Donnerstag, 7. März 2024

(Zehn)Tausend magische Momente

46 mm | 1/60 s | f2,5 | ISO 80 | Nikon Coolpix P7700

#Kraftwerk  #Bäckermühle #Candidplatz  #München  #Giesing
#Frühblüher  #Frühling2024

#Muttergeschichten

Die ersten Bäume fangen an zu blühen, auch wenn es sich bei der feuchten Witterung noch ausgesprochen kühl anfühlt. Auf das Thermometer am Fenster verlasse ich mich derzeit nur bedingt. Die feuchte Kälte kriecht überall hin, aber das mag eine ausgesprochen subjektive Wahrnehmung sein.
An den Wegesrändern liegt der Müll wie eh und je, das Hässliche und das Schöne reichen sich zwar nicht die Hand, aber sie koexistieren nebeneinander. Jeder Tag hat hundert Taschen, wenn man viel hineinzustecken hat, soll Nietzsche einmal gesagt haben. Für den Müll am Straßenrand wären die ganz nützlich, aber das hat der Philosoph und Philologe aus dem 19. Jahrhundert natürlich nicht gemeint. Damals gab's noch kein ToGo und kein Plastik. 😏

Mein Tag hat manchmal nicht nur hundert, sondern tausend Taschen, wenn ich all die kleinen Momente und Ereignisse bewusst wahrnehme, in denen irgendetwas Besonderes, Lustiges oder Skurriles vor sich geht. Welchen dieser Momente greife ich heute heraus, und wie viele andere lasse ich über den Ereignishorizont und ins Vergessen fallen? Ich hätte bitte gerne eine eigene Serverfarm für mein 360° Erinnerungsradar, und Zeit, um wenigstens die Hälfte aufzuschreiben. 😅

Als ich heute frisch und erholt im Mutterhome eintraf, saß meine Mutter ohne Socken in eine Decke eingewickelt auf ihrem Sessel. Der Pflegedienst hatte ihr morgens wie immer beim Anziehen geholfen, aber die Entwässerungstabletten und der Kaffee hatten mal wieder gut und schnell gewirkt, also alles nochmal von vorne. Sie konnte kaum aufstehen, und es dauerte, bis ich ihr in den zweiten Satz frische Wäsche geholfen hatte. Im Musik-TV trällerte derweil das Lied "Magische Momente", und wir mussten beide lachen.

"Heute ist ein schlechter Montag", seufzte meine Mutter, als sie erschöpft in ihren Sessel zurückfiel. Heute ist Donnerstag, macht aber auch nichts. Sie erzählte mir, dass die Pflegekraft, die ihr morgens schon den Kaffee gekocht hatte, völlig fertig gewesen sei. Die Patientin, von der sie gerade gekommen war, wollte sich nicht waschen lassen, war aggressiv geworden, und hatte nach der Pflegerin geschlagen. Das passiert leider oft bei dementen Menschen, deren Persönlichkeit sich total verändert, und die nicht mehr wissen, was sie tun. Eine schlimme Situation für Angehörige und Pflegekräfte.
Meine Mutter vergisst Namen und Wörter und verliert manchmal die zeitliche Orientierung, aber sie wird nicht handgreiflich. Ihre emotionalen Reaktionen kann sie aber auch nicht mehr gut kontrollieren. Sie lacht, auch wenn sie eigentlich weinen müsste, und das tut sie eben auch in Situationen, in denen es überhaupt nicht passt. Wahrscheinlich ist sie auch nach dem Bericht der schockierten Pflegekraft in ihr typisches Gelächter ausgebrochen, was nach außen hin den Anschein erweckt, dass meine Mutter eine Situation lustig findet, schadenfroh ist, und sich über die Pflegerin lustig machen wollte. 

Dieses Gelächter kann man in den falschen Hals kriegen, und das weiß ich, weil es mir manchmal auch so geht. Meine Mutter ist oft schadenfroh, das war sie schon vor ihrem Schlaganfall, und sie wirkt nach außen hin geistig fitter als sie es ist. Die drei Jahre häusliche Betreuung haben mich mit einem feineren Spürsinn ausgestattet, so dass ich den winzigen Unterschied zwischen echter Schadenfreude und dem unkontrollierbaren emotionalen Ausbruch inzwischen (meistens) erkenne. An schlechten Tagen nehme ich das Verhalten meiner Mutter persönlich, an guten Tagen stehe ich drüber. Darum bin ich froh, wenn ich viele gute Tage erlebe, und dank der begleitenden Therapie werden es wieder mehr.

Meine Mutter kam auf das Gespräch mit der Pflegekraft zurück: "Ich glaube sie war beleidigt", meinte sie, "aber es bricht manchmal einfach so aus mir heraus. Da spüre ich den Lachanfall schon von unten hochsteigen, und ich kann nichts dagegen tun."
"Sei froh, dass du lachen kannst'", sagte ich, und erzählte ihr von der Mutter eines guten Freundes, die mit fortschreitender Demenz ebenfalls hoch aggressiv geworden war. Bei mir entstand ein kurzer Moment der Erleichterung, dass meine Mutter nur an den falschen Stellen lacht, und in letzter Zeit auch einen etwas handzahmeren Eindruck auf mich macht. Vielleicht liegt's an der permanenten Schlagermusik und deren eingängigen Texten?

In meinem Herz sind tausend Fragen - dieser Refrain macht mich zur Zeit fertig. Das Lied habe ich heute Vormittag schon mindestens zweimal aus dem Hintergrund gehört, ein Dauerbrenner auf Deluxe TV, und offensichtlich auch eins der aktuellen Lieblingslieder meiner Mutter: Sie dreht jedes Mal die Lautstärke hoch.
"Ich brauche jemanden, der mir das alles erklärt!", hatte sie vor ein paar Tagen gesagt. "Ich will noch so viel wissen!"
Dazu gehört zum Beispiel die Frage, wie eine Sängerin, die früher so schöne Lieder gesungen hat, neuerdings so einen seichten Scheiß säuselt. Das ist doch keine Musik! Wie man seine Stimmbänder so umtrainieren kann, dass die schöne alte Stimme weg ist! Wie geht das?
Wissen Sie es, oder soll ich ChatGPT fragen? 😜 Ich habe wirklich wieder einen Moment lang über Alexa, Corana oder Siri als Mitbewohner*innen nachgedacht, aber wir bräuchten dann eine Männerstimme aus der KI-Elektrobox.

"Jetzt singt der Brinkmann!", rief meine Mutter aufgeregt, während ich im Bad die frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen aufhängte. "Wir sind stärker als die Ewigkeit, tausend Jahre sind ein Tag, die Liebe endet nie..." Ja, das verstaue ich in einer meiner tausend Tagestaschen. Und so reichen sich in meinen weiterführenden Links die Philosophen Nietzsche und Brink die Hand. Google hält mich wahrscheinlich für verrückt. 😅

Der Pfleger mit 'ik" hat jetzt einen neuen Spitznamen, er ist jetzt "der Professor". Na schauen wir mal, wie er morgen heißt. Vielleicht schaue ich mir nochmal den Murmeltier-Film mit Bill Murray an:  Wenn ich 10.000 Jahre im Mutterhome verbringen muss, um aus dieser Falle wieder herauszukommen, dann folge ich gerne dem Mathematiker Brink:  Tausend Jahre sind ein Tag 💗 >
Zehntausend Jahre sind folglich zehn Tage, und die werde ich schon irgendwie rum bekommen...

Siehe auch: Murmeltiertag!, Der Klima-Michel, Magische Mistel, Kalte Ostern 23, Michelangelo der Straßenkehrer, Auf und Ab, Vorsicht Glatteis!, Bringt's was?, Happy Börsday, Immanuel

#Muttergeschichten: UnisonoHeute besonders..., Sendeschluss, Musikantenstadl, Michelangelos neuester Hit, Tür an Tür mit... Doris?Hoppala..., Zombie!?Heute ist wieder so ein Tag, Pornopapst, Da muss ich ja denken!, Telefonjoker, Frisuren und irgendwas mit 'ik', Schwammerlsarg, 4711: ChatGPT im Mutterhome, Vegan?, Falschlicht, Personalfragen

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