Montag, 24. Oktober 2022

Sendeschluss

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(c) Rotkaeppchen68 bei Wikimedia

Der Sendeschluss beschreibt das Ende der Sendezeit, zu dem ein Hörfunk- oder Fernsehsender sein Programm beendet. Daher bezeichnet der Sendeschluss den Zeitpunkt, und nicht den Zeitraum der Sendepause vom Sendeschluss bis zur Wiederaufnahme des Programms. Umgangssprachlich wird diese Unterscheidung nicht immer gemacht.  (Wikipedia) 

Gehören Sie noch zur Generation derer, die diese Pausenbilder kennen? Einen Sendeschluss wie in meiner Kindheit gibt es schon lange nicht mehr. Seit Jahrzehnten senden alle TV-Kanäle ihre Programme rund um die Uhr, es sei denn, es gibt eine Störung. Als das Kabelfernsehen einmal für zwei Stunden ausfiel, war Alarm im Mutterhome.  

Dienst nicht verfügbar stand heute auf dem ansonsten schwarzen TV-Bildschirm, als ich morgens eintraf. Der Fernseher war nicht kaputt, es gab auch keine Störung: Meine Mutter hatte beim Durchzappen der Programme nur einen kostenpflichtigen Sender gestreift. Darum gab die Fernsehkiste gerade keinen Ton von sich. Die Mutter schon.
Wenn ich morgens die Wohnungstür aufsperre, höre ich die Stimme meiner Mutter meistens als erstes, und parallel dazu den Ton aus dem TV-Gerät, dessen Inhalte sie entweder kommentiert, oder direkt zu den Leuten auf dem Bildschirm spricht. Die antworten natürlich nicht, aber das spielt keine Rolle. Meine Mutter ist diese einseitige Kommunikation seit Jahrzehnten so gewohnt, und wendet sie auch bei realen Menschen an. Der Physiotherapeut hat ihr neulich die Fernbedienung weggenommen, und die Batterien entfernt, weil sie nicht bei der Sache ist, wenn der Fernseher läuft.
"Diese Kiste bringt dich um", sagte er streng. "Du musst sie auch mal ausmachen."
"Nein", widersprach die Mutter, "die hält mich am Leben! Ich muss doch wissen, was passiert! Wenn der Fernseher aus ist, sterbe ich!"
Also haben sie den Fernseher wieder eingeschaltet, nach der Physiotherapie, damit der Lebensstrom nicht abreißt. Einmal ist im Fernsehen tatsächlich etwas völlig Unerwartetes passiert.

Bis etwa 9 Uhr morgens läuft auf dem "Alpensender" (Servus TV) ein musikalisch untermalter Mix von Landschaftsszenen und Wetterdaten, übertragen aus allen möglichen Live-Webcams. Meine Mutter schaut sich das gerne an, weil ihr die Musikauswahl so gut gefällt. Was eine Webcam ist, weiß sie allerdings nicht. Das ist moderne Technik, die sie nicht versteht, und auch gar nicht verstehen will, darum habe ich mir abgewöhnt, ihr die wundersame Welt der Technik erklären zu wollen. Hauptsache die Musik ist schön, und der richtige Musikredakteur hat Dienst.

Während sie also eines Morgens in ihrem Sessel saß, und auf mein Eintreffen wartete, standen ein paar Leute ganz nahe vor einer dieser Alpen-Webcams. Diese Witzbolde wussten anscheinend ganz genau, dass man sie auf  Servus TV sehen konnte. Also schauten sie direkt in die Webcam und winkten in die gute Stube. Meine Mutter war so überrascht, dass sie den Gruß aus dem Bildschirm spontan erwiderte, und ebenfalls zurückwinkte. Aufgeregt wie ein kleines Kind erzählte sie mir danach von diesem Ereignis. "Stell dir vor, was heute früh passiert ist!"
Sie erzählte mir jedes Detail, es musste für sie gewesen sein, als wären diese Leute direkt in ihrem Zimmer gestanden. Pure Magie ... wie bei Catweazle. Ich habe danach versucht, ihr zu erklären, wie das mit den Wetter-Webcams und dem Fernsehen funktioniert, aber wer dem Leibhaftigen selbst begegnet ist, lässt sich von so etwas nicht beeindrucken.
"Du denkst ich bin verrückt", sagt sie manchmal, "aber ich bin nicht verrückt." Nein. Sie hat nur keine Ahnung von Technik, was im modernen Internetzeitalter gewisse Missverständnisse nach sich zieht. Wenn der FC Bayern spielt, denkt sie ja auch nicht, dass die Fußballspieler bei ihr im Wohnzimmer stehen.

Weil unsere Kommunikation schon sehr lange sehr einseitig verläuft, hatte ich mir ernsthaft überlegt, ob ich meiner Mutter nicht eine Cortana oder Alexa ins Zimmer stellen soll. Die würde aus dem Wikipedia-Fundus sehr geduldig alle mehr oder weniger absurden Fragen beantworten, Dinge erklären, und vor allem Musik abspielen. Ich wäre eindeutig entlastet, aber gefährlich sind diese Dinger natürlich auch. Erst mal hören sie alles mit, und die KI analysiert die Gespräche auch inhaltlich. Da muss man schon aufpassen, was man sagt, und meine Mutter passt nicht auf. Die schnabelt alles heraus, was ihr so einfällt. Dabei würden böse Stichwörter fallen, wie "Ich brauche einen Revolver" oder "kann man da nicht eine Drohne hinschicken, und die Leute abknallen lassen". Und Zack, schon hätten wir die GSG9 im Haus. Das ist nicht gut.

Alexa würde alles liefern, was man bei ihr bestellt. Harmlose Dinge wie Parfüm, Kuchen oder Pullover wären ja okay, aber ich glaube das macht der Kontostand nicht lange mit. Meine Mutter, die von einer befreundeten Nachbarin tatsächlich einmal den Spitznamen "Catweazle" bekommen hatte, würde glauben, dass Alexa so eine Art Wünsch-dir-was-Fee ist, die alles liefert und nichts dafür verlangt. Schon deshalb müsste ich im Kundenkonto eine Seniorensicherung aktivieren. Die Amazon-KI würde außerdem denken, dass wir in einer Garage wohnen, weil wir den Rollator als Mercedes bezeichnen, und ich mindestens dreimal am Tag sage, dass der Mercedes umgeparkt werden muss, damit ich mit dem Servierwagen daran vorbei komme. Ich glaube, ich lasse das mit den smarten Installationen im Mutterhome lieber sein. Die KI käme mit der Mutterlogik voll ins Schleudern, und würde nur die falschen Dinge lernen. 

#Muttergeschichten

Siehe auch: Moment mal, der sieht doch aus wie..., Zippi-Zappi, Unisono, Hoppala..., Heute ist wieder so ein Tag, High Noon, Finde den Fehler, Hausmittel, Welches Schweinderl hätten S' denn gern?, Ach..., Spinn i?, Pornopapst, Finstermond, Schwammerlsarg, Wieviele Finger sind das denn?

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