Mittwoch, 20. Juli 2022

Wurst!


Essen Sie noch Wurst? Ich muss mich wohl outen und zugeben, dass ich tatsächlich Wurst einkaufe, und bei den einschlägigen Lebensmittelhändlern entsprechende Datensignaturen hinterlassen habe. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anführen, dass ich schon seit über fünf Jahren für zwei verschiedene Haushalte einkaufe: den meiner Mutter, und unseren eigenen. In Summe ist dabei ein ziemlich schräges Kundenprofil entstanden, auf das sich künstliche Intelligenzen vielleicht noch nicht so richtig eingestellt haben. 

Woher sollen die denn auch wissen, welche Produkte für mich, welche für meinen Mann, und welche für meine pflegebedürftige Mutter sind? So bekomme ich die Sonderangebote für Inkontinenzprodukte zugeschickt, und es dürfte den Modeversandalgorithmus gleichermaßen verwirren, dass ich Damenmode in völlig unterschiedlichen, um nicht zu sagen diametral entgegengesetzten Größen bestelle. Amazon hingegen hält mich immer noch für einen Mann mit weiblichem Vornamen, der sich für Technik interessiert und Playstation spielt. Eigentlich kann mir das wurst sein, aber vielleicht wird die korrekte Kundeneinordnung eines Tages elementar wichtig? Sie wissen schon, dieses "chinesische Modell". Wenn ich dann die falschen Sachen kaufe... oh oh. 

Was passiert zum Beispiel, wenn Veganer die Weltherrschaft übernehmen? Denen, die gerne Wurst essen, wird das gar nicht wurst sein. Das sollten sie dann aber nicht mehr sagen, weil sie a) in der Minderheit sind, b) weil es uncool, und c) vielleicht sogar gesetzeswidrig sein könnte, überhaupt noch von Wurst zu sprechen. Die Gedanken sind derzeit noch halbwegs frei - aber wer an Wurst denkt, will sie meistens auch essen.

Woher kommt eigentlich dieser komische Spruch mit der Wurst?
Das Internetz weiß alles: Bei der Fleischverarbeitung kamen die minderwertigeren Teile eines geschlachteten Tiers „ab in die Wurst“. Aus dieser abfällig-gleichgültigen Verwurstung entstand die Redensart, dass einem etwas wurst (wurscht) ist. 

Ach so. 😕 Wurst besteht aus minderwertigen Tierabfällen. Damals. Heute nicht? Nein. Oder? Waren da nicht auch diese artenübergreifenden Skandale? Rinderwahnsinn? Schweinepest? Vogelgrippe? Das kommt und geht alles so schnell. Dazu miese Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter*innen in den Schlachtbetrieben, und die Tierhaltung... Vegane Wurst soll auch nicht so super gesund sein, aber es ist wenigstens kein Tier drin. Meine Mutter hat den Blindversuch bestanden, und sich über die vegane Streichwurst beschwert. "Nächstes Mal bitte wieder die richtige Wurst", sagte sie, hat die Packung aber brav leer gegessen. Weggeschmissen wird hier nichts.

Beleidigte Leberwurst?!
Hintergrund dieser Redensart ist die Vorstellung in der Medizin des Altertums und des Mittelalters, dass die Leber Sitz (bzw. „Speicherort“) der Lebenssäfte und damit ursächlich für Temperamente sei. Insbesondere der Zorn wurde hier vermutet. Diese Vorstellung hielt sich in der deutschen Sprache noch bis in das 17. und 18. Jahrhundert.
Die „Wurst“ wurde dem Sprichwort erst angehängt, als die Vorstellung um die Leber als Sitz der Gefühle verlorengegangen war. So erfand man für die bereits bestehende Redensart von der „beleidigten Leberwurst“ nachträglich eine Erzählung: Ein Metzger in Obersachsen habe Würste gekocht und alle anderen Würste, die nicht so lang kochen müssen, vor der Leberwurst aus dem Kessel genommen. Weil sie allein im Kessel bleiben musste, war die Leberwurst beleidigt und platzte schließlich vor Wut. Danke, Wikipedia.

Sehen Sie, man kann wirklich alles erklären. 😂 Ich arbeite noch an einer wissenschaftlich fundierten Argumentation, warum sich jeder menschliche Bewohner dieses Planeten einen eigenen, natürlich unsichtbaren Alien als Begleiter*in zulegen sollte. Eine Axt im Haus erspart schließlich auch den Zimmermann. Dieser Spruch wiederum entstammt der Hochliteratur, Wilhelm Tell von Friedrich Schiller, erste Szene des dritten Aufzuges. Habe ich damit meinen Bildungsauftrag erfüllt?

Falls Menschen eines Tages alle fleischlos glücklich geworden sind, müssen sie sich von der altmodischen Redensart "ist mir doch wurst!" verabschieden. Der adäquate Ersatz wäre dann vielleicht: Ist mir doch Plastik!? Dazu passt gerade die letzte Sendung des Kulturmagazins aspekte mit dem Titel: "Plastikwahn - Wie werden wir die Kunststoffplage wieder los?"

Siehe auch: Herzeleid, Bloß keine Diät, Der Weg der Schnecke, Kaloriensparkalkulation, Umentschieden, Weltverbesserungsquatsch

Last but not least: Vielen Dank an Susanne, die mir das geniale Fotomotiv für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat. 🙏

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