Samstag, 13. Oktober 2018

Weltverbesserungsquatsch

„Im Kampf gegen den Plastikmüll in unseren Meeren unterstützt uns fast die gesamte Bevölkerung“, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze. „Die Vermüllung gefährdet Ökosysteme auf dem ganzen Planeten. Wir müssen daher weltweit überflüssiges Plastik vermeiden und den Rest im Kreislauf halten und recyceln.“ (Quelle: Bild der Wissenschaft)

Als ich das Statement der Ministerin las, drängte sich mir sofort der Begriff "kognitive Dissonanz" auf. Darunter versteht man grob ausgedrückt einen Zustand, in dem Menschen anders handeln als sie eigentlich wollen würden. Oft sind sie sich darüber im Klaren, reden sich die Sache aber irgendwie schön. Am besten erklärt man diesen Fachbegriff aus der Sozialpsychologie mit Beispielen: Eigentlich mögen wir Tiere, aber wir essen sie auf und nehmen es billigend in Kauf, dass sie unter erbärmlichen Bedingungen gehalten und getötet werden. Dass es neuerdings immer mehr Vegetarier und Veganer gibt ist erfreulich und löblich, aber Fleischkonsum ist nur ein Beispiel von vielen. Kognitive Dissonanz ist nichts Böses, sie bewahrt uns im Prinzip erst einmal davor an einem moralischen Dilemma zu verzweifeln.

Beim Plastikmüll läuft es ähnlich: Viele trennen sorgsam die Plastikverpackungen für den gelben Sack oder den Plastikcontainer, "wir Deutsche" sind aber trotzdem Weltmeister im Einkaufen von Waren, die in  eben diesem Plastik verpackt sind. Unlängst gab es deshalb auch eine Initiative, bei der eine Gruppe von Leuten noch im Supermarkt demonstrativ anfing, alles aus- und in mitgebrachte Behälter umzupacken. Mangels sinnvoller Alternativen ist es in einigen Bereichen wirklich schwer, Lebensmittel ohne Plastik zu bekommen. Die sogenannten abbaubaren Bioplastik-Materialien sind noch schlimmer, also auch keine Alternative. Was tun? Omas Einkaufskorb reaktivieren und Glasbehälter mitnehmen, um ökologisch korrekt einzukaufen? Das müsste dann jeden Tag geschehen, weil allein die Behälter so schwer und sperrig sind, dass wir gar nicht so viel kaufen können. Das würde uns der Lösung einen Schritt näherbringen, ist aber völlig unrealistisch. Dazu reicht es, einmal mit offenen Augen durch eine Großstadt zu laufen.

Menschlich mit System
Als die McDonalds Filiale in unserer Straße drei Wochen wegen eines vollständigen Umbaus geschlossen war, waren die umliegenden Straßen so sauber wie noch nie. Meinetwegen hätte der Laden ganz dichtmachen können, aber die meisten Leute lieben es einfach, ihr Fast Food von dort mitzunehmen und den Verpackungsmüll hundert Meter weiter einfach fallenzulassen. Die Mitarbeiter der Filiale rücken auf Geheiß der Anwohner immer wieder mit Eimer und Besen aus, um die Hinterlassenschaften einzusammeln. Auch für die städtische Straßenreinigung ist die ToGo-Kultur ein geniales Beschäftigungsprogramm. Das gleiche gilt für die Wochenzeitungen, die zu 98% ungelesen im Altpapier landen. Wie viele Arbeitsplätze würden verlorengehen, wenn wir das alles nicht hätten...
Es mag schon sein, dass "fast die ganze Bevölkerung" gegen die Vermüllung der Meere ist. Der gute Gedanke wird meist so erfolgreich in die Tat umgesetzt wie die guten Vorsätze, die man fürs Neue Jahr hat. Es ist ja nur dieser eine Kaffeebecher, andere holen sich jeden Tag drei. Kognitive Dissonanz.


Wir sind machtlos!?
Eigentlich wollen wir keine Kleidung oder Geräte kaufen, deren Herstellung unter menschenunwürdigen Bedingungen stattfindet, wir wollen keine Tiere quälen, wir wollen keinen Plastikmüll und keine Umweltverschmutzung, wir wollen keinen Krieg und so weiter - und trotzdem haben wir das alles. Die einen sagen "es liege einfach in unserer menschlichen Natur", andere fühlen sich schuldig, "weil wir als Verbraucher die Macht haben" - das wird uns jedenfalls suggeriert. Selbst wenn wir alles daran setzen, uns so korrekt wie möglich zu verhalten, werden wir das Gefühl nicht los, dass es nicht viel bringt. Ein Skandal jagt den anderen. Es fühlt sich an wie beim Märchen vom Hasen und vom Igel, ein Wettlauf, den wir anscheinend nicht gewinnen können.

 
Wir trennen den Müll, kaufen die teuren Bio-Eier nur um zu erfahren, dass sie womöglich gar nicht Bio sind und noch dazu  mit irgendeinem Gift verunreinigt waren. Dann decken findige Journalisten auf, dass die sogenannte zertifizierte Ware in den gleichen Fabriken hergestellt wird, wie die vom bösen No-Name Label  - das kann doch nicht wahr sein!

Sollen wir es einfach sein lassen?
Die ganzen Bewegungen, die sich um Verbesserungen bemühen, haben insgesamt dazu beigetragen, dass ein neues Bewusstsein entsteht und dass es immer wieder - wenn auch kleine - Fortschritte gibt. Die Politik wird unsere Probleme kaum lösen und es wird auch kein Retter auftauchen, der einmal mit dem Finger schnippt und alles ist perfekt. Wir sind und bleiben auf uns selbst gestellt. Wenn wir vor der eigenen Haustür mit dem Kehren anfangen, ist schon viel gewonnen. Wer kehren will, soll kehren und die anderen einfach sein lassen wie sie sind. Leicht gesagt, wenn wieder einer seinen Plastikbecher in den Garten schmeisst oder an den Zaun pinkelt.

Die Summe der Leiden in der Welt bleibt immer konstant,
so lautet ein Spruch aus dem Buddhismus. Nach langer und intensiver Beobachtung der Welt komme ich zum vorläufigen Schluss, dass er wahrscheinlich stimmt. Es tut sich viel Gutes, aber es passiert auch ganz viel Mist. Manchmal glauben wir Gutes zu tun und verursachen dadurch neue Probleme oder Leid, ohne es zu wissen. Atomkraft war auch mal der neue heiße Scheiß, bis man herausgefunden hat, welche Nebenwirkungen dabei entstehen. Die Elektromobilität ist beispielsweise auch eine wenig durchdachte Angelegenheit. Meist ändert der zeitliche Kontext die Perspektive auf negative und positive Entwicklungen. Unsere Lebenserwartung ist heute höher denn je, wir können dank moderner Medien weiter in die Vergangenheit schauen und wir haben mehr Informationen. Trotzdem können wir nicht alle Folgen unseres Handelns vorhersehen. Nach bestem Wissen und Gewissen handeln ist die einzige Richtschnur, an der wir uns jeden Tag orientieren können. Das ist immerhin gut fürs Gewissen - ob es die Welt besser oder schlechter macht, sei dahingestellt. Panikmache und Missionierungseifer brauchen wir nicht. Die Informationen, die wir erhalten, sind fast immer selektiv und / oder widersprüchlich. Es wird immer Menschen geben, die wirklich keine Ahnung oder eine komplett andere Meinung haben, und solche, denen alles am Allerwertesten vorbeigeht. Manchmal scheint es so, als seien die Zeitgenossen, die sich am wenigsten Gedanken machen, die besseren Lebenskünstler.

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt ist ein anderes Zitat, das mir immer gut gefallen hat. Mehr ist nicht zu tun. Und wenn es zum Mittagessen eine Leberkassemmel sein muss, oder ein Burger, dann mit vollem Bewusstsein. Sogar der Dalai Lama isst Hühnchen. Kognitive Dissonanz? ;-)

Utopia.de: 14 Tipps für weniger Plastik
Zeit online: Mythen rund um die Mülltrennung
 

Keine Kommentare: