Montag, 29. August 2022

Photokatalytisch?

Bitte was?
Das hab ich ja noch nie gehört, beziehungsweise gelesen: Photokatalytische Farbe. Was'n das? 

Eigentlich war mir unlängst nur das neue große Mural aufgefallen, mit diesem schönen grünen Urwaldmotiv. Wow, ein Hingucker! An jenem Tag bin ich aber nur daran vorbei geradelt, weil ich ein bisschen aus der Puste war, nachdem ich die lange Steigung des verkehrsreichen Giesinger Bergs erklommen hatte. Auf den letzten Metern ist es immer am anstrengendsten. Genau dort leuchtete mich die Wand an, als ginge es dahinter geradewegs in den Amazonas-Regenwald. Muss ich fotografieren!, lautete der Plan, aber neben mir rauschte der Verkehr mit ganz vielen Abgasen. Da wollte ich gerade nicht zum Inhalieren stehenbleiben.
Der Hinweis auf die photokatalytische Farbe ist mir erst aufgefallen, als ich aus der anderen Richtung kam, und aus einer anderen Perspektive auf die Mauer schaute. Diese Farbe soll aktiv Stickoxid aus der Luft abbauen, und so zur Luftreinhaltung beitragen! Na bitte, das ist doch perfekt, an einer so stark befahrenen Straße. Wie funktioniert das?

Kein Marketing-Trick!
Im weiterführenden Link können Sie nachlesen, was die Malerinnung Stuttgart zu photokatalytischen Farben schreibt, und wie das chemikalisch abläuft. Dass man solche Artikel auch in Auftrag geben kann, ist eine andere Geschichte, aber wollen wir mal nicht so skeptisch sein. 😉
Mich interessieren neue Technologien, darum habe ich ein bisschen recherchiert. Warum ist diese Farbe seit über zehn Jahren nur ein Nischenprodukt? Wikipedia weiß noch nicht viel darüber, aber immerhin gibt es dort einen Link zur "Fraunhofer Allianz". Der führt leider ins Leere. Auch die verlinkte "Initiative Photoaktive Baustoffe" ist im Nirwana verschwunden. Kann passieren. Die Redakteure können ja nicht alles aktuell halten.
Ich hätte jetzt trotzdem gerne eine der zahlreichen (Original)Studien gesehen, die "nach intensiven Recherchen des Innungsverbands" belegen, dass photokatalytische Farben wirklich funktionieren. Immerhin wurden sie in den Luftreinhalteplan der Stadt Stuttgart aufgenommen, und haben dadurch ein amtliches Siegel erhalten.

Was sagen die Experten?
Zurück zur "Fraunhofer Allianz Photokatalyse": Wenn das Fraunhofer Institut involviert ist, muss was dran sein. Die sind gut. Dort gibt es tatsächlich einen Presseartikel über die Photokatalytischen Farben, in dem man allerdings mehr über die Entwicklung eines mobilen Messgeräts erfährt, mit dem man die Wirkung der Farben vor Ort wissenschaftlich überprüfen kann. Der Artikel ist 2018 erschienen, und endet mit der Aussage, dass diese Messlösung 2020 verfügbar sein könnte. Ja, das Institut bietet auf seiner Homepage Messungen als Dienstleistung an (2022).

Noch nicht ganz überzeugt...
Wenn man in Baden-Württemberg Mitglied der Malerinnung ist, kann man sich von der technischen Beratungsstelle alle vorliegenden Unterlagen, Studien etc. herunterladen, heißt es auf der Webseite in einem kleinen Beitrag von 2019. Zu diesem Zeitpunkt war das portable Messgerät von den Fraunhofers allerdings noch nicht verfügbar. Bereits bei Labormessunngen galt: "Je nach Trägermaterial, Oberflächenstruktur und Umwelteinflüssen schwankt die photokatalytische Effizienz in Abhängigkeit von Schadstoff und Produkt um bis zu 100 Prozent und mehr, und die Wirksamkeit sei auch eine Frage der richtigen Mischung [der Baumaterialien]. (...) Auch das Langzeitverhalten und die Stabilität solcher Baumaterialien lassen sich außerhalb des Labors nur schwer vorhersagen." Also sind sie nur manchmal wirksam:

"Die bisherige Erforschung und Entwicklung von photokatalytisch aktiven Baumaterialen lief mangels eines geeigneten Messverfahrens oft nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip. Zudem war es schlichtweg noch nicht möglich, zuverlässige Messungen im Feld durchzuführen." (2018)

Aktueller Stand?
Zumindest die vor 2020 durchgeführten "Studien" sind für die angewandte Malerpraxis anscheinend nicht so super aussagekräftig. Unter genau definierten Laborbedingungen und in Hochrechnungen scheint es (je nach Mischung) zu funktionieren. Die photokatalytische Farbe ist also prinzipiell eine super Idee, wenn sie nachweislich in der Praxis hält, was die Theorie verspricht. Und dazu braucht es weitere wissenschaftliche Untersuchungen - idealerweise direkt vor Ort. Da klebe ich mir doch gerade mal einen Merkzettel an den betrachtenswerten Monitor für ein Recherche-Update in drei bis fünf Jahren.

Bis dahin wird das Urwald-Mural an der Straßenecke längst übermalt, oder durch den lange geplanten Neubau ersetzt sein. Mit oder ohne Photokatalytische Farben? Wird man sehen. So manche gute Idee hat sich später als Flop oder doch als Marketing-Trick erwiesen. Zumindest "können Malerbetriebe ihr Profil schärfen, das Fachhandwerk kann sein Image stärken, und einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten".  Was sagt das Bla-Bla-Meter zu diesem Satz? Bullshit-Index 0,4: "Ihr Text riecht schon deutlich nach heißer Luft - Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. Für wissenschaftliche Arbeiten wäre dies aber noch ein akzeptabler Wert (leider)."

Siehe auch: Tanz mit der Vergänglichkeit, Wie eine Fata Morgana, Experten widerspricht man nicht,
Mural: Schlachtfeld 2022
, Eigentlich..., Sonnengraffiti

Weiterführende Links

  • Photokatalytische Luftreinigung - Wikipedia
  • Farbe für Frischluft - Photokatalytische Farben (Malerblatt) ohne Datum
  • Der kleine Beitrag - Photokatalytische Farben (Landesinnungsverband des Maler- und Lackiererhandwerks Baden Württemberg, 2019) - Homepage
  • Sauber durch Sonnenkraft - Fraunhofer Institut Pressemeldung August 2018
  • Photokatalytische Luftreinigung - Fraunhofer Institut, Angebote 2022 - Homepage

 

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