Samstag, 8. September 2018

Motivation ist (nicht) alles


"Ein absurder, aberwitziger, lehrreicher Trip in das Herz der Leistungsgesellschaft – und einer umstrittenen Person der Zeitgeschichte", heißt es auf den Seiten der ARD, die den Dokumentarfilm Der Motivationstrainer Anfang September 2018 spät abends ausstrahlte. In einem Interview mit den Filmemachern klang an, dass der Protagonist Jürgen Höller mit der unkommentierten Doku zunächst nicht besonders glücklich war, am Ende aber doch seinen Frieden damit gemacht habe. Das passt zu Höllers Methode. Sein Co-Trainer Mike Dierssen sagt an einer Stelle im Film: Verzeihen kann nur der Starke

Sie kennen Jürgen Höller nicht?
Höller wollte schon als Kind Millionär werden und das hat er auch geschafft. So richtig bekannt wurde der gelernte Speditionskaufmann in den 1990er Jahren. 1999 war er nach eigenen Angaben der erste Mentaltrainer der Fußball-Bundesliga. Ausgerechnet Christoph Daum hatte Höller engagiert, was natürlich passt: Kokain und Selbstüberschätzung gehen gerne Hand in Hand, aber trotzdem bitte keine vorschnellen Urteile. Lesen Sie diesen Artikel bis zum Ende. Dort finden Sie auch weiterführende Links.
2001 gab es einen bösen Rückschlag für Höller, er musste Insolvenz anmelden und wurde 2003 wegen Untreue und vorsätzlichen Bankrotts zu drei Jahren Haft verurteilt. Bereits im Mai 2004 wurde er wegen guter Führung aus der Haft entlassen und hat sich danach an die Spitze seiner Branche zurückgekämpft. Die Fehler, die er gemacht und eingestanden hat, sind heute Teil seines Potenzials. Bemerkenswert sind Höllers Ehrgeiz und seine Fähigkeit, trotz aller Rückschläge immer wieder aufzustehen. Er lebt was er predigt und für seinen Beruf als Motivationstrainer gibt es nichts Besseres.

Du kannst alles erreichen!
Die 1990er Jahre waren das Jahrzehnt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, die New Economy überschlug sich und alle kauften plötzlich Aktien. In dieser ganzen Begeisterung bekam niemand so richtig mit, dass der neoliberale Raubtierkapitalismus gerade richtig Fahrt aufnahm, was uns heute enorm zu schaffen macht. Erfolgreich sein, Geld scheffeln und das Leben genießen war und ist die große Verheißung. Alles was man dazu tun muss, ist "alles aus sich herausholen" und "in sich selbst investieren". Letzteres bedeutet in der Welt der Motivationstrainer natürlich Seminare buchen. Der Name Bodo Schäfer fällt in diesem Zusammenhang auch oft. Sein Buch Die Gesetze der Gewinner aus dem Jahr 2003 ist heuer erneut in den Bestsellerlisten aufgetaucht, was nach einer so langen Zeit wirklich bemerkenswert ist. Es sieht so aus, als würden die Themen aus den späten 1990ern gerade einen zweiten Frühling erleben.


Motivationstrainings und Persönlichkeitsentwicklungsseminare waren damals der absolute Renner, auch bei uns in Deutschland. Auch seriöse Firmen wie Siemens hatten für Ihre Führungskräfte entsprechende Seminare im Fortbildungsangebot. Herübergeschwappt war die Welle aus den USA. Als Begründer der Motivationstrainings gilt Joseph Murphy, der auch als wichtiger Vertreter des sogenannten positiven Denkens gilt. Stark verkürzt bedeutet dieses positive Denken, dass man sich mit sogenannten positiven Affirmationen in einen emotionalen Zustand versetzen kann, in dem man den Erfolg unweigerlich anzieht. Alles ist möglich - und wenn doch nicht, dann hat man eben nicht richtig an sich gearbeitet. Dass diese Methode stark kritisiert wird ist absolut verständlich und richtig. Man muss allerdings genau lesen: "Die Selbsthilfemethode des Zwangsoptimismus hat nichts mit einem durchaus berechtigten gesunden Optimismus zu tun." Darum profitieren manche Leute vom positiven Denken, andere stürzt es erst recht ins Unglück.


Wer ein gesundes Selbstbewusstsein und einen gesunden Optimismus hat kann sich glücklich schätzen. Menschen mit einer so günstigen Grundkonfiguration können nahezu jeden Impuls für ihr persönliches Wachstum oder für ihren Erfolg nutzen, sie überstehen sogar fragwürdige Psychoseminare unbeschadet. Leider ist nicht jeder mit diesen Eigenschaften ausgestattet und selbst ein gesunder Optimismus gerät manchmal ins Wanken. In kritischen Lebensphasen ist man mit einem guten Psychologen oder Coach besser dran als mit einem Motivationsseminar. Die Kunst besteht darin, sich selbst richtig einschätzen zu können.

Alles esoterischer Humbug?!
Die Liste der Autoren und Trainer, die seit Jahrzehnten den Markt mit Angeboten aller Art überschwemmen ist lang und vielgestaltig. Vom Klassiker "Die Macht Ihres Unterbewusstseins" über das  "Power Prinzip" und das "Zen der ersten Million" bis hin zu den "Bestellungen beim Universum" ist alles dabei. Ich habe viele dieser Bücher gelesen und so manches hat mir geholfen. Motivationsseminare habe ich nicht besucht. Jürgen Höllers und Bodo Schäfers Art aufzutreten ist mir zu amerikanisch, zu aufgesetzt und zu wenig authentisch. Aber es gibt für jeden und jede einen passenden Guru. Ich selbst bin mit einem Persönlichkeitsentwicklungstrainer verheiratet und schon deshalb nicht unvoreingenommen. Aus eigener Erfahrung und von anderen mir nahestehenden Menschen weiß ich, dass Persönlichkeitsentwicklungsseminare wirklich etwas bringen, dass sie echte "Augenöffner" sein können. Wenn der Mensch, der sie durchführt, ein echtes Interesse daran hat, sich selbst und anderen Menschen zu helfen, ist das schon mal gut. Wenn ich hingegen weiß, dass mein Motivationstrainer einfach nur Millionär (und später Milliardär) werden möchte, dann kann ich davon ausgehen, dass ich als TeilnehmerIn eines solchen Seminars weniger relevant bin, es kommt vor allem auf die Seminargebühr an. Ob man so ein Seminar teuer findet, oder ob es seinen Preis wert ist, hängt davon ab, welche Ergebnisse man dadurch im eigenen Leben erzielt.

Methodencheck
Trainer aller Art wenden Methoden des NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) an. Laut Wikipedia gibt es "keinen Hinweis für die Wirksamkeit dieser Techniken". Ich habe da andere Erfahrungen. Das sogenannte Ankern, das man im Dokumentarfilm sehr schön beobachten kann, ist beispielsweise eine Technik, die unglaublich gut funktioniert. Sie basiert auf psychologischen Mechanismen, die normalerweise unbewusst ablaufen. Ein Anker kann so stark sein, dass man zum Beispiel ein Leben lang einen bestimmten Duft oder eine Melodie mit einer Person verbindet. Je nach emotionaler Lage zum Zeitpunkt der Ankerung ist dieser Auslöser dann positiv oder negativ besetzt. Wenn man so einen Anker in einem Seminar oder in einer therapeutischen Sitzung gezielt setzt, kann man sich auch in anderen Situationen in die verankerte Stimmung bringen. Es gibt sehr starke und schwache Anker. Je mehr Sinne dabei im Spiel sind, desto stärker ist die Wirkung beim Abrufen des Ankers. Wenn Sie den Film anschauen, achten Sie auch auf die Musik.

Für Außenstehende sieht es albern aus, wenn Höller sich auf die Brust schlägt oder wenn eine Horde von Seminarteilnehmern über glühende Kohlen rennt. Wer so etwas noch nicht erlebt hat ist außerstande zu verstehen, welche emotionale Kraft bei solchen Ritualen freigesetzt wird. Trotzdem kennen Sie solche Situationen aus Ihrem Alltag. Sind Ihnen schon einmal die Tränen über die Wangen gekullert, weil sie etwas atemberaubend Schönes erlebt haben? Etwas Vergleichbares passiert beim Feuerlauf. So etwas vergisst man nicht.

Es lohnt sich den Film "Der Motivationstrainer" anzuschauen. Der Rezension bei Spiegel Online stimme ich in einer Einschätzung zu: [Der Film] ist unterhaltsam und oft schwer erträglich. Bleiben Sie wachsam und trotzdem offen für Persönlichkeitsentwicklungsthemen. Es gibt so viele gute und hilfreiche Sachen in diesem Bereich, dass es wirklich schade wäre, das alles links liegenzulassen. Ein sehr gutes Buch ist beispielsweise Die Weisheit des Erfolgs von Evelyn Kroschel. Schon am Titel lässt sich ablesen, dass es eben nicht nur und nicht immer um den schnöden Mammon gehen muss.

Erfolg ist eine Frage der Definition
Zum Erfolg gehört - zumindest für uns - auch eine gute Portion Weisheit. Wieviel ist ein Erfolg wert, bei dem die Gesundheit und die Familie auf der Strecke bleiben? Es gibt auch Seminare, in denen man lernt, wie man aus dem Hamsterrad des Besser - Schöner - Reicher aussteigen kann. Die Methoden professioneller Psychologen sind manchmal ähnlich wie die von Jürgen Höller. Sie sind wie das vielzitierte Messer, mit dem man Brot schneiden oder jemanden erstechen kann. Einen wichtigen Unterschied gibt es aber: Kleine Gruppen sind Großveranstaltungen immer vorzuziehen, denn ein guter Trainer oder Coach achtet sehr genau auf seine Teilnehmer. Er nimmt Leute aus dem Seminar, wenn sie der Situation psychisch nicht gewachsen sind und bietet individuelle Hilfestellung an. Mit dem Budget, das man für ein Motivationsseminar aufwenden muss, kann man sich auch genausogut einen persönlichen Coach leisten. Der hört seinem Klienten genau zu und wählt danach die passenden Interventionen.

Mein Mann Thomas und ich haben den Film zum Anlass genommen,  ein paar der verstaubten Bücher aus dem Regal zu holen und eine Bestandsaufnahme zu machen. Freuen Sie sich also auf weitere Beiträge zu diesem Thema.

Der beste Einstieg in den Höller-Film:
Filmausschnitte und ein Interview mit den Filmemachern (NDR Mediathek

Weiterführende Links:
Thomas Kabierschke, Diplom-Psychologe (Trainer & Coach, Achtsamkeit/Zen-Meditation)
Jürgen Höller (Wikipedia, Homepage)
Bodo Schäfer (Wikipedia, Homepage)
Der Motivationstrainer (ARD Mediathek)
Filmrezension Spiegel Online
Joseph Murphy (Wikipedia)
NLP - Neuro-Linguistisches Programmieren (Wikipedia)



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