Mittwoch, 27. November 2019

Warum ich Snooker liebe

Mir ist klar, dass Sie überhaupt nicht wissen, was Snooker ist. Falls Sie beim Zappen durch Fernsehkanäle ab und zu Eurosport streifen, werden Sie mit Verwunderung feststellen, dass man dort Männer unterschiedlichen Alters in eleganten Westen an einem großen grünen Tisch mit vielen bunten Bällen sieht.

Dieser Tisch ist schon ziemlich abgeräumt, aber
das Spiel ist noch längst nicht entschieden.

Snooker ist eine besondere Variante des Billardspiels, nur erheblich schwieriger und komplizierter. Um beim Snooker erfolgreich zu sein, sind Präzision, Konzentration und strategisches Denken erforderlich. Darüber hinaus beeindrucken mich bei dieser Sportart vor allem die Korrektheit und Contenance der Spieler.

"Gentleman Sport"
Von Snookerspielern wird ein in jeder Hinsicht vorbildliches Verhalten erwartet. Contenance bedeutet, dass man am Spieltisch wenig bis keine Emotionen zeigt, auch wenn das eigene Spiel schlecht läuft.  Humor ist erlaubt und wird auch oft gezeigt. Früher habe ich Eishockeyspiele verfolgt, live im Stadion. Das hat mir gefallen, da war Stimmung. Das Tempo bei anderen Sportarten ist hoch, beim Eishockey gibt es den "Body Check", die Spieler knallen an die Bande, und dabei kochen natürlich auch die Emotionen hoch. Snooker ist das genaue Gegenteil, aber nicht weniger spannend.

Korrektheit bedeutet, dass ein Spieler, der einen Fehler (Foul) begeht, diesen Fehler selbst anzeigt, selbst wenn weder der Gegner noch der Schiedsrichter das Foul bemerkt haben. Stellen Sie sich das mal beim Fußball vor... 😆 Ob Sie es glauben oder nicht: Beim Snooker passiert das wirklich. Es ist zudem üblich, den gelungenen Stoß des Gegners durch Klopfen auf die Bande zu honorieren. In den Interviews nach einem Finale wird zunächst der Verlierer interviewt, der nicht selten seinen Gegner für sein tolles - besseres - Spiel lobt, und seine eigenen Fehler analysiert.
Weitgehend unbekannte Randsportart
Snooker ist vor allem in Großbritannien beliebt. Dort sind die Einschaltquoten bei TV-Übertragungen ähnlich hoch wie bei Fußballspielen. Erfolgreiche Snooker-Profis sind dort Stars, während man sie in anderen Teilen der Welt überhaupt nicht kennt. Die besten von ihnen können an den hoch dotierten Turnieren (Main Tour) teilnehmen und ansehnliche Preisgelder gewinnen. Höhepunkt des Snooker-Jahrs ist die Weltmeisterschaft, deren Endrunde sich über 17 Tage erstreckt. Das Finale findet jeweils am ersten Montag im Mai statt, weil an diesem Tag in England ein Feiertag ist. Durch meinen Mann bin ich auf diesen Sport aufmerksam geworden und war sofort begeistert. Was für andere die Fußball-WM ist, ist für uns seit vielen Jahren die Snooker-WM: Ein absolutes Muss. Eurosport überträgt nicht nur die WM, sondern auch viele andere Snooker-Turniere während des Jahres. Mittlerweile verfolgen wir auch die kleineren Veranstaltungen. Über die Jahre tauchen immer wieder die gleichen Spieler auf, aber es gibt auch neue Gesichter. Wir haben unsere Favoriten, aber der "Gentleman Sport" bringt es mit sich, dass auch wir anderen Spielern den Sieg von Herzen gönnen, wenn sie besser spielen.

Ein reiner Männersport, nur für Briten?
Auch Frauen können an den Wettbewerben prinzipiell teilnehmen - es gibt nur noch keine, die so gut und so lange Snooker spielen, wie die Herren. Dafür gibt es verschiedene Ursachen: 
  1. Mädchen haben kein so gutes räumliches Vorstellungsvermögen? (Blödsinn!)
  2. Im Heimatland des Snooker wurde früher vor allem in Pubs gespielt und trainiert - ein Ort, an dem sich Mädchen eher selten aufhalten (durften). Um richtig gut zu werden, muss man auch beim Snooker früh anfangen, also als Kind.
  3. Wenn man in einem Billard-Center einen Snooker-Tisch bucht, kostet die Stunde Spielzeit erheblich mehr als bein Poolbillard. Das Spiel dauert auch viel länger. In Deutschland dürfte das ein Grund sein, warum sich die meisten Leute eher für Pool als für Snooker interessieren, und es immer weniger öffentlich zugängliche Snookertische gibt. Gespielt und trainiert wird deshalb in Vereinen.
  4. Snooker ist sehr teuer, weil man für eine Profi-Karriere an Turnieren teilnehmen muss, bei denen ein hohes Startgeld erhoben wird. Diese Investition ist durch die ersten Preisgelder bei Turnieren kaum hereinzuholen, man braucht Sponsoren. Auch viele männliche Snooker-Spieler in Großbritannien scheitern an dieser Hürde. In anderen Ländern ist die Situation noch schwieriger, weil das öffentliche Interesse fehlt.
Immerhin: unter den Schiedsrichtern gibt es einige Frauen, die auch bei der Main Tour Spiele leiten.
Leider...
Nur in Großbritannien und Teilen des Commonwealth ist Snooker ein Breitensport und erfährt die nötige mediale Aufmerksamkeit. Damit verbunden sind entsprechend hohe Preisgelder. Nachdem der erste chinesische Spieler 2005 bei den China-Opem einen englischen Meister besiegte, wurde das Spiel auch im Reich der Mitte beliebt. Dort hat man ganz schnell reagiert, Trainingszentren eingerichtet und junge Talente gefördert. Heute sieht man in den Vorrunden kleinerer Turniere viele junge Chinesen, die altgediente Profis das Fürchten lehren. In Deutschland tut sich Snooker noch schwer, aber die Fangemeinde wächst. Der deutsche Eurosport-Kommentator Rolf Kalb hat viel zur Beliebtheit dieser Sportart in Deutschland beigetragen. Nach fünfzehn Jahren brauche ich seine Erklärungen nur noch selten, aber für Neueinsteiger und Interessierte ist Rolf Kalb mit seiner Twitter-Community (#sf147) eine gute Hilfestellung.

Unterschiede zwischen Snooker und Poolbillard
Beim Snooker gibt es mehr Bälle, die kleiner sind als beim Pool. Der Tisch, auf dem gespielt wird, ist außerdem erheblich größer. Jede noch so kleine Ungenauigkeit beim Stoß wird viel schneller bestraft. Die sogenannten Tascheneinläufe, die die farbigen Bälle passieren müssen, bevor sie fallen, sind anders geformt als beim Poolbillard. Das hat zur Folge, dass die Bälle oft wieder zurück auf den Spieltisch rollen. Wird der Ball nicht gelocht, ist der Gegner am Zug. Wenn man einen starken Gegner hat, räumt er den Tisch komplett ab.

Meine alte Mutter ist Fußball- und Formel-1-Fan. Sie findet Snooker so langweilig und "überhirnisch" wie Schach. Das bringt es auf den Punkt: Es ist ein Präzisions- und Strategiespiel, bei dem der Spieler immer mitrechnen und mindestens zwei Spielzüge im Voraus planen muss. Besonders wichtig ist dabei nicht nur, dass er den anvisierten Ball versenkt (locht), sondern auch, dass er den weißen Spielball in eine Position (Stellung) bringt, aus der er weiterspielen kann. Dafür braucht man nicht nur außerordentliche Konzentration, sondern auch sehr viel Feinmotorik und Körperbeherrschung. Jede Ablenkung aus dem Publikum durch Geräusche oder Bewegungen kann die Konzentration stören.

Wie anspruchsvoll es ist, die Bälle in die gewünschte Richtung zu steuern, weiß ich aus eigener Erfahrung: Mein Mann hatte mir zwei Stunden Probetraining geschenkt. Dieser Nachmittag war beeindruckend (schwierig) und hat meine Hochachtung für die Snooker-Profis mächtig gesteigert. Damit das Zuschauen Spaß macht, sollte man zumindest die Grundregeln kennen.

So funktioniert's
Gespielt wird mit einem weißen Spielball, 15 roten und sechs weiteren verschiedenfarbigen Bällen. Im Rahmen eines Spiels werden zunächst abwechselnd eine der 15 roten Kugeln (je 1 Punkt) und eine beliebige farbige Kugel (2 bis 7 Punkte) gelocht. Die farbige Kugel wird anschließend immer wieder auf den Snookertisch zurückgelegt. Sobald die Roten vom Tisch sind, müssen zum Abschluss eines Frames die Farben in der Reihenfolge Gelb (2 Punkte), Grün (3), Braun (4), Blau (5), Pink (6) und Schwarz (7) versenkt werden. Es wird abwechselnd gespielt, wer einen Ball versenkt, darf weiterspielen. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt den Frame, das ist ähnlich wie ein Satz beim Tennis.

Kleinere Turniere gehen meist über eine Woche. Die Teilnehmer treten im K.O.-Verfahren gegeneinander an. In den ersten Runden wird nur über wenige Frames gespielt. Bei einem "Best of 5" muss ein Spieler drei Frames gewinnen, dann ist er eine Runde weiter.  Im Finale der Weltmeisterschaft muss einer der Spieler 18 Frames (Best of 35)  für sich entscheiden. 

Warum heißt der Sport Snooker?
Kann man keinen Ball lochen, gehört es zur Taktik des Spiels, den weißen Spielball so abzulegen, dass der Gegner den nächsten anzuspielenden Ball nicht lochen kann (Safety). Wenn er diesen Ball nicht direkt erreichen kann, spricht man vom „Snookern“ (engl. sperren, behindern). Der weiße Spielball darf natürlich nicht fallen, das wäre ein Foul, das dem Gegner vier Punkte verschafft. Mehr noch: Er darf den Spielball danach innerhalb eines bestimmten Bereichs des Tischs auflegen und weiterspielen (Ball in Hand). Auch wenn ein Spieler schon zurückliegt und eigentlich zu wenig Punkte gesammelt hat, kann er immer noch versuchen, seinen Gegner so in die Klemme zu bringen (snookern), dass er Fouls begeht.

Wie lange dauert so ein Spiel?
Da es keine Zeitbegrenzung gibt, kann ein Frame ziemlich lange dauern, wenn sich die Spieler immer wieder gegenseitig snookern. Manche Spieler sind schnell und sicher, dann lochen sie alle 15 Sekunden einen Ball, wenn es gut läuft. Andere nehmen sich viel Zeit zum Überlegen. Phasen, in denen überhaupt nichts vorangeht, können für den Zuschauer sehr zäh werden, darum zeichnen wir manche Spiele auf, oder schauen die Zusammenfassung an. Das Finale des North Ireland Open, das am 17.11. in Belfast stattfand, war eines der besten, die ich je gesehen habe. Der amtierende Weltmeister trat gegen sein Vorbild, den fünffachen Weltmeister an. Am Ende gab es für beide Standing Ovations vom Publikum.

Ganz besondere Momente
gibt es während des Spiels immer wieder. Relativ häufig sieht man bei erfahrenen Spielern ein sogenanntes Century Break: Ein Spieler erreicht hundert Punkte, ohne dass der Gegner eine Chance erhält, selbst an den Tisch zu kommen. Ein Maximum Break mit 147 Punkten ist besonders selten. Wenn sich so eine Spielsituation anbahnt, kann man im Saal eine Stecknadel fallen hören.

Der Weltmeister 2018 hatte selbst nicht damit gerechnet, bis ins Finale zu kommen, geschweige denn, den Titel zu erringen. Er hatte deshalb in einem Interview gescherzt: "Wenn ich Weltmeister werde, komme ich anschließend nackt zur Pressekonferenz."  Nun ja, er hat sein Versprechen weitgehend eingehalten. Darüber berichtete dann auch die TZ München.

Neugierig geworden? 
Bei Youtube können Sie sich ein Maximum Break von Ronnie O'Sullivan anschauen, für das er gerade einmal fünf Minuten brauchte. Oder schauen Sie sich die lustigsten Szenen an, in denen etwas schiefgeht. Die großartigsten Schüsse aus der Saison 2018 sind für Laien schwer zu verstehen. Das weiß man erst zu würdigen, wenn man gesehen hat, wie selbst Profis scheitern.

Am 30.11.2019 beginnen die UK Championships. Alle Snooker Sendetermine finden Sie bei Eurosport

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