 90%

    Einige Nachbarn im Haus haben sich ebenfalls die Aufkleber geholt, die ich gleich im Zehnerpack bestellt hatte.







    Was bleibt, sind Nachbarn, die weiterhin nur eine Handbewegung kennen: Kostenlose Zeitung im Briefkasten? Rausziehen, auf den Boden schmeißen und sich darauf verlassen, dass sich ein anderer um ihren Müll kümmert. Gutes Übungsfeld, tief durchatmen. Ein Nachbar, den das genauso stört wie mich, trägt jeden Tag das Altpapier hinaus. Wenn er es nicht tut, mache ich es (gestern waren es wieder 20 Ausgaben). Hier könnte der Beitrag enden, mein lokales Problem ist gelöst, der Rest muss mich jetzt nicht mehr interessieren. Ich beobachte jedoch mein kleines Ego, das wutschnaubend mit den Hufen scharrt.

    Weiterhin landen große Stapel ungelesener Wochenblätter zuerst am Fußboden, anschließend im Altpapier und werden schließlich von der Müllabfuhr weggekarrt. Die Papiercontainer sind jede Woche voll bis an die Kante. Jeder Container kostet Gebühren, die zahlen Mieter und Eigentümer in Form von Nebenkosten, bei uns sind das ca. 8 EUR monatlich für die Müllentsorgung. Kein großes Ding für den Einzelnen, aber in Summe wird's interessant.

    Mir fehlen die absoluten Zahlen, um einmal hochzurechnen, wie groß der Berg sinnlos bedruckten Papiers jede Woche ist. Allein in Ostbayern sind es eine Million kostenlose Zeitungen, die verteilt werden, während Zeitungen mit journalistischen Inhalten seit Jahren den Bach runtergehen.

    Die Arbeitsplätze! werden jetzt viele rufen.
    Ja genau, da steckt eine Menge Energie drin:
    • die Forstwirtschaft, die das Holz produziert
    • die Industrie, die das Papier herstellt
    • die Logistik, die das Holz, das Papier und am Ende die Zeitungen von A nach B bringt
    • die Verlage, die Redakteure, die Werbeagenturen, die Grafiker, Fotografen, Autoren (ups, ich!), die davon leben, dass
    • Firmen Werbung machen und ihre Produkte verkaufen
    • die chemische Industrie, die die Druckerschwärze und Farben liefern
    • die Druckereien, die Papier bedrucken müssen, um ihre Mitarbeiter zu bezahlen
    • die Zusteller - Rentner, Schüler, arme Schlucker, die sich ein mageres Zubrot verdienen, weil es sonst kaum Jobs für sie gibt
    • die Leute von der Müllabfuhr und zuletzt
    • die Recycler, die aus dem Altpapier etwas Neues machen.
    Habe ich jemanden vergessen?

    Ja! Nachtrag!
    Vater Staat kassiert bei allen Leistungen, die in dieser Wertschöpfungskette erbracht werden, ordentlich mit: Umsatzsteuer, Lohn-/Einkommenssteuer, Gewerbesteuer und noch ein paar mehr...

    Der Zweck, den eine kostenlose Wochenzeitung einstmals erfüllen sollte (= Informationen, Kleinanzeigen und Werbung an alle Haushalte liefern) wird vielleicht noch zu 20% erfüllt, das ist jedenfalls meine subjektive Beobachtung. Ja, es gibt diese kleine Minderheit von Menschen, die diese Blätter lesen und auf die Werbung reagieren. Und ja: alte Zeitungen eignen sich wunderbar für alles Mögliche, z.B. wenn man umzieht, Schuhe trocknen muss, oder eine Malunterlage für den Kinderschreibtisch braucht. Aber Millionen von Zeitungen... jede Woche? Da müssen viele Wanderschuhe nass werden ;-) Die Aussage des Wochenblatts, man würde vor allem "die junge Zielgruppe" erreichen, treibt mir Lachtränen in die Augen. Ich sage nur: Pokémon-Go!

    Erfolgreich zugestellt!

















    Mit diesen 80% Müll, den es eigentlich gar nicht geben müsste, halten wir einen Kreislauf im Gang, der unseren Wohlstand sichert. Er erzeugt eine fantastische Wertschöpfungskette, von der viele Leute absolut profitieren. Informationen per E-Mail oder im Internet abrufen ist auch nicht besonders umweltfreundlich. Wenn ich eine Alternative wüsste, würde ich sie hier verraten, von Herzen gern! Vielleicht eine Kooperation zwischen Wochenblatt und Niantic, dem Entwickler von Pokémon-Go? Eine App, die den Kunden zum nächsten Supermarkt lockt, weil er an der Kasse anstatt Bonusklebeherzen (Rentner!) oder Payback-Punkten (Sparfüchse!) niedliche kleine Monster gratis dazu bekommt? Das klingt wie ein böser Scherz, ist aber längst Realität.

    Wir stecken in einem Dilemma und der Zeitungsmüll ist nur ein Beispiel von vielen. Bei genauer Betrachtung diverser Zusammenhänge entsteht bei mir der Eindruck, dass wir uns in einer gigantischen Blase bewegen, und dabei insgeheim hoffen, dass diese Blase niemals platzt. Es ist angenehmer, nicht darüber nachzudenken, sich in buddhistischem Gleichmut zu üben, und die Dinge so laufen zu lassen, wie sie sind. Das schont die Nerven und somit die Gesundheit. So werden wir am Ende alt. Dann werden wir das Desaster, an dem wir täglich mitbasteln, selber noch erleben.

    Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun,
    sondern auch für das, was wir nicht tun.



    Das ist ein Zitat von Molière. Dem ist es gelungen, "die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung zu machen". Nicht ärgern, lieber schmunzeln oder wenn's geht sogar darüber lachen. Always look on the bright side of life... (?) Das möchte ich an dieser Stelle auch tun:



    Die frische Ausgabe Altpapier der Kalenderwoche 36 in München Giesing wartet auf Auslieferung. Frau Fotografin freut sich über das tolle Fotomotiv.

    Wer die Hoheit über seinen eigenen Briefkasten zurückgewinnen möchte:
    Hier geht's zu den RICHTIGEN Aufklebern. Wird die Zeitung trotzdem eingeworfen: Beschwerde an die Redaktion, die Mailadresse steht jeweils im Impressum. In besonders hartnäckigen Fällen: Meldung an die Verbraucherzentrale.

    Das nagende Gefühl von "irgendetwas stimmt hier grundsätzlich nicht" ist schwer abzuschütteln, also werde ich weiter meditieren, und meine Beobachtungen beizeiten hier kundtun.

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    Update April 2017: Dass ich nicht die einzige bin, die sich über dieses Thema Gedanken macht, ist tröstlich: Hier geht's zu Markus Pflugbeils Artikel.