Dienstag, 9. November 2021

Laubbläser im Wind

Immer wenn ich zum Frisör gehe, ist entweder Sturm oder Regen, oder beides. Meine Frisörin gibt sich so viel Mühe, jede einzelne Strähne auf meinem Kopf akkurat zurechtzuföhnen. Und dann, zack, raus ins Freie, einmal über die Straße gehen - vorbei ist es mit der perfekten Frisur. Schade, aber wenigstens passt der Schnitt wieder für eine Weile, und ich muss nicht wie ein zotteliges Shetland-Pony durch die viel zu langen Fransen linsen, die mir dauernd über die Augen rutschen. Ob mich das nicht stört, fragt meine Mutter gelegentlich. Nein, ich habe mich an den Vorhang vor meinen Augen gewöhnt. Mit der Maske über Mund und Nase tue ich mich immer noch schwer, aber ich denke positiv: Die doppelte Gesichtsverhüllung hat den Vorteil, dass sie meine dunklen Augenringe verdeckt. Die werden von Woche zu Woche tiefer, und das, obwohl ich eigentlich gut und lange schlafe. Wahre Schönheit kommt von innen... Außen wäre manchmal auch ganz nett. 

Die Frage, die ich zur Zeit am häufigsten höre, lautet: "Hast du abgenommen?" - "Ja." Schon wieder, könnte ich hinzufügen. Anderthalb Jahre Corona, gut ein Jahr seit dem Mutterschlaganfall - Krisen sind Chancen, tönt ein Echo in meinem Kopf. Ich werde es nicht los, manchmal ist es mir so lästig wie ein Ohrwurm, aber dieser widerhallende Refrain ist schlichtweg wahr. Alles hat zwei Seiten, und ich habe mein Idealgewicht endlich wieder erreicht. Das ist ein Grund zum Feiern, ohne Wenn und Aber.

Es ist Anfang November, wir schreiben das Jahr 2021, und es ist scheiße kalt. Auf dem Weg ins Mutterhome reißt der eisige Wind ein paar Löcher in die dicken Schneewolken, für ein paar Minuten kommt die Sonne raus. Gelbe Ahornblätter leuchten im Gegenlicht, die Motivklingel in meinem Kopf bimmelt. Die Blätter flattern im Wind wie Fähnchen, noch nicht bereit den Baum loszulassen, an dem sie den ganzen Sommer über herumgehangen haben. Oder ist es der Baum, der die Blätter noch nicht loslässt? Philosophen, Biologen und Physiker (*innen) werden diese Frage ganz unterschiedlich beantworten. Aus meiner subjektiv-fotografischen Ego-Perspektive wackeln, wirbeln und wedeln diese Blätter im Sturm genauso wild herum wie die Haare auf meinem Kopf. Doch dann werde ich von einem Geräusch abgelenkt, das meine ästhetisch-philosophischen Assoziationen jäh in andere Bahnen lenkt: Aus dem Fußballstadion dröhnt das quäkende Mööööööhhh eines Laubbläsers zu mir herüber. Ich beschließe ein kurzes Video aufzunehmen, für Bild und Ton, aber den Laubbläser hört man in der Aufnahme gar nicht: das Windrauschen im Mikrofon übertönt die absurde Klangkulisse. Wenigstens wackeln die Blätter in meinem wackeligen Freihandvideo.

Sinnlos, urteile ich über den Einsatz des möhenden Männerspielzeugs, jedoch vorschnell, wie sich Sekunden später herausstellt. Als ich um die Ecke biege eröffnet sich mir die unmittelbare Wirksamkeit des Laubbläsers. Die Arbeiter haben endlich den vermüllten Weg frei gemacht, und die weiss-blauen Plastikfähnchen aus dem Stadion über den steilen Abhang gepustet. Der Plastikmüll, der gut eine Woche lang an den denkwürdigen Sieg des TSV im Pokalspiel erinnerte, vermischt sich nun mit dem ökologisch korrekten Herbstlaub und versinkt mit selbigem im unzugänglichen Niemandsland. Aus den Augen, aus dem Sinn - fachgerecht entsorgt, bis im Frühjahr wieder eine Initiative zum Ramadama aufruft. Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits die umweltbewussten Bewohner des Stadtviertels den schroffen Abhang mit blauen Mülltüten hinunterkraxeln, um das Plastik in einer waghalsigen Kletterpartie wieder aufzusammeln. Man muss nicht Nostradamus heißen, um Zukunftsvisionen zu haben. Ein Fußballspiel später sieht es am Hang wieder genauso aus wie vorher. Ich habe daraus gelernt, meine Freizeit sinnvoller zu gestalten. Man muss auch nicht Einstein sein, um zu erkennen, dass dessen Definition von Wahnsinn genauso genial ist, wie seine Relativitätstheorie. Beide beschreiben unsere Welt nahezu perfekt. Um dem aufkeimenden Pessimismus entgegenzuwirken, versuche ich mir vorzustellen, wie eine Öko-Truppe eine Lichterkette ums Stadion bildet, um gegen die Vermüllung der bebaumten Grünflächen zu demonstrieren. Auf der anderen Seite sehe ich die weiss-blauen Ultras mit ihren Bierflaschen anmarschieren, und irgendwo dazwischen die berittene Polizei. Schöne Pferde haben die, aber einen blöden Job. "Fassen Sie mein Pferd nicht an!", brüllte neulich einer, weil ein betrunkener Obdachloser das edle Ross streicheln wollte. Ich wusste nicht, mit wem ich mehr Mitgefühl haben sollte: Mit dem liebesbedürftigen Obdachlosen, dem verwirrten Pferd oder dem hysterischen Polizisten? Auch ohne Demos hat unser Stadtviertel einen hohen Unterhaltungswert. Da brauchst du kein Netflix.

Ich laufe die Treppen hinter dem Stadion hinunter, die ich abends wieder hochsteigen werde. Das ist Teil meines alltäglichen Fitnessparcours. An der Spielplatzwiese bleibe ich stehen, um noch ein paar wärmende Sonnenstrahlen zu tanken, bevor ich im Mutterhome das Mittagessen serviere. Ich setze mich auf die windstille Parkbank. Fünf Minuten Pause, still sitzen, die Wolken am Himmel beobachten. Das ist ungemein beruhigend. Aus meinem November-Sonnenbad wird nichts, aber während die Sonne mit den Wolken kämpft, kann ich mit klammen Fingern noch ein paar Fotos machen. Später am Computer werde ich sie in ein dramatisches Mitternachtsszenario verwandeln. Das sieht einfach besser aus. Die dunkle Nacht der Seele und mein innerer Nostradamus haben auch eine kreative Seite. Weil ich keine Lust habe zu kochen, beschließe ich, beim Dönerladen etwas mitzunehmen. Der junge Verkäufer erkennt mich wieder und fragt, wie es meiner Mutter geht. "Nicht besser, nicht schlechter", sage ich, und bekomme zu meinem Falafelteller mit Salat noch ein bisschen Lebensphilosophie mit auf den Weg: "Das Leben besteht aus Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen." So sieht das aus. Die Geschichte von der "Elefantenhose", die als nächstes passiert ist, erzähle ich Ihnen dann ein andermal.


 

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