Freitag, 9. September 2022

Unisono

#Muttergeschichten

"Die Queen ist tot!", rief mein Mann aus dem Schlafzimmer, während ich in der Küche unseren Morgentee zubereitete. Mir klang gerade noch ein Satz aus einer kurz zuvor gesehenen TV-Reportage im Ohr: "Wir alle sind in Transformation, und zwar schon seit einer ganzen Weile."
Nun ist die Queen tot, sechsundneunzig Jahre war sie alt, die "Mutter der Nation". Mit ihr ist eine weitere Symbolfigur einer alten Ära abgetreten. Zuletzt waren Gorbatschow und Ströbele dran, beide am gleichen Tag, vor gut einer Woche. Figuren der Zeitgeschichte. Da wechselt gerade viel politische Prominenz hinüber ins Jenseits. Das Alte geht, etwas Neues kommt - Transformation? Die Zeitungskästen geben sich heute erwartungsgemäß unisono: Die Welt weint. Die Briten sind am Boden zerstört, meldet der Neuigkeiten-Ticker im Mutter-TV.

Ich war gespannt, mit welchem ersten Satz mich meine Mutter heute früh begrüßen würde, und schloß schon interne Wetten ab. Würde sie mit  "Weißt du schon das Neueste?" aufmachen, oder gleich in den Flur rufen: "Die Queen ist tot!" Weder noch. Man sollte nicht zu voreilig sein, wenn man mit sich selber wettet, und vielleicht doch eine Joker-Münze auf das Unerwartete setzen. 

"Die Welt weint", war der erste Muttersatz zum Ereignis des Tages. Ich tat so, als hätte ich die Nachrichten noch nicht vernommen. Meistens ist das auch so, denn am Zeitungskasten komme ich nicht jeden Tag vorbei. Diesmal wollte ich hören, wie meine Mutter die Geschichte erzählt, denn die Queen ist schon etwas Besonderes. Die habe sogar ich als solarbetriebene Wackelfigur am Fensterbrett stehen.
"Worüber weint die Welt?", fragte ich nach, um den von meiner Mutter konversatorisch in den Raum gestellten Cliffhanger aufzugreifen. 

"Die Queen ist tot!", verkündete sie, nicht ohne eine gewisse Aufregung. "Ich wollte dich gestern Abend noch anrufen. Gleich nachdem du raus warst, kam die Eilmeldung. Die Welt weint!"
"Oh", sagte ich, und: "Weinst du auch?"

 

Nein, meine Mutter lachte. Seit ihrem Schlaganfall kann sie nur noch lachen, aber nicht mehr weinen. Auch wenn sie eigentlich weinen müsste, fängt sie an zu lachen. Das ist mitunter schwer zu ertragen, weil sie auch in den traurigsten Situationen lacht, bis ihr die Tränen über die Wangen kullern. "In meinem Kopf ist irgendwas kaputt", sagt sie dann manchmal, kann aber nichts daran ändern, und lacht weiter. Während ihr Körper so heftig lacht, vergisst sie schnell, dass sie eigentlich traurig wäre.
"Heute früh war mein Freund da", erzählte sie, als sie wieder Luft bekam. Ihr Freund ist der Pfleger, der die Überfahrt über die wellige Teppichkante (meistens) gut bewältigt.
"Den habe ich gefragt, ob er schon das Neueste weiß", fuhr meine Mutter fort. "Ich frage die Pfleger morgens immer wie das Wetter ist, und was es Neues gibt", fügte sie hinzu.
"Und, bekommst du dann deine Antworten?", hakte ich nach.
Meine Mutter winkte ab. "Nein, die haben keine Ahnung. Er wusste nicht, dass die Queen tot ist. Ich habe ihm das gesagt, und ihn gefragt, ob er heute auch trauert. Und weißt du, was er darauf geantwortet hat?"
Wie hätte ich es wissen sollen? Ich hasse diese rhetorische Fragerei, fünfunzwanzig Mal am Tag dieses "Weißt du...?". Sag einfach, was der Pfleger geantwortet hat, dachte ich, während ich tief durchatmete.
"Es war ein schrecklicher Satz", ließ sie mich wissen, bevor der nächste Lachanfall über sie hereinbrach.
"Ich mach mal Kaffee, und wenn du wieder sprechen kannst, erzählst du mir, was er gesagt hat."
Ich floh in die Küche, um mich für die nächste Gesprächsetappe zu sammeln. Zehn Minuten später erhielt ich Antwort: "Stell dir vor, was er gesagt hat!"
Ich schaute meine Mutter fragend an, und dachte: Sag es endlich...
"Er hat gesagt, dass er arbeiten muss wie jeden Tag, und dass er keinen Extratag Urlaub bekommt, um zu trauern."

Ja, das war ein schrecklicher Satz. Pragmatisch, wahr und schrecklich zugleich.
Ich kenne die Geschichte meiner Mutter und ahne, warum sie so lange und so heftig lachen musste, mit ihrem verkehrtherum verdrahteten emotionalen Reaktionsmuster. Es ist manchmal schwer zu ertragen, wenn sie an den falschen Stellen lacht? Ich sage etwas und sie lacht. Da fühlt man sich nicht ernst genommen. Oder ist diese Fehlschaltung in ihrem Kopf eine Gnade, weil sie sonst über weite Strecken des Tages weinen würde, oder gar aggressiv wäre? Sie nörgelt immer noch herum, wie vor ihrem Schlaganfall, aber mit diesem Lachen ist diese ganze Situation für mich definitiv leichter zu ertragen. Und für sie selbst erst recht.
Ich servierte das Frühstück, hob die beiden Brotscheiben wieder auf, die ihr heruntergefallen waren, und fragte: "Wer wird denn jetzt der Thron-Nachfolger?"
"Der Charles, natürlich, der macht nachher eine Ansprache", sprudelte es aus meiner Mutter heraus. Sie griff nach ihrer Fernbedienung, und schaltete eilig die Sender durch.  "Ich muss heute einen Sender haben, wo berichtet wird. Drei Namen hatte er zur Auswahl, aber er hat Charles genommen. Meinst du, ob der ein bisschen moderner ist, oder ob er wieder auf der gleichen Schiene fährt, wie die alte Queen?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Das werden wir sehen."
Vielleicht hätte ich sagen sollen: "Der wird alles anders machen"?
Viel Zeit zum Trauern wird er nicht haben. Er ist jetzt König und hat die Amtsgeschäfte übernommen. Da kriegt man keinen Extratag Urlaub.

Die Königin ist tot, lang lebe der König. Und jetzt zum Sport. 

Siehe auch: Hausmittel, Zippi-Zappi, Heute ist wieder so ein Tag, Welches Schweinderl hätten S' denn gern?, Laubbläser im Wind, Alles bleibt anders, Abgründeln, Heute schon gezaubert?, Hoppala...

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