Samstag, 6. Juli 2019

Rama dama


Rama dama ist bairisch und bedeutet "Wir räumen auf". Geprägt wurde dieser Ausdruck im Oktober 1949 vom damaligen Münchner Bürgermeister Thomas Wimmer. Damals ging es um die Beseitigung der Kriegsschäden und Schutthalden in der Stadt. Heute ist der Begriff eine Bezeichnung für das gemeinsame, ehrenamtliche Aufräumen. Im digitalen Zeitalter erfolgen Aufrufe zum Rama Dama zum Beispiel über die Plattform nebenan.de, die auch Checklisten zur Verfügung stellt, wenn man eine solche Aktion in der eigenen Nachbarschaft starten will.

Unterstützt wird man in München vom Abfallwirtschaftsbetrieb (AVM), der Werkzeuge und Container zur Verfügung stellt, und den gemeinschaftlich gesammelten Müll anschließend abtransportiert. Allerdings darf in den Wäldern, Wiesen und Flussauen aus Gründen des Naturschutzes nur zwischen Oktober und Mitte März ein Rama Dama durchgeführt werden. Zumindest theoretisch. Wenn die Mitarbeiter der Stadt nicht jeden Morgen auf den Sandbänken am Flaucher aufräumen würden, sähe es dort binnen kürzester Zeit aus, wie auf einer Müllhalde. Gerechterweise muss aber auch gesagt werden, dass viele Mitmenschen mittlerweile recht ordentlich mit den Grünflächen direkt am Fluß umgehen. Leider ist das (noch) nicht überall so.

Als im Frühjahr ein Aufruf zum Rama Dama in meinem Postfach landete, war ich schon fast bereit, mich als Freiwillige zu melden. Man kann ja nicht dauernd im Blog herumblöken, und dann bei sinnvollen Aktionen zuhause sitzenbleiben. Oder doch? Das Stichwort lautet "sinnvoll".

Eine steile These
Mir kommt das Verhalten mancher Mitmenschen vor, wie das von Alkoholikern. Eigentlich weiß jeder, dass Müll in der Natur nichts verloren hat. Trotzdem bleiben die Einwegverpackungen auf der Straße, in den Grünanlagen und auf Spielplätzen einfach liegen. Sie werden gerne auch auf Fensterbrettern, Parkbänken oder an Gartenzäunen abgestellt. Es gibt immer Pflichtbewusste und Ordentliche, die diesen Anblick nicht ertragen können, und den Müll kurzerhand wegräumen. Als ich im Gedanken ans geplante Rama Dama nach Hause ging, kamen mir drei Jugendliche entgegen, die ihre McDonalds-Becher johlend ins Gebüsch schleuderten, und sich dabei absolut cool fanden. In diesem Moment war meine Entscheidung gefallen: Ich werde meine wertvolle Freizeit nicht zum Aufräumen opfern, weil es sinnlos ist. Eine Woche später müsste ich wieder von vorne anfangen. Es hört nicht auf.
Wenn wir hinter den Mülljunkies herräumen, verhalten wir uns wie Co-Abhängige: Wir halten das System endlos am Laufen. Das gut gemeinte Aufräumen ändert nichts am Bewusstsein derer, die den Müll verursachen, im Gegenteil. Das Problem besteht weiter, es verschwindet nur aus dem Blickfeld. Genauso gut kann man eine rote Warnleuchte am Auto zukleben, und sich darüber freuen, dass alles wieder hübsch aussieht.


Lösungsmöglichkeiten? Weiterlesen...


Lösungsmöglichkeit 1: Das Ausmaß sichtbar machen
Was würde passieren, wenn wir die Müllabfuhr für zwei Wochen in Urlaub schicken? Wieviel Spaß  macht es noch, sich auf eine Parkbank zu setzen, wenn der Müllberg daneben zum Himmel stinkt? Gäbe es einen Aha-Effekt, wenn der Fuß- oder Radweg nicht mehr benutzt werden kann, weil er komplett mit Getränkebechern zugepflastert wurde? Das wäre eine interessante Kunst-Aktion.

Natürlich sehe ich die Notwendigkeit, das Rama Dama der Natur, den Enten und Schwänen zuliebe durchzuführen. Die Fische sieht ja keiner. Wenn ein toter Schwan am Ufer des Kleinhesseloher Sees liegt, der an einer Plastiktüte erstickt ist, gibt es sicher ein vorübergehendes Echo in der Tagespresse und in den sozialen Medien. Nachhaltig sind solche Aktionen vermutlich nicht.
Darüber hinaus gibt es den psychologischen Effekt, über den ich in einem früheren Blogartikel schon einmal geschrieben hatte: Je mehr Müll schon da liegt, desto mehr wird obendrauf geworfen. Aber vielleicht müssen die "Zartbesaiteten" das einmal so lange durchziehen und aushalten, bis es den weniger Sensiblen auch auffällt? 

Lösungsmöglichkeit 2:  Reglementieren oder bestrafen
Neben krassen Aktionen könnte man auch - ja, typisch deutsch - ein Pfand auf Zigarettenkippen, Kronkorken, Kaffeebecher, Capri-Saft-Verpackungen und all die anderen Dinge einführen, die regelmäßig in der Natur landen. Bei den Aluminiumdosen hat das relativ gut funktioniert, die findet man heutzutage kaum noch in der Landschaft. Traurig genug ist es, dass sich viele Menschen mit dem Flaschenpfand etwas dazuverdienen müssen. Wenn ein Fast-Food Menü oder ein schneller Kaffeebecher 20 EUR kostet, und 80% als Pfand für die Verpackung einbehalten wird, ist der Anreiz größer, sie zurückzubringen. In Singapur werden 500 bis 5000 Singapur Dollar fällig (325 bis 3.250 EUR), wenn man Müll achtlos auf die Straße wirft. 
Solche Lösungen sind wirkungsvoll, aber die Umsetzung ist politisch unbeliebt; sie wäre langwierig und aufwändig. Das Bewusstsein ändert sie nur bedingt. Angst vor Strafe und ein Heer an Bestraften, die - ähnlich wie beim Schwarzfahren - in den Knast müssen, weil sie gar nicht genug Geld haben, um die Strafe zu bezahlen, macht die Sache auch nicht besser.

Ein typischer Anblick. Ohne "Bewusstseinswandel" geht's nicht.



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Lösungsmöglichkeit 3: Motivieren
Am wirkungsvollsten sind soziale Aspekte: Wenn es einfach nicht mehr cool oder gesellschaftlich geächtet ist, Müll auf die Straße zu werfen, hört es vielleicht irgendwann auf. Beim Fleischkonsum setzt nach vielen Jahren allmählich ein Umdenken ein. Das gibt Anlass zur Hoffnung, aber es braucht Geduld und einen langen Atem. Wo sind die Youtuber, Rapper oder Schlagersänger, die auch das Müllthema kreativ thematisieren? Fridays for Future fängt bei solchen Kleinigkeiten an. Mit Meinungsmachern und Vorbildern, die bei den relevanten Zielgruppen hoch im Kurs stehen, sähe ich da durchaus Möglichkeiten.

Warum es wichtig ist
Jeder von uns hat heute bereits Chemikalien aus Plastik im Blut. Exponentiell zu dem signifikanten Anstieg der Plastikproduktion in den letzten 50 Jahren nahmen die sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Asthma, Rheuma, Arthritis, Diabetes, Alzheimer, Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Magen-Darm-Krankheiten, Parodontitis und chronische Infektionen zu. Auch hormonbedingte Erkrankungen nehmen signifikant zu. Viele Wissenschaftler machen die Umwelthormone dafür verantwortlich – wie Chemikalien aus Plastik, die im Körper ähnlich wie Hormone wirken. (Buch: Plastik im Blut von Heike Schröder)


Weiterführende Links:

Kommentare:

oli hat gesagt…

Spontan ist mir die Bestrafung am liebsten - und zwar in Form von 10h Müllaufräumen.
Trotzdem möchte ich der 4. Variante - die hier nicht vorgestellt wurde - den Vorzug geben.
Vorleben und Aufräumen. Rama Dama eben.
Ich finde es wichtig mit meinen Frau und beiden Jungs (10&5) hier als guten Beispiel einer verantwortlichen Gemeinschaft aktiv zu werden und in meiner Gemeinde genau das zu machen: Den Müll anderer Leute wegzuräumen. Dabei ist mir vollkommen bewusst, dass ich damit nur ein paar wenige Menschen aktiv motivieren kann über ihr Verhalten nachzudenken und ihr verhalten zu ändern und auch mitzuhelfen. Wenn das aber alle machen, dann sind es ganz viele Menschen die wir erreichen. Das positive Beispiel geht auf meine Kinder über und sie werden wenn sie erwachsen sind hier auch weitermachen.
Ich bin inzwischen auch so frei und frage junge heranwachsende Mitbürger warum sie sich so verhalten. Oft bekomme ich eine pampige Antwort. Aber nicht immer.

Ja, ich bin ein Gutmensch. Und das ist gut so.

betrachtenswert hat gesagt…

Hallo Oli,
ich bin nicht prinzipiell gegen Rama Dama und find's auch wichtig, die "Vorbildfunktion" zu praktizieren. Dazu muss man aber beim Aufräumen von der relevanten Zielgruppe beobachtet werden oder sie direkt ansprechen. Eine pampige Antwort ist noch harmlos. Bei Leuten, die schon mal einen Bekannten von uns niedergeschlagen haben, würde ich diesen Weg nicht gehen.
In meiner frühen Kindheit lagen Kühlschränke und Autowracks im Wald. In den 1970ern und 1980ern gab es kaum Müll im Grünen, soweit ich mich erinnern kann. Danach wurde es allmählich wieder schlechter und hat momentan (hoffentlich) seinen Höhepunkt erreicht. Das hängt auch mit der To-Go-Kultur zusammen. McDonalds will ja nun "umweltfreundlichere" Verpackungen und weniger Plastik verwenden. Gute Idee, aber: wenn die Konsumenten dann denken, "ist recyclebar, kann ins Grüne" geht der Schuss nach hinten los. Es geht nichts über einen schönen Kaffee aus einer Porzellantasse, entspannt eingenommen im Straßencafe :-)