Samstag, 23. März 2019

Musik liegt in der Luft


Welche Musik hören Sie gerne? Läuft bei Ihnen alles digital oder legen Sie noch Schallplatten oder CDs auf? Vinyl ist jetzt wieder im Trend! Die Kanäle über die wir Musik heute auswählen und empfangen mögen sich geändert haben, aber Musik ist aus unserem Leben überhaupt nicht wegzudenken. Sie bewegt uns unmittelbar, sie weckt Gefühle und Assoziationen - und sie kann bedauerlicherweise auch als Folterinstrument eingesetzt werden. Nichts ist schlimmer als Musik anhören zu müssen, die man überhaupt nicht mag. Das allein zeigt schon, welch enorme Kraft die Klänge haben, mit denen wir uns umgeben.

Hören Sie Frühstücksradio? 
Für mich ist das der pure Horror, nicht zuletzt wegen der kreischenden Werbung. Die hat mir irgendwann in den 1990er Jahren den Spaß am Radiohören so verdorben, dass ich seitdem nur noch am Rande mitbekomme, was in den "Charts" gerade so los ist. Dabei hatte alles richtig gut angefangen.

Mit welcher Musik sind Sie aufgewachsen? 

 
Bei mir war es die Radiomusik der 1960er,  die uns morgens beim Frühstück begleitete, heute nennen wir das "Oldies". Meine Mutter hatte aber auch Swing, Blues und klassische Klänge in ihrer Plattensammlung: Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 hat sich am tiefsten in meine Erinnerung eingegraben. Bei Opern mit Maria Callas habe ich mich verkrümelt.
Meine erste eigene Schallplatte war Ob-La-Di Ob-La-Da von den Beatles, die ich abwechselnd mit den ersten Pumuckl-Schallplatten auflegen ließ, denn für die Bedienung des schweren Teakholz-Musikschranks war ich noch viel zu klein. Moderne Mütter können wirklich aufatmen, dass sie nicht alle drei oder alle zwanzig Minuten aufstehen und ihren  Kindern eine neue Single- oder Langspielplatte auflegen müssen. Etwas entspannter wurde die Sache, als ich meinen ersten Radio-Cassettenrekorder bekam. Der war robust und leicht zu bedienen, und ich konnte meine Lieblingsmusik selbst aufnehmen. Wir mussten noch auf das Hörer-Wunschkonzert im Radio warten oder auf die Hits der Woche, um die Musikstücke aufzunehmen. Radiosprecher waren unsere Feinde, wenn sie in ein Lied hineinquatschten. Im Bayerischen Rundfunk gab es nur einen, dem ich das verzieh: Thomas Gottschalk. Bevor er zum TV-Star wurde, war er Radiosprecher beim Bayerischen Rundfunk. Seine Chefs beim konservativen BR waren über sein loses Mundwerk wohl nicht immer begeistert, aber ich war ein glühender Fan. Er legte andere Musik auf. Meine Lieblingssendung auf BR2 wird nicht auf Wikipedia erwähnt, Pop nach 8 kam viel später. Bis zu diesem Zeitpunkt war der amerikanische Sender AFN für mich der einzige Kanal, auf dem ganztägig die Musik gespielt wurde, die mich interessierte. Klar, die Amis quatschten konsequent in jedes Lied rein, aber dafür dauerten die American Top 40 am Sonntagnachmittag vier Stunden. Die deutsche Hitparade mit Dieter Thomas Heck? Oh no! Disco mit Ilja Richter war viel besser. Der Beat-Club von Radio Bremen kam zu spät abends, den durfte ich nur selten anschauen.

Ernst oder unterhaltsam?
Solche Unterscheidungen trifft man heutzutage immer weniger und das finde ich ausgesprochen gut. Es gibt so viele unterschiedliche Genres und Stilrichtungen, Musik für jeden Geschmack, für jede Lebenslage, jede Stimmung und jede Lebensphase. Dazu kommen die jeweils aktuellen Trends. Ich bin gespannt, wann die Phase des Hip Hop und Rap wieder abebbt und was danach kommt.
Gerade das Teenager-Dasein ist geprägt davon, dass man sich Lieblingsbands oder Pop-Idole aussucht und zum Fan wird. Die Beatles, für die ich schon als Kind schwärmte, waren in den 1970er Jahren überhaupt nicht mehr in. Man hörte Suzi Quatro, die Sweet, die Bay City Rollers, vielleicht auch Led Zeppelin oder die Rolling Stones. Queen und Pink Floyd waren gesetzt, Abba mochten auch alle, aber die wenigsten trauten sich das zuzugeben. Als die Disco-Welle kam, tanzten alle zu Saturday Night Fever. Nach der Neuen Deutschen Welle konnte man auch deutsche Texte hören. Davor gab es schon ein paar Exoten in unserer Klasse, die Udo Lindenberg oder Liedermacher wie Konstantin Wecker auf dem Schirm hatten. Da muss man zuhören. Weiße Rosen aus Athen oder Ein Bett im Kornfeld begleiteten uns mehr oder weniger beiläufig, aber im Großen und Ganzen stammten unsere Hits aus Großbritannien oder aus den USA. Wir waren gerade erst im Begriff  Englisch zu lernen und haben manchmal überhaupt nicht verstanden, welche Texte wir da mitsangen. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man im Plattenladen nach dem Lied Agathe Bauer fragte, wenn man eigentlich I Got The Power haben wollte. Haben Sie auch die Liedtexte auf den gedruckten Plattencovern mitgelesen? Heute gibt es das alles im Internet, oft sogar mit deutscher Übersetzung. Die möchte man manchmal gar nicht lesen ...



Hören Sie nebenbei Musik?  
Die meisten Leute tun das. Absolute Stille ist an modernen Arbeitsplätzen im Großraumbüro sowieso unvorstellbar. Im Supermarkt, im Aufzug, im Fitnessstudio - überall liegt Musik in der Luft. Wenn wir uns berieseln lassen, kann die Hintergrundmusik die Führung über unsere Befindlichkeit übernehmen. Darum wird diese Musik von Marketingexperten sorgsam ausgewählt. Ein Radio-Mix soll gute Laune machen. Wenn ich mich nun aber auf etwas konzentrieren will, geht mir das Gedudel im Hintergrund auf die Nerven. 
Ich bin sehr früh in Richtung Electro und Instrumentalmusik abgebogen: Mike Oldfield, Vangelis, Alan Parsons Project. Von Café del Mar und Space Night gibt es ganze Serien, jedes Jahr eine neue Zusammenstellung mit Stücken verschiedener Interpreten. Auch diese Lounge-Musik ist eine Art Gedudel, das nicht jeder aushalten kann. Wenn mich im Fitnessstudio ein Gangster-Rapper mit Nigga, Bitch und Mothafacka anblökt, werde ich aggressiv. Ich weiß, das soll so sein. Wer aggressiv ist, stemmt gleich mal zehn Kilo mehr Gewicht. Trotzdem mag ich mich dieser dumpfen Energie nicht aussetzen. Wählen Sie Ihre Musik bewusst und beobachten Sie, was die Melodien bei Ihnen auslösen. Im Fitnessstudio bringen die meisten Leute ihre eigene Musik auf dem Handy mit und trainieren "komplett verdrahtet". Auch im öffentlichen Raum kann man sich mit der eigenen Musikblase fast vollständig von der Realität abschotten und in die eigene Klangwelt abtauchen. Das ist nichts grundlegend Neues: Wir sind früher mit einem Walkman oder Discman herumgelaufen, später mit MP3-Playern oder iPods.

Starke Stücke
Wird man von einer bestimmten Art von Musik in eine bestimmte Stimmung versetzt, handelt es sich auf psychologischer Ebene um einen sogenannten Trigger (Auslöser). Sie hören ein bestimmtes Lied und werden dabei ganz schnell sentimental, glücklich, entspannt, aggressiv oder traurig. Die Zeit und die Gefühle, die Sie erlebt haben, sind mit dem Lied verbunden und diese Verbindung kann sehr stark sein. Wenn die Gefühle unangenehm sind, lässt sich so ein Trigger auch wieder auflösen. Dazu müssten Sie das betreffende Musikstück in einer ganz anderen emotionalen Stimmungslage hören und neue (positive oder neutrale) Gefühle dazu verankern. Dieses bewusste Ankern basiert auf den gleichen psychologischen Mechanismen, die zuvor unbewusst abgelaufen sind.

Meistens wollen wir die alten Emotionen aber gar nicht auslöschen oder überschreiben, vor allem dann nicht, wenn eine Melodie schaurig-schöne Gänsehautgefühle auslöst. Ach ja, damals... weißt Du noch?

Mein Mann hat letztes Wochenende entrümpelt und dabei eine selbstgebrannte CD mit Filmmusik gefunden. Einmal kurz angespielt und schon gab es ein großes Aha und Hallo! Das ist schon wieder ein Thema für sich. Sie hören drei Takte und schon wissen Sie: Es ist der rosarote Panther, Star Wars oder Mission Impossible. Und jetzt wissen Sie auch, warum der Upload-Filter fürs Internet nicht kommen darf - all diese Videos könnten aus dem Netz verschwinden. 😔
 
Siehe auch: Blinded By The Light hier im Blog.

Was würden Sie jetzt gerne hören?
Ich bin sicher, Sie haben sofort eine Idee. 
Falls nicht: unter dem Link Weiterlesen finden Sie einen Auszug aus meiner "analogen Playlist", alphabetisch sortiert. Vieles davon hatte ich lange nicht mehr gehört, bevor ich die Links herausgesucht habe. Es war für mich interessant zu beobachten, welche Stücke ich noch bis zum Ende hören konnte. Probieren Sie etwas aus, das Sie vielleicht noch nicht kennen, und dann klicken Sie sich bei Youtube zu Ihrer eigenen Favoriten weiter.  :-)  Die Songtexte mit Übersetzung können Sie hier suchen.

Vielleicht hinterlassen Sie einen Kommentar oder schreiben Sie einen eigenen Blogartikel, in dem Sie über Ihre musikalische Vergangenheit sinnieren. Lassen Sie es mich wissen. Womöglich finde ich in Ihrem Beitrag Musikstücke oder Interpreten, die ich genauso hörens- oder erinnerungswürdig finde wie Sie.


Querbeet durch alle Genres

Abba - Dancing Queen
Al Stewart - Year Of the Cat
America - Horse With No Name   
Andreas Vollenweider - Caverna Magica
Beatles - Here Comes The Sun
Chumbawamba - Tubthumping
Cindy Lauper - Girls Just Want To Have Fun
Crowded House - Weather With You
Dire Straits - Sultans Of Swing
Eagles - Hotel California
ELO - Mr. Blue Sky
Fleetwood Mac - Dreams
Jean-Michel Jarre - Oxygene
Kate Bush - Running Up That Hill
Kraftwerk - Transeuropa Express
Lighthouse Family - High
Madonna - Frozen
Midnight Oil - Beds Are Burning
Mike Oldfield - Platinum Live 
Nena - 99 Luftballons
Phil Collins - In The Air
Pink Floyd - Wish You Were Here
Rammstein - Sonne 
Rolling Stones - You Can't Always Get What You Want
Sher - Believe
Simple Minds - Waterfront
Sting - Fields Of Gold
Queen - Killer Queen

Musik, die ich meiner Mutter zu verdanken habe
Zitat: "I brauch koa Intanet, I hab Platt'n!"
Glenn Miller - In The Mood
Louis Armstrong - What A Wonderful World 
Warner Archiv - Rhapsody in Blue
Frank Sinatra - New York New York

... und im späteren Verlauf: Zippi-Zappi! (hier im Blog) 

Chillout Favoriten
Kruder & Dorfmeister: Sofa Rockers
Jens Buchert - Reflections
Café del Mar: Vol. 4

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