Dienstag, 11. September 2018

Gedenkwoche



Am 11. September 2015 hatte ich Bauchschmerzen und mir war schlecht. Sowas kann vorkommen, dachte ich. Es war Freitagabend und ich wollte mich übers Wochenende "gesundschlafen". An den Samstag kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Als ich am Sonntagmittag mit der Diagnose "Blinddarm" in die Notaufnahme der Rinecker-Klinik taumelte, war ich so benebelt, dass ich die ellenlangen Formulare und Infoblätter, die man mir vor der Not-OP reichte, kaum noch lesen, geschweige denn verstehen konnte. Mein Mann hat alles ausgefüllt und ich habe nur noch unterschrieben. [Inzwischen gibt es eine Patientenverfügung...]

Blinddarmdurchbruch, Bauchfellentzündung... Nach der zweiten OP am 15.9. war ich fertig mit mir und der Welt. Es hätte zu Ende sein können und es wäre mir egal gewesen. Es sei "der übelste Befund, den er seit Jahren gesehen habe", sagte der Chirurg, und eine Krankenschwester meinte, ich hätte echt Glück gehabt: Ein anderer Patient habe mit "so etwas" fünf Monate in der Klinik verbringen müssen.

Ich weiß nicht, welcher oder wie viele Schutzengel im Herbst 2015 um mich herum geflattert sind. Ich weiß nur, dass ich ihnen unendlich dankbar bin, genau wie den Menschen, die mich in dieser Zeit behandelt, besucht und mich mental unterstützt haben. Die WLAN Verbindung im Krankenhaus war auch wichtig. Nicht zum Arbeiten, sondern für die langen schlaflosen Nächte, die ich mit Youtube-Musikvideos besser durchgestanden habe.

Dankbar bin ich auch für die grauenvoll schlechte "Schonkost". Der entscheidende Moment, in dem meine Lebenskraft wiederkehrte, war der, in dem ich den grässlich süßen, rosaroten Pudding probierte, nachdem ich die dunkelbraune, unendlich salzige Gulaschsuppe weggeschoben hatte. Durch die beiden Vollnarkosen war mein Geruchs- und Geschmackssinn völlig gestört. Das Essen war ungenießbar, selbst nach fast fünf Tagen ohne Nahrung. Mein Magen brüllte verzweifelt. Ich weiß noch, wie ich das halb vertrocknete bleiche Toastbrot angewidert beiseitelegte und genau in diesem Moment wusste, dass ich wieder raus wollte. Mein Mann brachte mir danach selbstgekochten Kartoffelbrei und ungezuckerten Biojoghurt in die Klinik. Den Apfel durfte ich nicht essen, aber ich habe jeden Tag daran geschnüffelt und mich auf meine Entlassung gefreut. Es war klar, dass nach diesem Ereignis nichts mehr so sein würde wie vorher.

Die dritte OP, die optional vorgesehen war, brauchte ich nicht mehr. Meine Blutwerte verbesserten sich rapide und nach insgesamt sechs Tagen durfte ich gehen. Gesund war ich noch nicht. Es hat noch eine ganze Weile gedauert, bis ich wieder "voll da" war. Der Veränderungsprozess, den die Ereignisse vom September 2015 eingeläutet haben, ist mittlerweile abgeschlossen. Rückblickend kann ich heute sagen: Schade, dass es dieses Ereignis gebraucht hat, aber die Zeit zwischen dem 11. und 18. September ist für mich jetzt eine wichtige Gedenkwoche.

Was ist im Leben wirklich wichtig?
Wenn ich konzentriert arbeite, Abgabetermine vor Augen habe, oder mich im Privatleben mit irgendwelchem Nervkram beschäftigen muss, scheint diese Frage manchmal in den Hintergrund zu rücken. Ist jetzt alles wieder wie früher? Nein, manche Veränderungen brauchen Zeit. Ich vergleiche das gerne mit einem großen Supertanker, der noch ein paar Kilometer geradeaus weiterfährt, damit die Maschinen und Schrauben bei der Vollbremsung nicht zu Bruch gehen.


Nach mir die Sintflut 
Mit der "großen Frage" im Rücken sind Entscheidungen im beruflichen und privaten Alltag sehr leicht zu treffen. Wenn ich wüsste, dass es mich morgen nicht mehr gibt, würde ich mich heute um die meisten Dinge gar nicht mehr kümmern. Kobra, übernehmen Sie! Kinder habe ich keine, darum könnte es mir ziemlich egal sein, wie das hier alles weitergeht. Doch mit der Vorstellung, dass ich mir vielleicht noch weitere 50 Jahre lang täglich den Müll vor meiner Haustür (im realen und übertragenen Sinn) anschauen muss, entsteht in mir der Drang, die Dinge zu verändern, die ich verändern kann.

Unsere täglichen Entscheidungen hängen davon ab, was wir glauben. Falls die Buddhisten (und die alten Gnostiker) recht haben sollten, dass wir in einem endlosen Kreislauf wiedergeboren werden, gefällt mir der Spruch noch viel weniger. Es würde nämlich bedeuten, dass ich den Mist, den ich heute mitverursache, später selber ausbaden muss. Es ist erheblich angenehmer, an ein jenseitiges Paradies zu glauben, in dem per se alles gut wird, oder sich klarzumachen, dass alles mit dem eigenen Tod grundsätzlich endet. Wer hat recht?

Wenn ein Baum umfällt und es ist niemand in der Nähe, 
der dies hören kann, ertönt dann ein Geräusch?

:-) Jetzt bloß nicht voreilig antworten, erst mal Philosophie und Quantenphysik studieren! Wer sich mit solchen Fragen nicht beschäftigen will, spielt besser Candy-Crush oder Tetris. Das mache ich übrigens auch. Manchmal.

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