Dienstag, 30. August 2022

Trike!

Haben Sie sich schon einmal in ein Straßencafé gesetzt, und eine Zeitlang beobachtet, wie viele unterschiedliche, und vor allem was für faszinierende Fahrradmodelle es gibt? Es ist unglaublich!
Wie? Straßencafé? Ja wirklich. Gestern früh wollte ich in der Bäckerei eigentlich nur ein Stück Kuchen kaufen, aber es kam völlig anders. Manchmal packt es mich einfach, und dann tue ich ganz spontan Dinge, die ich üblicherweise nicht tue. Schuld war dieser unermüdliche Schrittzähler. 😏

Es fing damit an, dass ich für das Nachmittagskaffeekränzchen auf dem Weg ins Mutterhome einen Kuchen kaufen wollte, so einen Schmackofatz für die gute Laune. Die Käsekuchenbäckerei ist nur ein paar hundert Meter entfernt, und der praktikabelste Weg wäre schrittzählungstechnisch erheblich zu kurz ausgefallen. Also dachte ich mir: gehste vorher woanders lang, machste noch ein paar extra Fitnessschritte, ein paar Fotos unterwegs, Zeit haste ja. Sie ahnen es... 

Erst wurde ich vom Dadaffiti gefangen genommen, danach bin ich über die photokatalytische Mauer gestolpert, und ein paar Meter weiter vor dem Giesinger Bräu stehengeblieben. Der Biergarten war noch geschlossen, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Durch diesen mehr oder weniger geplanten Umweg kam ich an einer anderen Filiale des Käsekuchenbäckers vorbei. Das ist ein richtiges Café, hat weniger Back- und mehr Konditoreiware. Es ist gerade Zwetschgendatschizeit, der Datschi war im Angebot, also nahm ich zwei. Kaloriensparen beim Mittagessen, dann geht das schon.

"Möchten Sie auch einen Kaffee dazu?", fragte der freundliche und verkaufstüchtige Mensch hinter der Theke. "Nein", sagte ich, "aber Sie können mir noch ein Butterhörnchen einpacken."
Gesagt getan, der Verkäufer tat, wie ihm geheißen. Mittlerweile standen drei andere Leute Schlange. Ich weiß nicht, ob die Frau hinter meiner rechten Schulter irgendeinen verkaufsfördernden Zauberspruch gemurmelt, oder ob sie den Verkäufer nur etwas gefragt hatte. Jedenfalls entstand eine kleine Pause. Und schwupps, schon hatte ich es mir anders überlegt: "Wissen Sie was, ich nehme jetzt doch einen Cappuccino."
Der Verkäufer lächelte vergnügt, Umsatzsteigerung! Er legte mir das Butterhörnchen auf den Tresen, und drehte sich zur Kaffeemaschine um. Im lauten Dröhnen des Kaffeemahlwerks rief mir eine Frau unter beifälligem Nicken zu: "Jawoll, so muss man das machen! Man muss sich auch mal etwas gönnen! Man weiß ja nicht, wie das alles noch endet." In ihren weit aufgerissenen Augen sah ich die Angst vor der  nahenden Apokalypse. Ich lächelte sie an und nickte: "Ja, manchmal muss man sich was gönnen." Ich weiß nicht, was sie gekauft hat, aber wahrscheinlich auch mehr als sie wollte. Vielleicht ist das in diesem Laden eine perfide Marketing-Falle. 😅

Die neuen Alten
Draußen vor dem Café waren noch zwei Tische frei, das hatte ich auf dem Weg hinein schon registriert. Rucksack abstellen, hinsetzen, Kaffee schlürfen und gucken, was morgens um Viertel vor neun in der Pilgersheimer Straße so abgeht. Die Seniorin am Nebentisch hatte ein schickes Leoparden-Zigarettenetui auf dem Tisch. Sie rauchte eine Zigarette zu ihrem Kaffee, während sie einer großen Krähe auf dem Grünstreifen jenseits des Fahrradwegs Kekse zuwarf. Der Vogel sammelte sie alle sehr geschickt im Schnabel auf, um sie später in sicherem Abstand zu verspeisen. Danach das Gleiche nochmal. Schlaue Tiere.
Es sind vor allem ältere Menschen, die um diese Zeit im Straßencafé sitzen, gemütlich ihre Morgenzeitung lesen, oder sich mit ihren Buddies treffen. An dieser Ecke kann man schön in der milden Morgensonne abhängen - chillen, wie man neudeutsch sagen würde. Da ist richtig was los.
Ob Alt oder Jung: viele kommen mit dem Fahrrad. Die Jungen radeln auf schickeren und sportlicheren Modellen vorbei, und sind deutlich schneller. Man sieht, dass sie es eilig haben ins Büro zu kommen. Die Fahrradmodelle passen meistens auch zu den Menschen, die sie fahren, so wie bei den Autos früher. Die Kleidermode ist anders als anno dubak, auch bei den Alten. Von wegen Beige, das ist schon lange out. Mann trägt Schirmkappe, Jeans und Sneaker.
Dann kam einer, der mich schwer beeindruckt hat: Er fuhr ein Trike, so ähnlich wie das oben im Bild. Seins war neuer, eleganter, und sehr gut in Schuss: elektrifiziert. Der Lenker war hochgezogen wie bei einem Chopper, voll cool. Das Beste war jedoch, dass hintendran, hinter dem großen Transportkorb, ein zusammengeklappter Rollator hing. Mich hätte es fast umgehauen.
Der alte Herr wartete eine Verkehrslücke auf der stark befahrenen Straße ab, und gab ordentlich Gas, als sie sich auftat. Diese E-Bikes haben aber auch eine Beschleunigung! Er kam herübergedüst, ließ sein Trike lässig ausrollen, und bog schnittig an der Bäckerei ein. Seine Freunde waren schon vor Ort, großes Hallo. Dann ging er mit seinem Rollator Kaffee und Kuchen kaufen. Das geht alles nicht so schnell, aber es geht - mit Trike-Parkplatz direkt vor dem Café, und das auch noch ohne teures Parkticket. Mit einem Porsche wär's echt schwer gewesen.
Mittlerweile war mein Kaffee leer, die Kirchturmuhr erinnerte mich an das unerbittliche Voranschreiten der Zeit und meine Pflichten, also machte ich mich wieder auf die Socken, sehr zur Freude des Schrittzählers.

Verlorene Liebesmüh
Wenn ich meiner Mutter von solchen Erlebnissen berichte, schüttelt sie nur den Kopf. Das Einzige, was ihr dazu einfällt ist, dass es unendlich peinlich ist, wenn man nicht mehr so kann wie früher. Was denken denn da die Leute, wenn die sehen, dass man einen Rollator braucht, oder gar im Rollstuhl herumgeschoben wird? Unmöglich. Da sperrt man sich lieber selber weg. Die Welt da draußen ist gefährlich, und die Menschen sind schlecht. Ja wenn sie meint. Mein Bruder hat sehr lange versucht, sie zu einem Ausflug zu motivieren, aber mittlerweile hat auch er aufgegeben. Anderthalb Jahre im Sessel sitzen, nahezu ohne Besuch, ohne einen Schritt ins Freie... Gegen Sturheit ist kein Kraut gewachsen und man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Das ist für Angehörige manchmal die härteste Nuss.

Als ich meiner Mutter nachmittags den Zwetschgendatschi servierte, wollte sich die eine oder andere Zwetschge darauf nicht von der anderen lösen. Ich holte ein Messer und schnibbelte das widerspenstige Obst auf dem bröckeligen Mürbteig in kleinere Stücke. Endergebnis: Zwetschgenmürbteiggemetzel auf Teller. Nicht schön, aber löffelbar.
"Wie sieht das denn aus?", sagte sie. "Wenn das jemand sieht! Die denken dann, dass ich nicht essen kann!"
Wer sind "die"?, dachte ich. Außer mir war keiner da, ich hatte das Gemetzel verursacht, und ein paar Minuten später würde es aufgegessen sein. Aber ja. Das Auge isst natürlich mit. Nächstes Mal kriegt sie wieder ihren Käse- oder Marmorkuchen, der sieht nicht so peinlich aus. Außer wenn er ihr von der Gabel fällt. Ich kann mich ja noch bücken und die Krümel wieder aufheben. "Du bist ja noch jung", sagt sie gerne zu  mir, und hat irgendwie noch nicht geschnallt, dass ich auch allmählich auf die Rente zugehe, und "friedhofsblond" geworden bin.

Zukunftspläne?
Wenn ich mich eines Tages nicht mehr bücken kann, dann kauf' ich mir einen elektifizierten Zangengreifer, notfalls mit Sprachsteuerung, und einen Turbo-Rollator, mit Panzer-Case, mindestens Militär-Standard. Mit dem rolle ich dann zum Café und schlürfe meinen Cappuccino in der Morgensonne. Mir ist es scheißegal wie das dann aussieht, oder was irgendwelche Leute von mir denken. Schnabeltassen gibt's eh schon in Form des ToGo-Deckels. Die sind auch niemandem peinlich. Barrierefreiheit in der äußeren Welt hilft nichts, wenn der Kopf voller Barrieren ist. Umwege laufen hilft beim Einreißen alter Gewohnheiten und eröffnet nicht nur fotografisch neue Perspektiven.

Siehe auch: Nicht jugendfrei, aber dramaturgisch notwendigKuchen ToGo, Kaloriensparkalkulation, Hausmittel, Freibad, Dadaffiti, Photokatalytisch?, Spitze!, Follow Me, #Fahrrad

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