Freitag, 28. April 2017

Schubladendenken















"Gegen das Schubladendenken wehrt sich nur,
wer in keine Schublade passt." (Dr. House)

Schubladen sind etwas ausgesprochen Praktisches. Wenn man ordentlich ist, muss man nicht lange suchen. Man weiß man sofort, in welche Schublade man greifen muss, um das Besteck, die passenden Computerkabel, die Batterien oder Speicherkarten für die Kamera zu finden. Auch beim Denken helfen Schubladen: Das ist der Fotograf, das ist der Banker, das ist der Fachmann für...

Blöd ist, wenn man beim Einsortieren nicht genau hinschaut oder wenn man zuwenig Schubladen hat. Zu viele Schubladen wiederum sind auch nicht gut. Am Ende weiß man nicht mehr so genau, ob die Akkus oben links oder rechts in der Mitte sind. Dann braucht man entweder ein gutes Gedächtnis, eine gute Beschriftung oder viel Zeit zum Suchen.

Es gibt kleine, mittlere und große Schubladen, und es gibt immer Sachen, die nirgends so richtig reinpassen. Solche Dinge landen dann im Keller, oder man vergisst, wo man sie untergebracht hat. Das Ungewöhnliche und Sperrige hat es schwer, im praktischen und im übertragenen Sinn. Man geht lieber mit den guten Freunden in den Biergarten, als jemanden mitzunehmen, der total intelligent ist, aber auch komische Sachen sagt und damit andere Leute vor den Kopf stößt.

Kompliziert ist es auch mit den Dingen, die thematisch in mehrere Schubladen passen. Ein rotes Spielzeugauto passt in die Kategorien rot, Auto, Spielzeug. Es könnte aber auch in der Kategorie Kindheitserinnerungen oder Flohmarkt landen. Solch emotionale Bezüge sind manchmal schwer nachzuvollziehen und eine große Herausforderung für Suchalgorithmen.

Wie schwierig es ist, die richtigen Schlagwörter zu finden, erlebe ich gerade bei der Suche nach Fotomotiven in einer Bildagentur. Die Seite zeigt mir nur selten das, was ich wirklich brauche. Das Programm kennt mich nicht so gut wie Amazon, und selbst der Internetriese tut sich nach über zehn Jahren schwer mit mir. Da werden mir Männer T-Shirts und Heavy Metal Musik vorgeschlagen, obwohl ich LaBrassbanda und Haindling gekauft habe. Vielleicht liegt es daran, dass mein Mann unser Amazon Prime Fernsehprogramm zusammenstellt? Ganz sicher ist es untypisch, dass eine Frau vorwiegend in den Kategorien Elektronik, Computer und Foto herumstöbert. Ich bin mehr als dankbar, dass mir kaum Werbung für Beauty Produkte, Kleider oder Schuhe unter die Augen kommt, aber ich frage mich schon gelegentlich, was mir alles entgeht. Die sogenannte "Filterblase", in der eigene Überzeugungen stets verstärkt und abweichende Meinungen systematisch ausgeblendet werden, halte ich für keine erfreuliche Entwicklung. Wie soll man kreativ sein und auf neue Ideen kommen, wenn man immer das Gleiche und Bekannte zu sehen und zu lesen bekommt?

Ich werde also mal wieder aufräumen, alle realen und gedanklichen Schubladen öffnen und durchlüften. Ich bin neugierig, welche verloren geglaubten Schätze dort auf mich warten. Zudem kann ich bei diesem Frühjahrsputz umsortieren, ausmisten und Platz schaffen für neue, interessante Inspirationen.

Freitag, 7. April 2017

Bitte klingeln Sie mal woanders!

Die Packstation im Erdgeschoss - darüber hat die FAZ im Dezember 2015 berichtet und einen netten Beitrag in der Sendung quer des BR gab es ebenfalls zu diesem Thema. Beide journalistischen Beiträge enden mit dem Fazit, dass "die freundliche Oma von nebenan die Stütze der Paketgesellschaft bleibt" oder dass es wenigstens toll für das nachbarschaftliche Miteinander sei, wenn man sich gegenseitig hilft.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: ES NERVT TIERISCH, wenn es alle dreißig Minuten an der Tür klingelt!


Der ganz normale Wahnsinn in einer Erdgeschosswohnung










An guten Tagen ist es nur DHL oder Amazon. An schlechten Tagen kommt morgens um neun die Postbotin, die eine übergroße Briefsendung nicht einfach im Hausflur platzieren möchte, um zehn Uhr klingeln fremde Leute, die dem Nachbarn etwas in den Briefkasten einwerfen möchten, und dann beginnt das große Schaulaufen sämtlicher Paketdienste, von A wie Amazon bis U wie UPS. Ab Donnerstag gesellen sich die Austräger kostenloser Wochenenzeitungen hinzu und zwischendurch klingeln die Kids aus dem vierten Stock, weil die kinderreiche Familie es sich offensichtlich nicht leisten kann, jedem ihrer Sprößlinge einen eigenen Schlüssel zu geben.

Meine Mutter war jahrelang diese "freundliche Oma von nebenan", die für ihre Nachbarn Pakete angenommen hat. Nicht nur die kleinen, oft waren es richtig schwere Kisten, manche fast so groß wie ein Kühlschrank. Der Flur ist nur 1,50 Meter breit, manchmal konnte man die Wohnungstür kaum noch öffnen, wenn solche Kisten zwischengelagert wurden. Der übers Wochenende verreiste Nachbar kam schließlich nach drei Tagen, klingelte abends um halb zehn und holte seine Sendung aus der privaten Packstation. Dankeschön. Zum Kaffeeklatsch hat uns noch keiner eingeladen.

Mittlerweile kann meine Mutter kaum noch laufen, ist auf eine Gehhilfe angewiesen und braucht zwei Minuten, bis sie überhaupt an der Tür angekommen ist. Würde sie das Paket annehmen, hätte sie den gleichen Stress ein zweites Mal, nämlich dann, wenn der Nachbar (spät) abends klingelt, um sein Päckchen abzuholen. Was machen die Zusteller, wenn wir die Annahme verweigern? Sie lassen die Kisten einfach auf dem Treppenabsatz stehen, auch wenn der Empfänger im fünften Stock wohnt. Krass.

Dank moderner Trackingmethoden weiß man heute sehr genau, wann eine Sendung kommt. Mein Tipp: nur bei Händlern kaufen, die mit Tracking-ID versenden. Bei DHL kann man sich sogar einen alternativen Wunschtermin für die Zustellung aussuchen. Bei Amazon gibt es auch die Option, alle Bestandteile einer Bestellung in einer Sendung zusammenzufassen. "Kostenlose Lieferung sofort" ist zwar schön, aber warum muss der Fahrer an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils einen Mini-Briefumschlag abliefern? Das ist doch irre.

Natürlich passiert es auch mir gelegentlich, dass eine Sendung ankommt, wenn ich gerade mal nicht da bin. Dann bin ich auch froh, wenn es jemanden nebenan gibt, der mein Päckchen annimmt. Solange das auf Gegenseitigkeit beruht, ist es wunderbar. Wenn es aber so läuft, dass immer nur einer für alle anderen da ist, muss man sich nicht wundern, wenn dieser eine irgendwann kein "Wunschnachbar" mehr sein möchte.

Mein besonderer Dank gilt in diesem Fall meinem Nachbarn Sven S., der auch in einer Erdgeschosswohnung zuhause ist. Ich werde ihm demnächst mal eine Tafel Schokolade in den Briefkasten stecken!