Dienstag, 3. September 2019

Lebensabschnittsfreunde

Langjährige Freundschaften sind seltener geworden. Im Laufe unseres Lebens verschwinden viele Freunde, andere kommen hinzu. Die sozialen Medien scheinen diese Entwicklung zu verstärken. Heute haben wir generell mehr Kontakte als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Einerseits ist es einfacher geworden, den Kontakt auch über größere räumliche Distanzen aufrechtzuerhalten. Auf der anderen Seite sind viele Verbindungen oberflächlicher. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagt dazu: "Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht."

 
Schon früher waren die meisten Freunde nur „Lebensabschnittsgefährten“, und dafür gibt es viele Gründe. Wenn Sie Lust haben,  nehmen Sie ein Blatt Papier zur Hand, und machen Sie sich Notizen. Unterscheiden Sie zwischen Kontakten, Kollegen, Bekanntschaften, Freunden und nahen Freunden.  
  • Was macht für Sie eine gute Freundschaft aus?
  • Welche Ihrer Freundschaften besteht am längsten?
  • In welcher der nachfolgend beschriebenen Phasen haben Sie Freundschaften verloren, aber auch dazugewonnen? Notieren Sie die Namen oder führen Sie eine Strichliste.
  • Welche Ihrer Freundschaften sind am beständigsten?
  • Worauf basieren diese Freundschaften?
Optional: 
  • Wie viele Facebook-Freunde haben Sie?
    (Ersetzen Sie Facebook gegebenenfalls durch andere soziale Netzwerke, die Sie nutzen.) 
  • Wie viele dieser Freunde treffen Sie im realen Leben?
Ihre Freundesliste
Zu einer klassischen Job-Bewerbung gehört ein tabellarischer Lebenslauf, der sich auf den schulischen und beruflichen Werdegang konzentriert. Diese Liste können Sie als Grundlage nehmen. Notieren Sie einmal, welche Freunde Sie in welcher Lebensphase gewonnen, und welche Sie unterwegs wieder verloren haben.

Sandkastenfreunde: Haben Sie noch welche?
Die frühesten Freundschaften schließen wir in der Kindheit. Es sind unsere Spielgefährten aus der Nachbarschaft oder aus dem Kindergarten, mit denen wir erste Beziehungserfahrungen jenseits der Familie machen. Manchmal halten solche Freundschaften ein Leben lang, aber meistens trennen sich die Wege mit der Einschulung oder beim Wechsel auf eine höhere Schule. Manchmal beendet auch ein Umzug der Eltern den Kontakt zu diesen ersten Freunden. Aus den Augen, aus dem Sinn...?

Schul- und Jugendfreunde: Wer ist geblieben?
Im nächsten Lebensabschnitt werden wir in Klassenverbänden zusammengewürfelt, es enstehen Cliquen und Freundschaften, die unsere Schulzeit prägen. Sobald man eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, bleibt vielleicht eine beste Freundin, oder der beste Kumpel mit denen man sich ins Nachtleben stürzt. Spätestens mit der ersten festen Beziehung oder dem ersten Job beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Viele gehen für ein Jahr ins Ausland. Trotz sozialer Medien sind die räumliche Distanz und die neuen Lebensinhalte eine Herausforderung für Freundschaften.

Berufsleben: Wen treffen Sie immer noch persönlich?
In der Fremde oder im Job trifft man auf potenzielle neue Freunde, manche davon werden zu neuen Wegbegleitern. Die Karriere befördert uns in eine andere Stadt, oder in ein anderes Unternehmen, und wieder lösen sich Kontakte über kurz oder lang auf. 

Wer seinen Job verliert, und womöglich längere Zeit arbeitslos bleibt, hätte genug Zeit für Freunde, doch die sind alle auf der Erfolgsspur, meistens auch im Hamsterrad. Sie finden einfach keinen Platz im Terminkalender. Manchmal meiden sie den Kontakt, weil es ihnen unangenehm ist, dass sie von der Entlassungswelle verschont wurden, während es den guten Freund voll erwischt hat. Neid, Missgunst, Verbitterung oder ein schlechtes Gewissen sind für niemanden ein guter Freund. Vertrauen und Respekt wachsen, wenn wir erfahren dürfen, dass jemand zu uns steht, auch wenn wir Probleme oder einen Fehler gemacht haben.

Lebenskrisen: Wer besteht die Feuerprobe?
Besonders einschneidend sind auch schwere Krankheiten, tragische Unfälle oder andere Lebenskrisen, die zu jeder Zeit in Erscheinung treten können. Es heißt wirklich gute Freunde erkenne man, wenn es jemandem schlecht geht. Das ist wahr, aber wer Anderen in dunklen Phasen beistehen will, muss selbst sehr viel Kraft haben. Krisen bei anderen lösen manchmal eigene Ängste aus, denen man sich nicht stellen kann. Vielleicht befindet sich der gute Freund / die beste Freundin gerade selbst in einer schwierigen Phase, redet aber nicht darüber. Wenn sich Freunde in Krisenzeiten rar machen, ist das bitter. Umso wichtiger und wertvoller sind die anderen, die bleiben.
Um jemanden aus einem Sumpf zu ziehen, ist professionelle Hilfe manchmal unverzichtbar: Schwere Depressionen sind mit gutem Zureden allein nicht zu bewältigen. Ein besonders prägnantes Beispiel ist auch der Alkoholismus. Falsch verstandene Freundschaft führt hier nicht selten zu einer Co-Abhängigkeit und verhindert eine mögliche Heilung. Mehr dazu finden Sie bei den weiterführenden Links am Ende des Artikels.

Partner und Familie: Gleich und gleich gesellt sich gern
Viele Single-Freundschaften lösen sich auf, wenn jemand die Traumfrau oder den Traummann findet. Der oder die Lebensgefährtin wird wichtiger als die alten Freunde, gemeinsame Freizeitaktivitäten ebben ab.

Sobald Kinder auf die Welt kommen, gibt es für die meisten Eltern nur noch dieses Thema. Die Natur hat das so vorgesehen, darum gibt es daran nichts zu rütteln. Hinzu kommt, dass Eltern jetzt noch weniger Zeit und noch mehr Pflichten haben. Die wertvolle Freizeit neben Job, Haushalt und Familie wollen die meisten Menschen nicht mit Leuten verbringen, die völlig anders ticken als sie selbst. So sucht sich jede Gruppe ihre Gleichgesinnten: Die Immer-Noch-Singles bleiben unter sich, Eltern finden bei Eltern mit Kindern im gleichen Alter neuen Anschluss und Entlastung für ihre Themen.

Manchmal durchlaufen Freunde diese typischen Phasen zeitgleich, oder es gibt andere Gemeinsamkeiten, die Freundschaften auch in solchen Zeiten zusammenschweißen.

Midlife Crisis?
Sobald die Kinder aus dem Haus sind, gehen das Leben und die Beziehung in eine weitere Phase. Vielleicht trennen sich die Partner, dann teilt sich der Freundeskreis in zwei Lager. Mit den neuen Herausforderungen entstehen womöglich neue Lebensabschnittsfreundschaften, oder es ist wieder Zeit für alte Freunde, wenn sie denn noch da sind.
Freundschaften, die jahrelang ruhen oder auf Sparflamme kochen, können zu neuem Leben erwachen, wenn die Zeit und die Beteiligten reif dafür sind.

Rente: Neustart
Ein anderer großer Schnitt im Leben ist der Übergang in die Rente. Manche Menschen leben jetzt erst richtig auf, und verwirklichen viele Dinge, zu denen sie vorher nie Zeit hatten. Wer sich immer sehr stark über den Beruf definiert hat, läuft nun Gefahr in eine depressive Phase zu rutschen. Im fortgeschrittenen Alter werden wir zunehmend mit unserer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert, und das nicht nur wenn vermehrt Nachrichten von Todesfällen eintreffen. Freunde sind in diesem Lebensabschnitt besonders wichtig, weil sie uns beflügeln, in Krisen unterstützen, oder gar vor sozialer Isolation bewahren können. Das gilt insbesondere für Menschen, die keine große Familie und keine Enkel haben. Wer aktiv ist und leicht neue Freundschaften schließt,  kann es in jeder Lebensphase besser verkraften, alte Freunde zu verlieren.

Freundschaften pflegen
Wenn wir alle Freundschaften, die wir im Laufe unseres Lebens geschlossen haben, auf Dauer intensiv fortführen wollten, hätten wir ein großes Zeitproblem. Darum ist es ganz normal, dass man zwischendurch immer wieder "aussortiert", und Beziehungen einschlafen lässt. Oft verläuft dieser Prozess in beiderseitigem Einvernehmen. Man denkt manchmal noch an die Schulfreunde, aber es reicht, wenn man sie alle zehn Jahre beim Klassentreffen wiedersieht. Man war vielleicht ein paar Jahre lang in einem Sportverein aktiv, und hat sich mit den Kumpels regelmäßig nach dem Training über das Erlebte ausgetauscht, aber jetzt ist es mit diesem Sport oder irgendeinem anderen Hobby vorbei. Beim Wiedersehen unterhält man sich gerne über die gemeinsame Vergangenheit, aber es muss einen Anknüpfungspunkt in der Gegenwart geben. Andernfalls enden die Gespräche in hohlem Smalltalk. 



Gesprächsthemen
Freunde sind Menschen, vor denen man laut denken kann. (Ralph Waldo Emerson)
Die Frage "Wie geht es dir?" benutzen manche Menschen als Floskel, die Antwort "gut", kann ein aufkeimendes Gespräch lähmen. Manche Leute beherrschen nur Small Talk und sind absolut glücklich damit. Für andere hat diese Form der Kommunikation zu wenig Substanz. 
Mitunter führen Lebenswege in verschiedene Richtungen und es entsteht eine soziale Kluft, die vorher nicht da war. Freunde referieren beim Abendessen nun über Champagner und Austern, oder loben die tolle Privatschule, auf der ihre Kinder jetzt gefördert werden. Die alleinerziehende Freundin, die immer knapp bei Kasse ist, zieht es vor, früher nach Hause zu gehen. Vielleicht sitzen Menschen in der Runde, die jedes noch so kleine Detail aus ihrem Alltag aufzählen, endlos politisieren oder unaufhörlich darüber jammern, wie schlecht die Welt ist. Da ist es kein Wunder, dass manch eine/r künftig zuhause bleibt, und lieber eine Netflix-Serie anschaut, die mehr Spannung verspricht.

Werte und Weltanschauungen
Menschen entwickeln sich auch persönlich weiter. Neue Partner, neue Bekanntschaften und ein neues Berufsumfeld führen nicht selten zu neuen Interessen oder gar neuen Weltanschauungen. Sie sind Atheistin und Ihre ehemalige Kollegin erzählt Ihnen, dass sie von Jesus gerettet wurde... Schwierig. Ihr Schulfreund war immer schon konservativ, jetzt sympathisiert er mit den Reichsbürgern? Sie wollten ihm gerade von Ihren Erfahrungen aus der Transgender-Community  erzählen? Oder geht Ihnen bei obskuren Verschwörungstheorien sofort der Hut hoch?

Kontakte, die uns mit zu fremden Lebenswelten konfrontieren, oder uns gar dazu bewegen wollen, unser eigenes Lebenskonzept zu hinterfragen, sind ausgesprochen unangenehm. Unter offenen Menschen können sich aus solchen Diskrepanzen gute Diskussionen entwickeln. Zu starke Überzeugungen, die in Missionierungseifer münden, führen zum Rückzug. Damit Menschen gute Freunde werden oder bleiben können, müssen sie in ihren Interessen und Grundwerten weitgehend übereinstimmen.
  • Auf welche Freunde können Sie verzichten und warum?
  • Haben Sie schon einmal aktiv nach verlorengegangen Freunden gesucht und diese wiedergefunden?
  • Gibt es Freunde, bei denen Sie sich gerne wieder melden würden, es aber doch immer wieder vermeiden? Wenn ja, versuchen Sie für sich zu klären, welches Gefühl Sie daran hindert.
  • Welcher Freund/welche Freundin hat sich nach langer Zeit unerwartet wieder bei Ihnen gemeldet? Wie war das so?

Eine kleine Anekdote zum Schluß
An diesem Artikel habe ich über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen immer wieder gearbeitet und an den Texten gefeilt, ohne etwas zu veröffentlichen oder darüber zu sprechen. In dieser Zeit haben sich mehrere alte Freunde bei mir und meinem Mann gemeldet, von denen wir teilweise über zehn Jahre lang nichts mehr gehört hatten. Letzte Frage für heute: Glauben Sie an Zufälle? 

Weiterführende Links
 

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