Kunst to Go

Heute möchte ich Ihnen ein Meisterwerk der Digitalromantik 4.0 nahebringen. In diesem sonnendurchfluteten Idyll aus dem Jahr 2017 sieht man erst auf den zweiten Blick, dass sich die Künstlerin mit dem Sujet "Zweirad" beschäftigt hat. Der zerschlissene Plastiksattel in der rechten Bildmitte springt nicht sofort ins Auge. Erst wenn der Betrachter den Lenker des pedalgetriebenen Fahrzeugs erspäht, wird deutlich, wo sich das leuchtendgrüne Hauptobjekt befindet: auf einem Gepäckträger.

Die angedeuteten Teile einer Efeuhecke am rechten Bildrand lassen ahnen, dass sich das oft als "Drahtesel" bezeichnete Transportmittel an einem Wegesrand befindet. Das Fehlen einer typischerweise mit Fahrradschutzhelm bekleideten Person legt nahe, dass dieses Zweirad zum Zeitpunkt der digitalen Fotoaufnahme nicht aktiv betrieben wurde. Vielmehr scheint das Objekt schon seit längerer Zeit auf die Rückkehr seines Eigentümers zu warten.

Es ist nicht bekannt, ob diese Person wegen eines länger anhaltenden Regens auf das hier gezeigte Zweirad verzichtet hat, oder sich einfach nur im Park verirrt hat. Doch erst jene Abwesenheit hat die unvergleichliche Installation aus verknitterter Aluminiumfolie, halb zerdrückten PET-Flaschen, Coffee-To-Go-Bechern unterschiedlicher Couleur und zerknülltem Papier ermöglicht. Kunst to Go! lautet folglich auch der Titel dieses bis dato unübertroffenen Meisterwerks.







































Die sauber verlegten rechteckigen Platten am Boden stehen symbolisch für die Ordnungsliebe der Menschen, die tagtäglich jene hier im Hintergrund gezeigte Schwelle überschreiten. Hier verlassen Menschen den öffentlichen Weg. Sie treten ein in den grün bewiesten Park, erleben ihre Naturverbundenheit und kehren erfrischt zurück. Ihre Ordnungsliebe ist es auch, die sich in der kunstvollen Anordnung oben genannter Objekte widerspiegelt. Sie liegen nicht mehr im Park und auch nicht neben dem Zweirad. Nein, sie wurden sorgsam arrangiert.

Was zunächst nur als alternativer und kostenlos erhältlicher Fahrradkorb diente, in dem der Eigentümer des Zweirads sein Hab und Gut zu transportieren suchte, transformierte binnen weniger Tage zu einer beachtlichen Sammlung zeitgemäßer Alltagskunst.

Geradezu symbolisch wirkt in diesem Kontext der eigentliche Ursprung der grünen Box. Unverschlissen sieht sie aus, geradezu frisch und neu wirkt sie im Gegensatz zum Fahrradsattel. Hier zeigt die Künstlerin ihre Fähigkeit, subtil auf inhaltliche Kontraste hinzuweisen.

Mehr noch: in derlei grünen Kästen wurde zu Anfang des dritten Jahrtausends menschlicher Kultur üblicherweise transportiert, womit sich der Mensch ernährte: Obst und Gemüse.
Umfunktioniert zum Fahrradkorb erfüllt die Transportbox hier eine neue, moderne Funktion. Sie nimmt auf, was Spaziergänger im Park aufgelesen haben. Hier findet der seit Jahrtausenden in den menschlichen Genen angelegte Trieb des Jagens und Sammelns seinen ultimativen Ausdruck. Essbares war in diesen Objekten ursprünglich angelegt, Nahrung, die dem Überleben dient. Doch in diesem Werk schwingt auch ein Hauch von Vergänglichkeit mit: die Inhalte sind verloren, verbraucht, aufgegessen und getrunken. Geblieben ist jeweils nur die Hülle. Ja, sie ist farblich immer noch attraktiv, geradezu anziehend. Doch versucht man nach dem orangefarbenen Becher zu greifen, der in einem klassischen Kalt-Warm-Kontrast zum giftgrünen Korb gehalten ist, wird man zweifelsohne enttäuscht. Die Objekte sind kalt, leer, und verbreiten einen gewissen Odeur-de-Muff, doch diese Ebene der Kunstbetrachtung wird nur jenen zuteil, die das Werk leiblich und mit allen Sinnen in Augenschein nehmen.

Die spektralfarbene Sonnenflut, die sich von links oben über das Motiv ergießt, will förmlich über die Vergänglichkeit allen Seins hinwegtrösten. So mag man das Arrangement entleerter und sinnentfremdeter Nahrungsmittelbehältnisse in späteren Zeiten vielleicht als eine Form göttlicher Anbetung verstehen. Der Gott ToGo hatte in diesen Tagen viele, nein sehr viele Jünger.

Wir können in diesem Werk also auch eine Huldigung sehen, in dem die Schöpfer der Installation dem Gott des Genusses ihre Ehrerbietung zeigten. Es war eine Joggerin, der es gelang, diesem Ausdruck postmodernen ToGo-Schamanismus ein würdiges Denkmal zu setzen.

Aufgenommen mit einem für diese Zeit typischen Smartphone ist ein Meisterwerk der Digitalkunst 4.0 entstanden, das unübertroffen für den Zeitgeist steht, der die Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends beherrschte. Wir verneigen uns in Ehrfurcht!

Wenn Sie einen handsignierten Druck dieses Werks Ihrer Kunstsammlung hinzufügen wollen, wenden Sie sich an Sotheby's.  Stichwort: 1000 Meisterwerke #0001

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