Mittwoch, 27. Juli 2022

Out of order

"Heute gibt es nichts zu lachen", sagte der sonst so freundliche Bäcker, als ich an der Reihe war. Auf seiner Stirn stand Schweiß, und hinter mir hatten schon die nächsten drei Kunden in der Warteschlange Aufstellung genommen. Wir warteten mit großem Abstand, also reichte die Schlange bis auf die Straße hinaus. Normalerweise ist dieser Verkäufer sehr nett und gesprächig, diesmal überhaupt nicht. Schon während er das Brot für die Kundin vor mir aus der Schneidemaschine geholt hatte, hatte ich ihn ärgerlich grummeln hören. Erstaunlich, denn dieser Verkäufer ist ein Meister im Brotschneiden. 

Weil es aus Gründen der Gasknappheit mittlerweile zehn Brotsorten weniger im Programm gibt, hatte ich mir beim Warten einen Überblick verschafft, welche Sorte ich diesmal ausprobiere. Die Optik macht viel aus. Als ich wie immer geschnitten Brot bestellte, erfuhr ich den Grund für den Unmut des Bäckers: "Die Brote sind heute alle viel zu weich aus der Produktion gekommen!" Sie ließen sich also nicht wie gewohnt schneiden, wurden unregelmäßig, eine unkalkulierbare Mischung aus sehr dicken, und ein paar sehr dünnen Scheiben dazwischen. Kein Problem, ist halt so. Da kann der Verkäufer nichts dafür, aber es gibt Kunden und Kundinnen, die sich über so etwas tierisch aufregen, und dann das Personal hinter der Theke anpflaumen. Kein guter Tag für den Verkäufer. Wir hatten keine Zeit für ein Gespräch, und die Luft war sowieso viel zu dick dafür.

Ich stahl mich mit meiner Brotsorte der zweiten Wahl davon. Im Supermarkt direkt nebenan wollte ich kurz nachschauen, ob es gerade günstige Angebote fürs Mutterhome gibt. Je weiter ich durch den Laden schritt, desto deutlicher fielen mir die halbleeren bis leeren Regale auf. Das ist in diesen Tagen nicht ungewöhnlich, weil die Ware oft spät kommt. Beim Sonnenblumenöl ist immer noch Ebbe. Diesmal waren auch die Reihen der Konservendosen und Weinflaschen besonders stark gelichtet. Durch eine leere Doppelregalfront war der Blick frei bis zum Kühlregal im nächsten Gang. Trotzdem sah es nicht nach Hamsterkäufen aus, denn dafür fehlten zu viele völlig unterschiedliche Produkte. Aus dem Augenwinkel registrierte ich, dass es noch Klopapier gab. Selbst wenn ich an diesem Tag nachrichtentechnisch etwas Wichtiges verpasst hatte: Wenn Klopapier da war, konnte es nicht so dramatisch sein. Ich beschloss nachzufragen, warum die Warenauslage so löchrig war. Ein Logistikproblem?

"Die Mitarbeiter im Auslieferunglager haben alle Corona, wir kriegen nichts mehr. Kühlware schon, aber eben nicht die Ware aus der Zentrale", erklärte die Frau auf der Trittleiter, und fügte leicht verzweifelt hinzu: "Wir wissen nicht, wie es weiter geht."
"Das wird schon wieder", war alles, was mir einfiel. Die Mitarbeiter*innen werden aus ihrer Quarantäne und dem Krankenstand zurückkehren, aber natürlich: Es ist auch noch Ferienzeit, der generelle LkW-Fahrermangel kommt obendrauf, dazu die Energieknappheit und Kriegskrise: unterbrochene Lieferketten. Um es in einem Satz zusammenzufassen: Es ist gerade ziemlich viel ziemlich "out of order". Das muss irgendjemand richten, nur wer und bis wann?

In unserem Stadtviertel sind nicht weniger als drei Filialen dieses Supermarkts die absoluten "Platzhirsche". Der Laden an der Tankstelle wird ebenfalls von derselben Marktkette beliefert. Da ist jetzt überall Engpass, und man muss sehr viel weiter laufen, wenn man in Filiale 1 bis 3 nichts bekommt. Mir macht das nicht so viel aus, aber was ist mit alten Leuten, die nicht mehr so weit laufen können, oder gar nicht wissen, wo der nächste (andere) Supermarkt ist? Auch bei den gestressten Berufstätigen bringt der unerwartete Ausfall den Tagesablauf durcheinander, erhöht das Stresslevel und verbessert die Laune nicht. Mehr "Diversität", sprich Konkurrenz anstelle eines Monopolisten im Viertel wäre eine gute Sache. Verschiedene Auslieferungslager für mehr Versorgungssicherheit beim Endverbraucher. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass es zur Zeit auch bei der Konkurrenz klemmt. Das einzige was hilft sind Flexibilität und Vorratshaltung.

Gut, dass ich an diesem Tag nicht mit dem linken Fuß aufgestanden war, und keine schlechte Laune zum Einkaufen mitgebracht hatte. Die Regale füllen sich nicht, wenn ich im Supermarkt meiner Unzufriedenheit theatralisch Ausdruck verleihe. Es wäre  nur ein Ventil für latente Ängste: Werde ich verhungern bevor ich im Herbst an Corona sterbe, oder erfriere ich im Winter? Wollen wir uns vorher wegen einer Dose Bohnen gegenseitig an den Kragen gehen? Ich kann Ihnen versichern: von den scharfen Peperoni und den süß-sauer eingelegten Rote-Bete-Scheiben ist noch reichlich vorhanden. Damit kann man arbeiten. Entdecken Sie Produkte, die Sie noch nie probiert haben, oder schauen Sie am Straßenrand nach. Neulich stand dort eine große Tüte mit Konserven. Da war das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, Hamsterkäufe umsonst getätigt und entsorgt.

Ich bin es auch nicht gewohnt, dass alles so teuer geworden ist, dass einiges überhaupt nicht mehr oder vorübergehend nicht verfügbar ist, und dass obendrein erprobte Standardabläufe nicht mehr richtig funktionieren. Was ist das hier? Bananenrepublik? Schaue ich hier gerade einem wankenden Riesen zu, der in Zeitlupe taumelt und zu Boden fällt? Muss ich mir Sorgen machen, oder ist das alles die logische Konsequenz, wenn sich die Welt neu ordnet?
Unsere Politiker*innen haben die Bevölkerung längst darauf eingestimmt, dass es in der Zeitenwende ungemütlich wird, und dass wir uns für längere Zeit auf Entbehrungen einstellen müssen. Wer jetzt einfach ab in den Urlaub fliegen will, guckt besser mit dem Fernrohr ins Gebirge. Streik! Chaos an den Flughäfen und bei der Bahn, Tanken sauteuer. Nehmt das, ihr vergnügungssüchtigen Republikflüchtlinge! #stayathome und #esstknäckebrot aus #solidarität. Nach zwei Jahren Pandemie haben wohl die meisten Leute die Nase voll von derlei Slogans.

Wussten Sie, dass...

Keep Calm and Carry On - Bleib ruhig und mach weiter  ein Propaganda-Plakat aus dem zweiten Weltkrieg war? Es war 1939 vom britischen Informationsministerium 😁 entworfen, aber nicht veröffentlicht worden. Wiederentdeckt in einem Antiquariat ist es im 21. Jahrhundert Teil der Popkultur und ein gemeinfreies Motiv. Interessante Geschichte, nachzulesen bei Wikipedia.

Wenn ich beschließe wütend zu werden, weil mir hier vieles massiv gegen den Strich geht, gegen wen soll ich meine Wut dann richten? Jedenfalls nicht gegen die Verkäufer*innen hinter der Theke oder dem Personal, das die Regale nachfüllt.

Siehe auch: Mehr weg als da, Unter'm Tresen, Kaloriensparkalkulation, Umentschieden, Warten, Derweil an einem anderen Ort, Nur solange der Vorrat reicht, Andersherum betrachtet, Tabasco!

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