Mittwoch, 26. Oktober 2022

Aufgehorcht und nachgedacht

 

"Das Wichtigste, was wir tun können, ist jungen Menschen das Denken beizubringen. Das können sie dann auf alles anwenden. Aber wenn sie ein Problem nicht durchdenken können, dann sind sie nutzlos als Bürger dieser Welt."

Carol Becker, Dekanin School of the Arts, Columbia University
aus Die Stadt von Morgen – New York erfindet sich neu: Manhattans Plan für die Zukunft, SRF, ab Minute 38 (Mediathek, derzeit leider nicht verfügbar)

Nehmen Sie sich vielleicht ein paar Sekunden Zeit, um über das Zitat nachzudenken, bevor Sie weiterlesen.

Nachgedacht...

Es ist prinzipiell richtig und von Vorteil, wenn man denken und ein Problem durchdenken kann. Bildung ist ebenfalls zu begrüßen. Aber woran machen die Leute, die im Zitat mit "wir" bezeichnet werden, fest, ob ein junger Mensch "ein Problem durchdenken" kann? Dafür gibt es sicher Kriterien, über die wir im oben genannten Beitrag über Stadtentwicklung nichts erfahren. Es war nur eine Randnotiz, die mich aufhorchen ließ.

Man bringt jungen Leuten auf der Uni bei, wie sie denken sollen, und wenn diese dann (nach Einschätzung der Lehrenden) nicht so denken, wie man es ihnen beigebracht hat, ... ist das eine Erfahrung, die viele, wenn nicht gar alle (?) Eltern kennen. Ob sie ihre Kinder dann gleich als "nutzlose  Bürger dieser Welt" bezeichnen würden? Für einen erfolgreichen Abschluss an der Uni ist es natürlich kontraproduktiv, wenn man die falschen Antworten gibt. Schon in meiner eigenen Schulzeit war es gut zu wissen, was die Lehrer*innen hören oder lesen wollten. Sie wissen schon, diese Sache mit dem "Leben jenseits des Planeten Erde". Unser Biochemielehrer war klasse, aber eben auch ein Kind seiner Generation, katholisch erzogen und konservativ. Das muss man einkalkulieren (können). Diese Form von "Durchdenken" meinen die mit ihrem Zitat wahrscheinlich nicht.

Vielleicht habe ich etwas falsch verstanden, vielleicht ist es eine Fehlinterpretation, aber für mich klingt diese Folgerung ziemlich krass. Wer sagt so etwas? Frau Becker ist unter anderem Mitglied im "Committee on Global Thought", und entwickelt Workshops für Global Leadership Fellows (GLF) beim World Economic Forum. Eindrucksvoll.

"Das Beste am globalen Denken ist, dass niemand weiß, was es ist", sagt wiederum Carol Gluck, die derzeitige Vorsitzende (2022) und eines der sechs Gründungsmitglieder des Committee on Global Thought. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Auf jeden Fall, so konnte ich im Internetz erfahren, geht es in diesem illustren Kreis darum, neue (globale) Lösungen für Probleme zu finden, und nicht im "Alten Denken" zu verharren. Dazu wird transnational und interdisziplinär gearbeitet, also mit Blick über den Tellerrand der jeweils eigenen Fachrichtung. Damit wären wir bei Einsteins Definition von #Wahnsinn, und einem Ansatz, wie man ihn überwinden könnte. Das klingt alles supergut, wenn's nur nicht so elitär wäre? 

Wie ist wohl der "Mindset" der Menschen, die aus diesen Kaderschmieden hervorgehen? Ich habe nach einer guten Übersetzung für das Wort Mindset gesucht - Geisteshaltung klingt zu sehr nach altem Denken. Also nehme ich eine moderne, flapsige Umschreibung: Wie sind diese Leute drauf? Wo arbeiten sie, was machen sie? Recherche: >Mitglieder und Alumni der Global Leadership Fellows sind unter anderem Mark Zuckerberg, Emmanuel Macron, Jens Spahn und Annalena Baerbock, aber auch Michael Schumacher und Roger Federer für den Sport, und Ólafur Elíasson für die bildende Kunst. Der Ólafur Eliason macht klasse Kunstwerke! 😁

Künstler*innen scheinen in dieser interdisziplinären Forschung wichtig zu sein, denn es sind die Absolvent*innen der School of the Arts, die richtig denken lernen sollen. Dazu passt ein Zitat von Francis Picabia: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Aber klar, Grundvoraussetzung ist auch hier, dass überhaupt (nach)gedacht wird. 😉 Und nein: Werfen Sie jetzt bitte nicht ein, dass die Form des Kopfes mit der Denkrichtung überhaupt nichts zu tun hat. Francis Picabia war Künstler,  kein Wissenschaftler. Er stand dem Dadaismus eine Zeitlang sehr nahe. Auch 100 Jahre nach ihrem Entstehen lebt die Dada-Bewegung noch immer. Vielleicht sollte ich ihr beitreten. 😎

Ob wir mit Dada Lösungen für die Herausforderungen des 21. und 22. Jahrhunderts finden würden? Es macht den Kopf auf jeden Fall frei vom "alten Denken", weil es bei Dada sowieso nicht ums Denken geht. Und vielleicht ist das, was manche Neudenkende im Kopf haben, am Ende doch nur das Altbackene, das in einem modernen Gewand daherkommt, und womöglich ein sogenannter Blinder Fleck.

Siehe auch: Futuristisch, Berühmt berüchtigt, Glückskeks-Wahrheiten, Wo sind die alle?, Baumbruch, Lichtung, Pass auf, was du denkst!

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