Mittwoch, 28. Dezember 2022

Wenn Unbeteiligte beteiligt sind

Wenn man dem weißen Kaninchen folgt,
sollte man vorher wissen, was es liest. 😅

#Muttergeschichten

Alte Leute sind liebenswĂŒrdig und schauen viel fern. Das Telefon liegt griffbereit auf dem Tisch, und in den Lieblings-TV-KanĂ€len der Mutter gibt es alle Naselang irgendwas zu kaufen. Dann schwĂ€rmt sie von den tollen Kochtöpfen, die man unbedingt braucht, obwohl die KĂŒchenschrĂ€nke schon voll sind, von der Hyaluron-Gesichtspflege, die garantiert gegen Falten hilft, oder von einem unverzichtbaren Epilator fĂŒr beziehungsweise gegen den Damenbart. Der ist besonders im hohen Alter wichtig, damit man nicht aussieht, wie die Hexe Kaukaukau. 

Hin und wieder warne ich meine Mutter vor dem Enkeltrick und all den anderen BetrĂŒgereien, die man in der modernen Lebenswelt kennen sollte, vor allem wenn es irgendwo klingelt. Da schickt sogar die Polizei Briefe per Post. Ausgangspunkt unseres MorgengesprĂ€chs war eine im TV eingeblendete Spendenhotline-Rufnummer, so ein 0180er-Ding, bei dem mit einem Anruf immerhin nur 10 Euro ĂŒber die Telefonrechnung abgebucht werden. Sicherheitshalber habe ich in der Fritzbox die ganz krassen Abzock-Vorwahlen gesperrt. 

Mit den Warnungen war ich bei meiner Mutter nicht an der richtigen Stelle. Die kennt sich aus, sie hat ja frĂŒher schon Eduard Zimmermann's "Nepper, Schlepper, BauernfĂ€nger" angeschaut.
"Die Sache mit dem Hubschrauber", rief sie aufgeregt. "Weißt du noch, in Block 42!"

Block 42 ist das Codewort fĂŒr eine der vielen Adressen, an denen wir in ganz frĂŒhen Jahren gewohnt hatten. Aus Block 42 bin ich vor knapp vierzig Jahren ausgezogen, aber okay, Erinnerungen sind manchmal sehr lebendig. Die TĂŒcke liegt im Detail. 
"Wer ist denn da alles zum Sammeln gekommen?", sinnierte die Mutter laut, und zĂ€hlte an ihren Fingern ab, wie viele es waren: "Die Soldatenleute, die heiligen drei Könige...  die Samariter...."
Wahrscheinlich meinte sie die Johanniter, das klingt so Àhnlich.

"Ja, der Hubschrauber", lachte die Mutter, ohne ihr zentrales Stichwort weiter auszufĂŒhren.
"Was fĂŒr ein Hubschrauber?", fragte ich.
"Der Hubschrauber!!!" Sie kicherte unentwegt. "Die wollten einen kaufen!!!"
"Wer sind die?", hakte ich nach.
"Ich weiß nicht, wie die heißen."
"Die Samariter?"
"Ja!"
"Ja und?"
WÀhrend ich auf den Fortgang der Geschichte wartete, lief der Erinnerungsfilm im Kopf meiner Mutter ab. Ich hÀtte gerne mitgelacht, wusste aber noch nicht, was so lustig war. Geduld...
"Die haben an der TĂŒr gesammelt. Und der ganze Block hat unterschrieben!"
Ich konnte mir ungefĂ€hr zusammenreimen, dass es um eine Spendensammelaktion vor etwa vierzig Jahren ging, und dass die Johanniter oder irgendein anderer Rettungsdienst offenbar fĂŒr einen Hubschrauber gesammelt hatten.
"Ja und? Haben sie den Hubschrauber gekauft?"
"Nein!!!" Die Stimme meiner Mutter klang wie die von der Gewitter-Oma aus dem Internet (Youtube). Sie mĂŒssen sich bei jeder Aussage mĂ€chtiges GelĂ€chter dazu denken, so als hĂ€tte jemand den lustigsten Witz aller Zeiten erzĂ€hlt. Meine Mutter bekam vor Lachen kaum Luft, wĂ€hrend mir langsam die Geduld ausging.
"Warum nicht?", fragte ich nach.

Als sie rief "Da waren Unbeteiligte beteiligt!!!" war es vorbei. Jetzt musste ich lachen, sei es aus Verzweiflung oder Überforderung, oder einfach nur, weil unser Dialog wieder so loriotesk war. Trotzdem wollte ich wissen, was sich damals zugetragen hatte. Man nimmt ja Anteil, und meine Mutter hatte den Spannungsbogen so strapaziert, dass ich ihre Aussage nicht einfach im Raum stehenlassen konnte. Zeit fĂŒr die Verhör-Methode:
"Wer war an was beteiligt, und was haben die Unbeteiligten damit zu tun?", erkundigte ich mich, um halbwegs Ordnung in die GesprÀchsfetzen zu bringen.
Meine Mutter war erstaunt und brĂŒskiert, dass ich nicht verstanden hatte, was sie mir erzĂ€hlen wollte.
"Jetzt mach doch keine GehirnwÀsche mit mir", protestierte sie prustend und gestikulierte unbeholfen herum.
"Ich will doch nur verstehen, was du mir erzĂ€hlen willst", erklĂ€rte ich seufzend. Neuer Anlauf:  "Was ist denn da vorgefallen?"
"Da waren welche beteiligt, die gar nicht dazu gehörten", umschrieb sie den Hubschrauber-Vorgang mit anderen Worten. Das Fragezeichen auf meiner Stirn wurde nicht kleiner.
"An der Spendenaktion?"
"Ja!" (Gewitter-Oma) Sie wischte sich die LachtrÀnen mit ihrer Serviette von den Wangen.
"Ich habe mir das hinterher durchgelesen", fuhr sie fort, "und dann bin ich zu den anderen gegangen, zu den Maiers und den MĂŒllers. Ob die das auch gemerkt haben."
"Was gemerkt?"
"Das Kleingedruckte! Dass die jeden Monat abgebucht haben!"

Beginnende Demenz?
Wortfindungsstörungen hat meine Mutter schon lĂ€nger, sie treten jetzt hĂ€ufiger auf. Bis vor einiger Zeit konnte sie solche Geschichten noch halbwegs in der richtigen Reihenfolge erzĂ€hlen. Fragen Sie nicht, wie lange unser Dialog gedauert hat, ich habe ihn hier schon stark verkĂŒrzt.

Wenn ich die Puzzleteile richtig zusammensetze, ging die Geschichte so: Irgendwelche BetrĂŒger hatten sich als Samariter verkleidet, und im Block 42 Spenden fĂŒr einen Hubschrauber gesammelt. Der ist teuer, also bitte nicht nur fĂŒnf Mark! Auf der Spenderliste hatten alle Hausbewohner unterschrieben, also 36 Mietparteien (was ich fĂŒr nicht ganz realistisch halte). Jedenfalls dachten die Spender, es sei eine einmalige Sache. In Wirklichkeit hatten sie einen Abbuchungsauftrag fĂŒr monatliche Zahlungen unterschrieben. Dieses Geld ging aber nicht an die Samariter, und es war auch nicht fĂŒr einen Hubschrauber. Die "Unbeteiligten, die beteiligt waren", waren schlichtweg TrickbetrĂŒger.
Meine Mutter hatte die Vertragsklausel mit dem Monatsabo als einzige bemerkt, weil sie sich das Kleingedruckte durchgelesen hatte. Daraufhin war sie zu "allen" gegangen (konkret nannte sie die Maiers und die MĂŒllers), um sie ĂŒber den fatalen Irrtum und den dreisten Betrug aufzuklĂ€ren. Wie die Sache ausgegangen ist, wieviel Geld meine Mutter oder die Nachbarn fĂŒr einen Samariter-Helikopter gespendet hatten, den es gar nicht gab, ob sie von diesem Geld jemals etwas zurĂŒckbekommen haben, und ob man die falschen Samariter am Ende erwischt hat, haben wir nicht mehr erörtert.

Nebenwirkungen
Als ich meinem Mann diese Geschichte vorlas, sagte er: "Jetzt verstehe ich, woher du das hast. Du redest manchmal genauso wirr wie deine Mutter. Daran musst du arbeiten", mahnte er. Ja, da hat er recht. Zielgruppengerechte Ansprache ist das Zauberwort. WortfetzengesprÀche sind eindeutig Mutter-Sprech.

Um im Kopf und verbal klar zu bleiben, schreibe ich so viel wie möglich. Dabei kann ich meine eigenen SĂ€tze logisch sortieren und x-mal ĂŒberarbeiten, bis die Reihenfolge stimmt, und die Aussage deutlich wird. Im spontanen GesprĂ€ch gelingt mir das oft nicht, und das finde ich selbst bedenklich.
Solange das Sprachzentrum in meinem Gehirn im "Mutterkonversationsmodus" lĂ€uft, funktioniert es völlig anders. Genau wie meine Mutter gehe ich dann davon aus, dass mein Mann oder andere GesprĂ€chspartner sofort wissen, worum es geht. Ich lasse wichtige Informationen aus oder erzĂ€hle Geschichten von hinten nach vorne, unterbrochen von SprĂŒngen in komplett andere Themenfelder oder Zeitlinien, so wie sie dem bildlichen, assoziativen GedĂ€chtnis spontan entspringen. Ingesamt ist das ein ausgesprochen kreativer Prozess, ein Brainstorming, bei dem mir oft Dinge einfallen, die man sich mit dem logischen Verstand ĂŒberhaupt nicht ausdenken könnte. Im Alltag ist dieser Modus jedoch höchst unpraktisch, und da bin ich froh, wenn RĂŒckfragen kommen. "Ich habe nicht verstanden, was du meinst." Also nochmal von vorne.

Was passiert in meinem Kopf?
WĂ€hrend ich spreche, entwickelt sich vor meinem geistigen Auge eine Art Mindmap. Ich stehe vor einer riesengroßen Leinwand, auf der ich wie ein Profiler im Psychokrimi sĂ€mtliche Aussagen, Gesten, GesichtsausdrĂŒcke, Tonlagen, Infotexte, Fotos, Videos, Notizen und BeweisstĂŒcke in Sekundenbruchteilen sehe, und gleichzeitig die VerbindungsfĂ€den ziehe. FĂŒr  mich entsteht aus all den Details ein logisches Bild. Ich erlebe einen internen Aha-Moment, der nicht oder nicht schnell genug in Worte zu fassen ist. Um alles zu erklĂ€ren, mĂŒsste ich weit ausholen, sozusagen bei Adam und Eva, und das nervt. Es nervt meine GesprĂ€chspartner und es nervt mich selbst. Bei RĂŒckfragen zu Details verschwindet das eben noch so klare Gesamtbild; es ist wie bei Erinnerungen an einen Traum, der gerade noch in voller Wucht prĂ€sent war, und sich beim Aufwachen schnell verflĂŒchtigt.
Gedankenlesen wĂ€re in diesem Moment das Mittel der Wahl, das haben wir aber noch nicht. Wenn mein Mann dann sagt "Folge dem weißen Kaninchen", kann ich nur sagen "welchem von den Tausend?" 🙀
Sprache und Satzbau bewegen sich schrittweise von A nach B, nach C und so weiter. Das komplexe Mindmap sprengt diese Logik. "Ich kann es nicht erklĂ€ren, obwohl ich es sehe", sage ich dann manchmal. So Ă€hnlich geht es vielleicht auch meiner Mutter: Sie ist in ihren internen Film vertieft und glaubt, sie hĂ€tte schon alles ausgesprochen, was sie gedacht und gesehen hat. Weil ich sie und ihre Lebensgeschichte gut kenne, weiß ich vieles vollautomatisch, wenn Sie mir ihre Gedankenfetzen hinschmeißt, aber bei anderen GesprĂ€chspartnern ist das eben nicht der Fall.

Wenn ich in den "Mindmap-Modus" falle, holt mich mein Mann zurĂŒck in die Wirklichkeit:
Bring es auf den Punkt! 
Das ist gut. Um ihn nicht lĂ€nger zu ĂŒberfordern, werde ich ab sofort sagen: Die Antwort ist 42! Alles andere wĂŒrde zu lange dauern. 😆

Schön, dass Sie es bis hierher geschafft haben. 🙏

Siehe auch: Und dann wieder: StilleAtsvents 4, 2022, Wetter, Fußball und Champagner, Zippi-Zappi, Unisono, Hoppala..., Hausmittel, Donnerstag, Freitag, Alltag; Heute ist wieder so ein Tag, Pornopapst, Konfliktscheu, Die Antwort auf (fast) alle Fragen: 42, Ein Pastewka sind drei Anhalter in der Galaxis

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