Dienstag, 13. Dezember 2022

Konfliktscheu


"Ich will keinen Streit", sagte meine Mutter morgens beim Frühstück.
Nein, Streit will ich auch nicht. Ich hatte sie nur gefragt, warum sie nicht mal bei meinem Bruder anruft. Das Telefon liegt direkt vor ihr auf dem Tisch, und die wichtigen Nummern sind eingespeichert. Sie müsste nur auf eine Taste drücken, und ich weiß, dass sie das kann.
"Ich rufe nirgends an", erklärte die Mutter, "ich weiß sowieso keinen Rat."

Da fiel mir ein Facebook-Post ein, den ich vor ein paar Wochen gesehen hatte. Der ging so:

Wie Kinder über die Mama denken
4 Jahre: Mama weiß alles!
8 Jahre: Mama weiß viel!
12 Jahre: Mama weiß wirklich alles!
14 Jahre: Mama weiß gar nichts!
16 Jahre: Wer ist Mama?
18 Jahre: Die gehört doch zum alten Eisen!
25 Jahre: Mama weiß das vielleicht!
35 Jahre: Bevor wir das machen, fragen wir mal Mama.
40 Jahre: Ich frage mich, wie Mama darüber denkt.
70 Jahre: Wie gerne würde ich jetzt Mama fragen!

Sehen Sie das auch so, oder so ungefähr? Jeder hat andere Eltern, da kann es schon zu der einen oder anderen statistischen Abweichung kommen. Mir war aufgefallen, dass man gemäß dieser niedlichen Aufzählung im Alter zwischen 40 und 70 anscheinend gar nicht an die Mama denkt? Finde den Fehler. 😅 Nächste Woche ist Weihnachten, ich denke da denken viele Leute an ihre Eltern, egal wie alt sie sind. Verändert sich unsere Einstellung zur Mama zwischen 40 und 70, wenn wir "in den besten Jahren" sind? Da wird aus der eigenen Mama meistens die Oma, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Was weiß die denn?
Als ich klein war, wusste meine Mutter einiges, aber nicht immer das, was ich wissen wollte oder musste. Bei den Hausaufgaben konnte sie mir nur in der Grundschule helfen, aber sie wusste, wie man einen Haushalt führt. Sie war eine "patente Frau", konnte malern und tapezieren, war immer berufstätig, und sie kannte sich mit Behörden aus. In anderen wichtigen Lebensfragen erkannte ich früh, dass ich besser jemand anderen hätte fragen sollen. Mütter sind keine Allroundtalente, sie haben Stärken und Schwächen. Sie sind auch in einer anderen Zeit groß geworden. 

Manches wusste meine Mutter sehr wohl, hat es aber nicht gesagt. So ist es bis heute, und daran wird sich nichts mehr ändern. Familientabus und streng gehütete Geheimnisse sind mit solchen Facebook-Posts ohnehin nicht gemeint, das geht zu schnell ans Eingemachte.
An so mancher Geschichte, die ich aus der Mutterperspektive kenne, ist einiges krumm. Manchmal habe ich Informationen aus anderen Quellen. Wenn ich nachfrage, kommt das gar nicht gut bei ihr an. Wir wollen keinen Streit, also betreten wir das Mienenfeld erst gar nicht. So erzählt sie, was ihr gerade einfällt, oder was gestern im Fernsehen gelaufen ist, und ich mache mir meinen eigenen Reim darauf. 

Mit konfliktscheuen Menschen kann man nur schwer konstruktive Lösungen erarbeiten. Es findet kein Dialog statt, weil jede Frage oder Anmerkung als Angriff empfunden wird, gegen den man sich verteidigen muss. Was für mich oder meinen Bruder noch die Suche nach einem Kompromiss ist, empfindet sie schon als Streit. Der Satz "Da habe ich eine andere Meinung" ist gut, gefolgt von Schweigen wird er zur Killerphrase. Gelächter ist eine andere amüsante Methode, einem potenziellen Konflikt aus dem Weg zu gehen. Lösungen fürs Hier und Jetzt müssen wir trotzdem finden.

Ich weiß sowieso keinen Rat...
In praktischen Angelegenheiten war meine Mutter oft eine große Stütze. Als in meiner Wohnung einmal ein massiver Wasserschaden aufgetreten war, stand sie zwei Stunden später in der Bude und hat mir beim Putzen und Möbelrücken geholfen. Ihre Tür stand immer offen, und wenn ich Geld gebraucht hätte, hätte sie es mir gegeben.
Das kann sie heute alles nicht mehr, aber das ist auch nicht mehr notwendig: Ich bin erwachsen, ich lebe mein eigenes Leben, und weiß, wie ich mir oder wer mir bei Problemen helfen kann. Für mich ist das okay, für sie ist es frustrierend.

Ich verstehe gut, wie schwer es sein muss, sich einzugestehen, dass man nicht mehr alles kann, was früher ganz selbstverständlich war. Der Verlust von Autonomie im Alter oder bei Krankheit, das Angewiesen-Sein auf Andere ist für mich gerade ein Lehrbeispiel par excellence. Wie werde ich eines Tages selbst damit umgehen? Wir hoffen alle, dass wir gar nicht erst in so eine missliche Lage geraten, aber wenn's dann doch passiert, ist es gut, vorbereitet zu sein.

Wie wird man in Würde alt - und wie findet man einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Bedürfnissen des eigenen Lebens, und denen des Menschen, für den man als pflegender Angehöriger die Verantwortung trägt? Ohne eine gewisse Abgrenzung geht das nicht. Unsere Eltern hatten ja auch ein eigenes Leben, als wir klein und abhängig von ihnen waren. Sie haben uns in den Kindergarten und in die Schule geschickt, vielleicht auch aufs Internat, oder sind in eine andere Stadt gezogen, auch wenn wir anderer Meinung waren. 😏 Jede Lebensphase kommt mit anderen Herausforderungen daher.

Die Lücke zwischen 40 und 70 Jahren in der Aufzählung oben, erklärt sich mir wie folgt: Da geht es darum, wie Kinder die Mama sehen. So ab etwa vierzig Jahren stehen die meisten Menschen auf eigenen Beinen, manche auch schon deutlich früher. Ein eigenes Leben führen bedeutet nicht automatisch, dass man emotional erwachsen geworden ist.
Sie bleibt immer die Mama!? Ja, natürlich. Aber man muss sich ihr gegenüber nicht bis zum Lebensende wie ein Kind verhalten. Kinder werden erwachsen. Wie tief emotionale Kindheitsmuster bis auf die Körperebene verankert sind, merke ich immer wieder. Darum brauche ich Pausen und Abstand, um meinen Dienst im Mutterhome bewältigen zu können. Diese Pausen muss ich mir nehmen, weil sie mir nicht geschenkt werden.
An dieser Stelle ist es höchste Zeit anzumerken, wie ausgesprochen DANKBAR ich bin, für all die Menschen, die mir zur Seite stehen, seien es professionelle Pflegekräfte, Freunde, Angehörige, oder gar Fremde, die mir unterwegs ein "Des schaff ma" zurufen, oder mit mir eine Tasse Kaffee trinken gehen. 💗

Siehe auch: #Familie, Das ist doch..., Laubbläser im Wind, Heute ist wieder so ein Tag..., Unisono, Mutmachung, Verschnaufpause, Damals..., Zombie?!

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