Freitag, 13. Januar 2023

Musikantenstadl

 

Meine Mutter war heilfroh, als die Weihnachtspause endlich vorbei war. In Bayern haben wir ja auch noch den offiziellen Feiertag für die Heiligen Drei Könige, der oft den krönenden Abschluss der Ferien markiert. Danach erfolgt der Wiedereintritt in die Alltagsrealität: die Arztpraxen öffnen, der Physiotherapeut ist aus dem Urlaub zurück, und die Medien liefern wieder reichlich Diskussionsstoff.  Angesichts der üblichen Konservenfilme, Wiederholungen und Jahresrückblicke hatte die Mutter in den Ferien lange nach einem passenden Sender suchen müssen.
"Gestern waren überhaupt keine Nachrichten", hatte sie neulich entrüstet kommentiert, "auf keinem einzigen Sender! Und den Bayrischen Rundfunk kannst du ja total vergessen!"
In ihrer Not hatte sie beim Durchzappen den Saarländischen Rundfunk entdeckt. "Dass so ein kleines Land so einen Sender und so ein gutes Programm hat!", meinte sie erstaunt. Sie war bei einem Bericht über Männer mit verschiedenen Bärten hängen geblieben, und bei der Bartmode sind die Deutschen wohl irgendwie Weltmeister, ließ sie mich wissen, nur um im gleichen Atemzug zu fragen:
"Wie heißt gleich noch der Sänger mit der Gockelfrisur?" 😆

Da musste ich nicht lange überlegen: "Rod Stewart."
"Ja genau!", rief die Mutter hoch erfreut. Alte Codenamen halten ewig.
"Wie alt ist der denn jetzt?", staunte ich.
"Ach, siebzig wird der schon sein", mutmaßte sie. Ich rechnete grob nach, und kam auf eher achtzig. (Er ist am 10. Januar 78 geworden, sagt das elektrische Schaf.)
"Hässlich war der ja immer schon", fuhr meine Mutter fort, "aber egal wie alt der ist: er singt immer noch schön, und mit der gleichen Frisur - wie damals!"
Ich musste lachen. Toupet? Keine Ahnung.
"Stimmt", sagte ich, um mir nicht wieder so einen Zombie-Kommentar einzufangen wie neulich. Abgesehen davon fand ich Rod Stewart in meiner Jugend ganz okay.
"Wenn man gut singen kann, muss man nicht schön sein", fügte ich hinzu. Das stimmt heutzutage zwar überhaupt nicht mehr, aber mit den Gegebenheiten der 'neuen Zeit' hat es meine Mutter ohnehin nicht. Solange die Identifikationsfiguren der eigenen Jugend noch auf der Bühne stehen, nimmt man den eigenen Alterungsprozess nicht so deutlich wahr. Da hat sich schon etwas getan, in den letzten Jahren und Jahrzehnten, und das ist gut so. Früher galt man mit Fünfzig schon als halbe Mumie. Rod Stewart ist gerade mal sechs Jahre jünger als meine Mutter.
"Den haben sie aufgezeichnet. Live."
Eine Aufzeichnung einer Live-Musiksendung mit Rod Stewart? 
"Auf welchem Sender war das denn?", hakte ich für den Fakten-Check nach.
"MTV. Rückblick 2022 - da waren auch viele Deutschländer dabei", erfuhr ich, und meine Mutter zählte auf, woran sie sich noch erinnerte: "Der mit seiner komischen Maske war dabei, die komischen Vier, und die aus der DDR, die Könige, oder wie die heißen."
"Du meinst die Prinzen?" 😊
"Ja."
Immerhin waren das alles Musikanten, die auch ich kannte - vielleicht doch ein MTV-Rückblick in die 1990er Jahre? 😉
Dass der Rapper Cro heißt, und die Fantastischen Vier nicht komisch sind, griff ich nicht weiter auf, weil meine Mutter sich die Namen sowieso nicht merken würde. Hauptsache ich wusste, wen sie meinte, und das ist eine gute Gesprächsgrundlage.
An Weihnachten hatte mein Bruder eine Schallplatte aufgelegt, die meiner Mutter überhaupt nicht gefällt: Boarischer Tanzbodn, Live mit den Well-Buam aus dem Trikont-Verlag. Das Cover dieser uralten Platte wäre heutzutage ein totaler Aufreger, aber toll fotografiert ist es allemal. Das ändert nichts an der Tatsache, dass Volksmusik im Allgemeinen und bairische im Besonderen für unsere Mutter ein Graus ist - so wie für mich das Deutsche Musikfernsehen. Geschmäcker sind eben sehr verschieden. Sie konnte sich überhaupt nicht erklären, wann und auf welchem Weg diese Platte in ihre Sammlung geraten war. Nach ausführlicher Diskussion kamen wir überein, dass diese Scheibe aus dem Nachlass meines vor vielen Jahren verstorbenen Onkels stammen musste.
"Ach bitte, tu mir einen Gefallen und räum das Ding weg", sagte die Mutter, und ergänzte: "ganz hinten in den Stapel zu den James-Last-Platten."
Ich glaube die waren auch von meinem Onkel, bin aber sicher, dass James Last in meiner Kindheit zu hören war. Sicher im Fernsehen - wo sonst.
Volksmusik und Tanzorchester passen zwar vom Genre her nicht zusammen, aber wenn die Sortierung nach dem Kriterium "gefällt / gefällt nicht" erfolgt, ist alles erlaubt. Ich tat meiner Mutter den Gefallen und ließ die Well-Buam hinter James Last verschwinden. Immerhin gibt es im Mutterhome keine Platten oder CDs von den Amigos oder von Captain Cook und den Singenden Saxofonen. Das ist auch gar nicht nötig, weil diese Helden der seichten Schlagerbeschallung fast jeden Tag im Deutschen Musikfernsehen zu sehen und zu hören sind. Jetzt gibt es sogar eine Kooperation zwischen den Amigos und den Saxofonen, informierte mich meine Mutter, auch wenn die Saxofone in reduzierter Besetzung auftreten. Naja, auch die müssen Kosten reduzieren: die Zeiten sind schlecht, und das Zielpublikum wird nicht jünger. 😅
Während meine Mutter immer wieder staunt und anmerkt, wie kreativ man sein muss, um sich solche Lieder auszudenken, frage ich mich, wer diese Jubiläums-Editionen mit fünfhundert Schlagern auf CD kauft, oder gar seinen Kaffee aus einer Amigo-Fan-Tasse trinken mag. Oder ist die nur zum Hinstellen?
Rein optisch steht bei meiner Mutter der hässliche Rock-Opa mit der Gockelfrisur höher im Kurs. Im Plattenstapel stehen Jonas Kaufmann, Eros Ramazotti, Udo Jürgens und Udo Lindenberg ziemlich weit vorne. Vielleicht sollte ich mal tiefer graben, und zum Mittagessen ein Alternativprogramm auflegen, das meine eigenen Nerven weniger strapaziert, und gleichzeitig auch die Mutter glücklich macht...
"Kennst du eigentlich noch dieses Lied mit dem lachenden Teufel?", fragte die unvermittelt.
"Der Teufel hat den Schnaps gemacht?"
"Ja! - Wie geht Text weiter?"
"Der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben. Ich hör schon wie der Teufel lacht, wenn wir am Schnaps einmal sterben: Udo Jürgens."
Sie schaute mich verunsichert an. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie jetzt ein Stamperl ihres Hausmittels bestellen wollte, aber das tat sie erstaunlicherweise nicht. Vielleicht hatte sie das Lied anders in Erinnerung?
"Soll ich dir nochmal einen heißen Pfefferminztee machen?", fragte ich mit einem Augenzwinkern, "oder willst du lieber ein Hustenbonbon?"
"Das hilft alles nix", erklärte sie, und griff zur Fernbedienung. Musik und Ablenkung sind eben die beste Medizin. Gut, dass ihr in diesem Moment nicht das Lied mit dem Griechischen Wein in den Sinn gekommen ist... 😅

Siehe auch: #Muttergeschichten
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