Dienstag, 27. September 2022

Hoppala...

#Muttergeschichten
 
Wo fange ich bloß an? Bei mir stapeln sich schon wieder hundert Begebenheiten, die wahrscheinlich zu 99% hinten über die Schreibtischkante fallen, weil ich keine Zeit habe, sie aufzuschreiben. Ein paar Tage später ist die "Energie" weg, und eine neue, andere betritt den Raum des kreativen Schreibens. Tabasco ist ein aktuelles Stichwort, und die sieben Zwerge ein anderes. Tabasco und die sieben Zwerge wäre auch eine schöne Überschrift, passt heute aber nicht ganz.

Wenn ich Ihnen gestehe, dass ich auf dem Weg ins Mutterhome 142 Fotos aufgenommen habe, dann denken Sie wahrscheinlich, dass ich den Verstand verloren habe. Vor allem auch deswegen, weil ich von diesen größtenteils wirklich schönen und scharfen Bildern ausgerechnet das eine ausgesucht habe, das so aussieht, als wäre ich bei der Aufnahme sturzbetrunken in die Wiese gekippt. Das war auch fast so. Natürlich war ich nicht betrunken, und auch nicht auf dem Oktoberfest. Mir ist nur die Handykamera aus der Hand geflutscht, als ich versuchte, im triefend regenfeuchten Wiesengrün knieend aus der sogenannten Froschperspektive ein scharfes Blümchenfoto zu machen. Ich bin eben kein Frosch, und trotz des wasserdichten Militärstandard-Kamerasicherheitsverhüterlis mit Gummigrip rundherum und Sicherheitsschlaufe ums Handgelenk passieren manchmal Dinge, mit denen man nicht rechnet: Die Kamera fotografiert selbsttätig weiter, während Fotografin versucht, das körperliche und mentale Gleichgewicht zu halten. 

Ungefähr so muss sich der kleine Zwillingsasteroid Dimorphos  letzte Nacht gefühlt haben, als er vom DART getroffen wurde. Ups, was'n Schubs... wo kommt der denn her? Planet Erde? 11 Millionen Kilometer entfernt? Das gibt's doch gar nicht! Was fällt denen ein?
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte schubsen "wir" Felsbrocken im Weltall herum!  

"Und ich dachte, da oben wohnt der liebe Gott", sagte meine Mutter beim Frühstück, als im Fernsehen über das Experiment berichtet wurde. Sie wirkte nachdenklich und war sichtlich beeindruckt, was Menschen alles so erforschen, und 'da oben' zuwege bringen, während 'hier unten' eine Krise die andere jagt. Eigentlich wollte sie einen Nachrichtensender suchen, und hören, was der Herr Söder gestern gesagt hat, aber sie hat ihn nicht gefunden. Den richtigen Sender, meine ich. Darum sind wir versehentlich bei DART und Dimorphos gelandet, bevor die sieben Zwerge auftauchten, während ich gerade von Tabasco sprach.
"Schau dir das doch mal an!", rief die Mutter mit vollem Mund, total aufgeregt.
Wissen Sie... ich bin aufgestanden und habe mir mit der flachen Hand gegen den Kopf geschlagen.
"Das ist doch lustig", sagte meine Mutter entrüstet, und zeigte mit ihrer Fernbedienung Richtung TV-Gerät. "Findest du das nicht lustig?"

Jaaa.... Ich bin gerade so weit, dass mir die Lachtränen über die Wangen rollen. Vielleicht habe ich diese Krankheit jetzt auch - dieses umgekehrt verdrahtete emotionale Schema. Wahnsinn ist ansteckend, das nennt man "Folie à deux": Eine induzierte wahnhafte Störung, eine „psychotische Infektion“ oder „symbiontischer Wahn“. Das ist die ganze oder teilweise Übernahme einer Wahnsymptomatik durch einen nahestehenden, primär nicht wahnkranken Partner. Danke, Wikipedia. 

Mein Mann sagt, dass ich nicht mehr in der Lage sei, einen kompletten Satz geradeaus zu sprechen. Ja wie auch? Wenn ich anhebe, einen Satz zu sprechen, werde ich nach drei Wörtern unterbrochen: Entweder kommt ein Einwand, oder jemand ruft: Guck mal, ein Eichhörnchen! Filmriss. Da sollst du nicht wahnsinnig werden? Gestern sagte meine Mutter: 

"Das ist genauso wie da bei denen mit den Dingsda in Albertuzzien." 

Übersetzen Sie diesen Satz ins Deutsche, Sie haben zwei Sekunden Zeit. (Das ist mein Alltag. Folge dem weißen Kaninchen, es schlägt fünfundzwanzig Haken in drei Millisekunden. Bleib dran und erledige es!)

Wissen Sie, was das Verrückteste daran ist? Ich wusste sofort, was meine Mutter meint. Sie kommentierte eine militärische Abzugsstrategie, die genauso läuft, wie der Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan, wo Frauen voll verschleiert herumlaufen. Und nein, ich hatte nicht gehört oder gesehen, was im Fernsehen gerade berichtet wurde. Oder doch, unbewusst? Die Kiste läuft den ganzen Tag, und meine Mutter redet unaufhörlich. Neulich habe ich mir schalldichte Kopfhörer aufgesetzt, um für ein paar Minuten Ruhe zu haben. Das war richtig gut. Mir sind Freudentränen über die Wangen gerollt. 

Wo war ich stehengeblieben? DART und Dimorphos!
"Es ist der erste Versuch in der Geschichte der Weltraumforschung und damit der Menschheit, die Bahn eines Himmelskörpers zu verändern", heißt es bei Wikipedia. Notieren Sie also den heutigen Tag im Kalender. Zumal einer der Forschenden im TV sinngemäß sagte: "Wir haben noch viel zu wenig Ahnung über die Bewegungen und Flugbahnen von Asteroiden", aber es kann nix passieren - unser Star Wars ist ja weit genug weg für ein Experiment. Das wollen wir ihm mal glauben, der ist Wissenschaftler, und nur durch solche Experimente lernen wir (die Forschenden) dazu. Ich forsche auch, darum das WIR. Nun bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich heute früh auf der Wiese nicht doch von einer chaotischen Kettenreaktion gestreift wurde. Ein Rückstoß aus dem All, der mein Foto hat verwackeln lassen. Ganz bestimmt. An meiner Mutter kann es nicht liegen. 😜

[An dieser Stelle kommt der Psychologen-Witz: Wenn eine*r eine Schraube locker hat, liegt's meistens an der Mutter. Sie müssen das nicht lustig finden, aber es ist was Wahres dran.]

Was ist denn nun herausgekommen, bei dieser Kollision im All? DART hat Dimorphos wie vorausberechnet getroffen, und "es wird nun Tage dauern, bis der „LICIACube“ Bilder und Daten von dem Aufprall an die Erde gesendet hat. Erst dann wird der endgültige Erfolg der Mission bekannt sein", berichtet der Focus. 

Das musste ich im Internetz recherchieren, denn so weit kamen wir in der TV-Berichterstattung nicht, meine Mutter hatte schon wieder einen anderen Sender gesucht. Ich weiß nicht, ob sie den Söder irgendwo gefunden hat, bei den Brautkleidern hängengeblieben ist, oder ob vormittags schon das Familiengericht tagt. Ich bin einfach rausgegangen und hab die Tür zugemacht. Auf meinem Bürostuhl sitze ich gerade sehr gut, der wackelt nicht, da fällt mir auch nichts aus der Hand.
Wenn Sie jetzt denken: Oh, der muss ich helfen... Vielleicht wollen Sie mir einen Kaffee spendieren? Ich könnt' jetzt echt einen brauchen: Paypal.
Wenn genug Spenden zusammenkommen, mach' ich ein Foto vom ToGo-Becher und schreib' ne schöne Geschichte dazu. Versprochen. 😁

Siehe auch: Tabasco!, Unisono, Heute ist wieder so ein Tag, Zippi-Zappi, Kundenorientierung oder: Wenn Blicke töten könnten, High Noon, Finde den Fehler, Hausmittel, Welches Schweinderl hätten S' denn gern?, Pornopapst, Finstermond, Schwammerlsarg, Wieviele Finger sind das denn?, oder #Raumfahrt oder #Märchen

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