Montag, 15. November 2021

Wer schreitet so schnell...?

"Ach, ist das kalt", seufzte der Mann, dem ich oft unterwegs begegne. Er geht jeden Morgen mit seinem Hund spazieren. Ich bin die mit der Kamera, die wochentags einen Rucksack schleppt, und am Wochenende joggt. Wir grüßen uns freundlich im Vorbeigehen, manchmal ergibt sich eine kleine Unterhaltung.

"Am liebsten wäre es mir, wenn ich zweimal schlafen gehe, dann sind der Herbst und der Winter vorbei, und es ist wieder Frühling", führte er seine Gedanken weiter aus. Ja, Frühling würde mir jetzt auch gut tun: mehr Sonnenlicht und mehr Wärme. Dieses kleine Gespräch erinnerte mich wieder an die alte buddhistische Weisheit, dass es nur zu Unzufriedenheit und zu einem Gefühl von Unglück führt, wenn man sich gegen die real existierenden Umstände sträubt - es sei denn, man kann aktiv etwas tun, um die unangenehme Situation zu verbessern. 

Im Hinblick auf das Wetter wäre Urlaub eine Option. Oder auswandern? Und wenn ja: wohin? Für mich steht beides erst mal nicht zur Debatte. Ein heißes Bad schon, darum bin ich dankbar für fließend warmes Wasser und eine Badewanne. Das ist dann wohl die Kunst, Kleinigkeiten zu genießen, und scheinbare Selbstverständlichkeiten wertzuschätzen.

Dennoch gibt es viele Dinge, die ich in meinem Leben gerne anders hätte, als sie derzeit sind. Manche kann ich ändern, andere nicht - oder nicht alleine. An unserer inneren Haltung können wir auch etwas verändern, wenn wir dazu bereit sind. Das Wetter und die Jahreszeit ertragen wir, weil wir davon ausgehen, dass in etwa vier Monaten wieder Frühling ist - vielleicht sogar schon früher. Mein innerer Nostradamus erklärt mir zwar gelegentlich, dass die Welt bis dahin untergehen, und dass ich vorher sterben könnte. Aber wenn ich auf diese Stimme hören würde, könnte ich gleich einpacken. Was ich in solchen Momenten tun kann? Ich sage meinem Nostradamus, dass er gefälligst die Klappe halten soll. Mit den Nostradami im Fernsehen geht das noch viel leichter: da genügt eine Fernbedienung. Raus aus den sozialen Medien. Sie werden kirre, wenn Sie sich das dauernd antun.

Falls Sie Ihren Nostradamus schon verinnerlicht haben, und er Ihnen dauernd den Tag vermiest, dann stellen Sie sich vor, dass er einfach nur ein kläffender Köter ist. Ja, die sind nervig, aber sie wollen nur Ihre Aufmerksamkeit. Lernen Sie, diesen Kläffer zu bändigen. Füttern Sie ihn nicht mit Leckerlis, belohnen Sie ihn nur, wenn er schweigt. In der angenehmen Ruhe, die sich dann ausbreitet, können Sie sich auf die Suche nach dem Optimisten machen, der auch in Ihnen steckt. Welche Visionen hat der zu bieten? Ich wette, der ist weitaus angenehmer. Er zeigt Ihnen vielleicht einen schönen Strand, oder irgendeine andere Situation, auf die Sie sich unglaublich freuen. Was immer es ist: Lassen Sie die graue Wirklichkeit für ein paar Minuten hinter sich. Tauchen Sie in dieses eigene Bild ein. Malen Sie es sich in allen Farben aus, lauschen Sie den Klängen und Stimmen, die das positive Bild begleiten, und schnuppern Sie, wonach es duftet.

Wenn Sie diesen imaginierten Moment irgendwann tatsächlich erleben, erinnern Sie sich daran, dass es vorher nur ein Wunschtraum war.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. 

Arabisches Sprichwort


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