Freitag, 15. Juli 2022

Familienbande

 
Wie verstehen Sie das Wort "Familienbande"? Gemeinhin steht es für das Band im Sinne einer genetischen und emotionalen Verbindung zwischen Familienangehörigen. Der Begriff lässt aber auch eine Wortspielerei zu: Eine Bande ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Individuen, die sich mehr oder weniger freiwillig zusammentun und, laut offizieller Definition, gemeinsam Straftaten begehen. 😅 Irgendeine*r ist der Kopf einer Bande, es gibt Hierarchien, eine Aufgaben- und Rollenverteilung, Gemeinsamkeiten und Rivalitäten. In der Familienbande ist Nachwuchsförderung eine der elementaren Aufgaben.
 
"In meinen Kindern lebe ich weiter", sagen viele stolze Eltern und damit haben sie recht. Kleine Menschen sind das lebende Abbild ihrer Eltern, aber auch ein "Produkt" der Umgebung, in der sie aufwachsen. Kinder lernen am Modell, plappern alles nach, und übernehmen die Verhaltensweisen und Denkmuster ihrer Eltern.
In den prägenden Phasen werden wir alle zunächst nur mit den Emotionen, Erfahrungen, dem Wissen und den Glaubenssätzen unserer unmittelbaren Bezugspersonen ausgestattet. "Hach, das Leben ist schwer", seufzte meine Großmutter regelmäßig. Ihr Leben war schwer, keine Frage. Aber gilt das auch für mich? Als Kind kann man das nicht beurteilen, und die Oma ist lieb. Die wird schon wissen, was sie sagt!? Nein, sie konnte nicht wissen, was sie mit solchen Sprüchen anrichtet.

Die Familie setzt den ersten Maßstab
Die vielzitierte Chancengleichheit beginnt nicht erst in der KiTa oder Schule. Ob wir BILD, den Merkur oder die Süddeutsche lesen, oder ob Lesen überhaupt eine interessante Beschäftigung ist, hängt davon ab, was die Eltern vorleben. Heutzutage versperrt das Smartphone häufig den direkten Blickkontakt zwischen Vater/Mutter und dem Nachwuchs.

Sind die Kinder klein, müssen wir ihnen helfen, Wurzeln zu fassen. Sind sie aber groß geworden, müssen wir ihnen Flügel schenken.
(Aus Indien)

Eltern sind nicht nur bewusst Erziehende, sondern in jedem Augenblick ihres Daseins Rollenmuster für alles: Was wird gegessen, worüber wird gesprochen, wie gehen die Partner miteinander um, welche Filme werden geschaut (allein oder zusammen?), was passiert in der Freizeit? Manche Kinder haben Eltern, für die Bildung Nebensache ist. Andere werden schon im Mutterleib mit vermeintlich entwicklungsfördernden Inhalten bespielt, oder wachsen bei den Großeltern auf. All das hat prägenden Einfluss auf die spätere Persönlichkeit.
 
Kinder ihrer Zeit
Es sind nicht nur die Eltern, auch jede Epoche hat ihre eigenen Besonderheiten. Wir "Babyboomer" mussten mehr oder weniger geduldig auf die Ausstrahlung unserer Lieblingssendungen im Fernsehen warten, und es gab nur diese eine Gelegenheit sie zu sehen. Wenn wir ins Spiel vertieft waren, haben wir auch mal vergessen, dass eine bestimmte Sendung im TV läuft. Heute sind alle Inhalte über digitale Medien jederzeit verfügbar. Was macht das mit uns und den Kindern? Ungeduld und Unruhe, wenn etwas nicht sofort geliefert wird? Überforderung angesichts der unendlichen Auswahlmöglichkeiten? Meine Großeltern hatten in ihrer Jugend nicht mal einen Fernseher. Da war gerade drittes Reich. Heute ist der Tagesablauf vieler Kinder genauso durchgetaktet wie der Terminkalender der berufstätigen Eltern.

Helden der Kindheit
Noch mit fünfzig erinnern wir uns an die Film- oder Hörspiel-Helden unserer Kindheit, und jede Generation hat ihre eigenen. Manche bleiben lebenslang im Hintergrund präsent. Kinder und Jugendliche sind heutzutage selbst Youtube- oder Instagram-Stars und wollen "berühmt" werden. Dabei geht es letztlich um Aufmerksamkeit, nach der sich alle Menschen ihr Leben lang sehnen, und um Liebe. Manche Kinder bekommen zuviel davon, andere zu wenig. Die einen Eltern sind streng und erzkonservativ, die anderen sehr liberal oder gar nachlässig. So bringt jede*r eine andere Grundkonfiguration aus dem eigenen Elternhaus mit, und gibt sie in abgewandelter Form an die eigenen Kinder weiter.
 
Hatten Sie Glück mit Ihren Eltern?
Nicht jede*r hat eigene Kinder, aber jede*r war mal Kind. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, die Sie unbedingt oder keinesfalls an Ihre eigenen Kinder weitergeben woll(t)en? Wie gut hat das geklappt?

Der Anspruch alles richtig oder gar besser zu  machen, ist schwer zu erfüllen. Wenn die Kinder später selbst zu Eltern werden, relativieren sich viele Erfahrungen aus der eigenen Biographie. Ich weiß nicht von wem das kluge Zitat stammt: "Wir machen nicht die gleichen Fehler wie unsere Eltern, wir machen andere."
 
In jedem Kind werden nicht nur die Gene der Partner neu gemischt, da verbinden sich auch verschiedene Lebenswelten und "Familienbande(n)", die sich im Lauf der Zeit als mehr oder weniger kompatibel herausstellen. Keine Kinder in die Welt zu setzen ist für die meisten Menschen undenkbar, manchmal aber eine gute Option. Traumatisierte Eltern sind nicht der allerbeste Start ins Leben, aber als Kind kann man sich das nicht aussuchen. Da muss man nehmen, was man kriegt.

Generationenübergreifend

Die Lebenswelten der jungen, älteren und der ganz alten Generationen haben sich immer schon unterschieden. Gleichzeitig wiederholen sich bestimmte Muster in der Familie und in der Gesellschaft. Hören Sie manchmal das Echo einer Vergangenheit, die Sie glaubten längst hinter sich gelassen zu haben? Standardsätze wie "Der Opa hat immer gesagt...", bestimmte Gesten, Tonlagen oder Gesichtsausdrücke? Wir finden sie manchmal zufällig bei anderen Menschen, und das kann uns "triggern". Oh, dieser Arsch! Ah, diese tolle Frau...


Früher wurden Menschen nicht so alt, heute können mehr alte Menschen das Heranwachsen ihrer Urenkel miterleben. Einerseits sind sie wichtige Zeitzeugen mit einem enormen Erfahrungsschatz, andererseits hat sich die Welt weiter gedreht. Einige alte Konzepte passen nicht mehr. Bei der Erziehung wollen die Alten immer noch mitreden und ihre eigenen Werte verankert wissen. Die Kinder werden aus dem Potpourri an Lebensanweisungen wieder ihr eigenes Süppchen kochen. Die Rezepte verändern sich im Lauf der Zeit, es kommen auch neue Zutaten hinzu. Das nennt man Weiterentwicklung, sonst hätten wir heute immer noch die Prügelstrafe.

Erwachsen werden
Die Phase der Pubertät ist für alle Beteiligten schrecklich, aber unverzichtbar, um zu einer eigenständigen Person heranreifen zu können. Spätestens in diesem Alter fangen Kinder an, ihre Eltern zu kritisieren. Manchmal haben sie recht, manchmal auch nicht. Erst im Rückblick erkennen wir, was an der Erziehung gut oder schlecht für uns war. Dazu  müssen wir die nötige Distanz entwickeln. Mutti oder Vati hatten nicht immer recht, und haben manchmal ziemlichen Bockmist gebaut. Wenn man darüber reden kann, lässt sich das auflösen. Wenn nicht, bleiben offene Wunden. Sterben die Eltern oder ein Elternteil zu früh, hinterlassen sie eine Lücke, die sich nie vollkommen schließen lässt.

Sobald wir das Elternhaus räumlich hinter uns lassen, haben wir theoretisch die Freiheit uns von den "Altvorderen" zu lösen, und ein eigenes Leben anzufangen. Im Idealfall bleiben die Eltern gute Berater. Auch wenn das Verhältnis gut ist, bleiben Relikte aus den frühen Lebenserfahrungen in uns verankert. Manche liegen jenseits der mit dem Verstand zugänglichen Erinnerung. Bezugspersonen sind "institutionalisiert" in ihrem Tun oder Nicht-Tun, in ihren liebenswerten und verhassten Eigenschaften. Diese unbewussten Muster begleiten oder verfolgen uns bis ins Erwachsenenalter. Kennen Sie ein paar Ihrer "Familienmuster"?

Mauern des Schweigens
Tabuthemen, die totgeschwiegen, oder in der Diskussion mit Angehörigen abgewürgt werden, entpuppen sich oft als Sprengstoff mit Zeitzünder. Irgendwann kommt etwas hoch, meistens an der falschen Stelle. Manchmal führen wir einen ungelösten Konflikt, den wir mit dem Vater oder der Mutter hatten, mit Lebenspartnern, Kollegen oder Vorgesetzten unbewusst weiter. Das kann sich in permanentem Aufbegehren gegen Autoritäten bemerkbar machen, oder im genauen Gegenteil: Unterwürfigkeit. Wenn das Verhaltensrepertoire flexibel und der jeweiligen Situation angemessen ist, haben die Eltern eine gute Basis geschaffen. Dass sie stets nur das Beste getan haben, sagen fast alle. Fehler einräumen ist schwieriger.

Abgrenzung tut Not
Entwickeln erwachsene Kinder andere Wertvorstellungen als ihre Eltern, kommt es zu Konflikten. Manchmal ist es notwendig, auf Distanz zu gehen, oder sogar den Kontakt abzubrechen. Es kommt auch vor, dass Familienmitglieder "verstoßen" werden, weil sie sich "unmöglich" verhalten oder Erwartungen nicht erfüllt haben. Bei diesen Differenzen geht es nicht unbedingt darum, wer recht hat. Die Distanz ist wichtig, um Gräben und Wunden nicht weiter zu vertiefen.
Hinter Kontaktabbrüchen stecken Muster und emotionale Verletzungen, die auf beiden Seiten bearbeitet werden müssten, aber oft nicht bearbeitet werden können. Was als Sturheit oder Uneinsichtigkeit daherkommt, und ist oft nichts anderes als eine tiefe Kränkung, über die man nicht reden kann, und deren wahre Ursachen man vielleicht gar nicht kennt. So bleiben Rechnungen offen, und die werden gerne weiter vererbt: "In meinen Kindern lebe ich weiter."


"Ich hatte tolle Eltern und eine super Kindheit".
Schön für Sie! Bei manchen Menschen sitzt der Groll gegen die Eltern so tief, dass er bis über deren Tod hinaus anhält. Schon der Gedanke an die autoritäre Mutter oder den weinerlichen Vater kann auch bei Erwachsenen den Blutdruck nach oben treiben. Sie müssen Ihren Eltern nicht verzeihen, auch wenn das immer wieder als angebliche Lösung angeboten wird. Sorgen Sie für sich selbst, bis Sie vielleicht eines Tages genug Kraft haben, die Schatten der Vergangenheit anzuschauen und Frieden zu schließen.

Ich will auf keinen Fall so werden wie meine Mutter/wie mein Vater
ist ein Lebenskonzept, das genausowenig realistisch ist, wie die Hoffnung mancher Eltern, ihre Sprößlinge nach ihrem Idealbild zu formen.


Kinder sind wie ihre Eltern - und doch ganz anders. Darum bevorzuge ich mittlerweile das Konzept der "Seelenverwandtschaft". Davon profitiert auch die "Familienbande". 😊


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