Donnerstag, 12. Dezember 2019

Kinder, Kinder...

Es war Sonntagmorgen, halb neun, und ich war unterwegs zum Fitnessstudio. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam mir ein kleiner Junge entgegen, der offensichtlich gerade vom Bäcker kam. Die Tüte, die er dabeihatte, war fast genauso groß wie er, oben heftete ein langer Kassenzettel dran. Der kleine Pimpf reichte mir nicht mal bis zur Hüfte. Genau wie ich blieb er am Straßenrand stehen. Eine Ampel gibt es dort nicht, und "Einsicht in die Straße" konnte er nicht haben, dazu war er viel zu klein. Die riesige Bäckertüte verdeckte sein Sichtfeld zusätzlich. Ich sah, wie er mich beobachtete, und die Straße gleichzeitig mit mir überquerte. Ich dachte: Wow, Kleiner, wo sind deine Eltern? Ich schaute mich um, entdeckte auch einen jungen Vater mit Kind auf dem Arm, aber der steuerte in eine ganz andere Richtung.


Finden Sie es unverantwortlich, Kinder allein zum Bäcker zu schicken? Die Eltern dieses Jungen hatten ihm offensichtlich alles Nötige beigebracht, und er machte einen durchaus selbstbewussten und entspannten Eindruck. Die Situation erinnerte mich an meine eigene Kindheit: Kontoauszüge bei der Bank abholen, im Tante-Emma-Laden eine vergessene Zutat fürs Abendessen einkaufen - das war keine Last, sondern ein Zeichen dafür, dass unsere Eltern uns auch im Kindesalter schon etwas zutrauten.

Läuft etwas schief oder ist alles okay?
Bei Youtube gibt es einen interessanten Vortrag von Prof. Dr. Michael Winterhoff, in dem der Kinderpsychologe einige Mechanismen erklärt, die bei der Erziehung heutzutage anzutreffen sind. Winterhoffs Ausführungen, die es auch in Buchform gibt, werden von seinen Kritikern als einseitig und populistisch bezeichnet. Er stütze sich ausschließlich auf Fallschilderungen aus seiner eigenen therapeutischen Praxis, die er generalisiere: "Das ist etwa so, als schriebe ein Gefängnisdirektor ein Buch über die Moral der Gesellschaft und führte als Nachweis die Verbrechenskarrieren seiner Häftlinge an. (Martin Spiewak, Journalist)
Richtig ist, dass Verallgemeinerungen nur selten hilfreich sind. Kinder aus "bildungsfernen Schichten" haben ganz andere Probleme als diejenigen, deren Eltern einen Kinderpsychologen einschalten. Außerdem ist nicht jedes Kind "auffällig".

Der Psychologe Martin Dornes bemängelt Winterhoffs „unangemessen negative Einschätzung“ des modernen Erziehungsstils und hält die beschriebenen Phänomene erziehungsunfähiger Elternschaft für ein Minderheitenproblem. Das tatsächliche Vorkommen aufgrund der empirischen Befundlage dürfte seiner Ansicht nach bei 7,5 bis 10 % liegen. Tatsächlich sei etwa die Zahl fehlerzogener, symptombehafteter Kinder in den späten 50er Jahren höher gewesen als heute.
Erziehung war nie einfach und ist immer von gesellschaftlichen Strömungen abhängig. Außerdem ist jede Familie in ihrer jeweiligen Konstellation einzigartig. Es gibt keine Patentrezepte.
  • Wie wurden Sie "erzogen"? 
  • Worin waren Ihre Eltern positive Vorbilder? 
  • Wenn Sie Kinder haben: Welche Fehler Ihrer Eltern wollen Sie vermeiden?
  • In welche Falle könnten Sie bei dieser "Gegenbewegung" tappen?
In Winterhoffs Vortrag geht es nicht primär um Erziehungsstile, sondern eher um die Elternpersönlichkeiten dahinter. Es mag eine schmerzhafte Erkenntnis sein, dass Erwachsene mit all ihren unvermeidlichen Schwächen von den Kindern gesehen werden, und dadurch unbewusst erzieherisch wirken. Wollen Sie geliebt werden, der beste Freund Ihrer Kinder sein? Sind Sie bereit, alle Ihre eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen, damit es Ihren Kindern gut, oder besser geht als Ihnen? Soll Ihr Kind erfolgreich sein und mithalten können?
Persönlichkeit(en)
Kinder lieben ihre Eltern, aber sie brauchen ein erwachsenes Gegenüber,  keinen "Erfüllungsgehilfen" und auch keinen autoritären "Ansager". Sie brauchen eine dem Alter und der jeweiligen Situation angemessene Rückmeldung. Manchmal ist es die Unterstützung, manchmal ist es ein klares "Nein".  Das Timing im Alltag klappt nicht immer, weil Menschen eben nicht perfekt sind. Hauptsache die Grundstruktur stimmt.
Wenn Eltern gut für sich selbst sorgen, und selbst "Persönlichkeiten" sind, entwickelt sich am ehesten eine natürliche Autorität im Umgang mit anderen Menschen - und mit Kindern. Dass die ihre Grenzen ständig ausloten, ist Teil des täglichen Miteinanders. Dadurch entwickelt sich die Persönlichkeit (weiter) - bei allen Beteiligten. Nehmen Sie sich die Zeit über sich selbst nachzudenken. Wer es schafft, innerlich ruhiger zu werden, überträgt diese Ruhe auch auf seine Umgebung. Davon könnten wir insgesamt etwas mehr brauchen...
  • Helikoptereltern und Curlingkinder - Die Sehnsucht nach dem perfekten Kind
    Vortrag bei Youtube
  • Michael Winterhoff (Wikipedia)

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