Dienstag, 12. November 2019

Ich hasse Fußball

... so lautet der provokante Titel eines Buchs von Günter Spitzing. Gleich auf den ersten Seiten differenziert der Autor seine Aussage: Es ist nicht das Spiel, oder die SpielerInnen an sich, die seinen Unmut erregen, sondern das Drumherum. Insbesondere "das Geschrei der Zuschauermeute  und der Kautschpotatoes mit ihrer Bierdose in der Hand" sind ihm zuwider.

Als Anwohnerin lebe ich in unmittelbarer Nachbarschaft eines viel bespielten Stadions. So habe ich regelmäßig die Gelegenheit, mir die grölenden Fußballfans, und den Aufmarsch von Polizei-Einsatzkräften live anzuschauen. Ich möchte das Stadion und die Stimmung im Viertel nicht missen, für mich gehört das mit dazu, seit ich in #Giesing lebe - also schon sehr lange. Solange die Fans friedlich bleiben, habe ich mit dem Fußball kein Problem. In meinem Bekanntenkreis gibt es Menschen, die in den Farben ihres Vereins ins Stadion gehen, und mit ihren Mannschaften alle Höhen und Tiefen durchleben. Im normalen Leben sind diese Männer liebevolle Familienväter, fleißige Arbeitnehmer und pflichtbewusste Menschen. Wie sie sich im Stadion in ihrer Gruppe verändern, kann ich nicht sagen, denn da bin ich nicht dabei. Was mir aber immer wieder auffällt, ist der Umstand, dass Menschen in uniformierten Gruppen mutiger werden, und Dinge tun, die sie im "normalen Leben", wenn sie auf sich allein gestellt sind, niemals tun würden. So mancher Fußballfan erhält in seiner Gruppe offensichtlich die Möglichkeit, einen Teil seiner Persönlichkeit nach außen zu kehren, der sonst nicht sichtbar ist.

In seinem sehr persönlichen Buch beschäftigt sich Günter Spitzing mit der Frage, warum gerade dieser Sport so wichtig genommen wird. Er kommt unter anderem zum Schluss, dass es eigentlich um Ekstase geht, also um einen Zustand, der einer Trance ähnelt.

"Tatsächlich entlastet durchlebte Trance von allen negativen Syndromen, die sich in den Menschen angesammelt haben, wie Wut, Trauer, Angst und Kummer. 
Vor allem aber fällt ein Leben zufriedenstellend und glücklich aus, wenn ausgeglichene ruhige Zeiten immer wieder einmal  durch ekstatisches Erleben unterbrochen werden.  Nicht die pure Gelassenheit für immer und ewig bedeutet Lebensglück, sondern der Wechsel zwischen Gelassenheit und Ekstase."

Neben einem kurzen Abriss der Geschichte des Fußballs beleuchtet das Buch auf 76 Seiten verschiedene Aspekte:
  • Fußball als (Ersatz)Religion mit kuriosen Nebenaspekten wie "Fußball-Hexerei"
  • unerwünschte Nebenwirkungen: Patriotismus und Nationalismus
  • Fußball als Spiegel der Gesellschaft
  • Gemeinschaftsgefühl vs. Fremdenhass
  • Fußball und Erotik
Auch die fragwürdigen Bedingungen der Vergabe von WM- und EM-Austragungsorten wird kurz gestreift.

Einen wichtigen Aspekt, den das Buch (noch) nicht thematisiert, ist der Unterschied zwischen dem Frauen- und dem Männerfußball. Ich habe noch nie von Ausschreitungen gehört, die sich im Umfeld eines Spiels der Frauenfußballerinnen ereignet hätte. Die Stadien, in denen die deutschen Weltmeisterinnen kicken, sind meistens halb leer. Niemand kennt die Namen der Spielerinnen und ihre Gagen sind lächerlich. Trotzdem spielen sie ihr Spiel, und kämpfen seit vielen Jahren unermüdlich gegen Vorurteile und Mobbing. Vielleicht haben wir hier im Ansatz das, was sich Günter Spitzing für die Zukunft des Fußballs generell wünscht?

Er kommt in seiner Zusammenfassung selbst zum Schluss, dass die geldgetriebene Ausrichtung des (Männer)Fußballs bis auf weiteres jede Veränderung verhindere. Die Hoffnung, dass die "Öffentlichkeit" zur Einsicht kommen werde, wird wohl noch lange eine Utopie bleiben.

"Sollte jemand mich hassen, weil ich geschrieben habe, dass ich den Fußball hasse,  dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass er  oder sie Fußball zu wichtig nimmt", schreibt er.

Wenn Sie tiefer in Günter Spitzings Thesen und Betrachtungen einsteigen wollen, finden Sie das Buch (Softcover, 76 Seiten, EUR 8,20) bei folgenden Anbietern:
Günter Spitzing ist 88 Jahre alt und lebt in Hamburg. Im Januar 2019 ist auch sein Buch "Meine Jugend unterm Hakenkreuz" erschienen. Mehr über ihn erfahren Sie hier.

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