Dienstag, 5. Februar 2019

Isarvenus

In der Reihe "1000 Meisterwerke der Digitalromantik 4.0" befassen wir uns heute mit einem skulpturalen Objekt, das in Anlehnung an die gendergerechte Sprache der deutschen Bundeswehr ursprünglich den Titel: "Frau Schneemann" tragen sollte. Nach Einberufung einer einwöchigen Konferenz von Sprachexpertinnen, -perten und -pörten sowie Gleichstellungsbeauftragtissen jedweder Couleur wurden "Schneemannsfrau" und "Schneefrau" als mögliche Alternativen in die Diskussion eingebracht. Da die Verhandlungen um den finalen Titel noch anhalten und man eine Entscheidung frühestens für das Jahr 2028 erwartet, bezeichnen wir das Werk hier vorläufig und unter juristischem Vorbehalt als Isarvenus 2019.

Schon die Umstände ihrer Entstehung machen die hier gezeigte Figur zu einem epochalen Werk der Neuzeit. Nachdem der Jahrhundertsommer des Jahres 2018 die Hirnflüssigkeit bei einigen Exemplaren der menschlichen Spezies in Mitteleuropa fast hatte verdunsten lassen, folgte der Dürreperiode ein Jahrhundertwinter mit massiven Niederschlägen. Was Presse und Medien Anfang 2019 als "Schneechaos" bezeichneten, lieferte findigen und kreativen Bildhauern das Ausgangsmaterial für den Bau einer Skulptur, die sich anschickt, die Bedeutsamkeit der  Gleichberechtigung im Alltag zu thematisieren.

Bis in die frühe Neuzeit hatten vornehmlich Kinder arglos, vergnügt und in Eigenregie sogenannte Schneemänner gebaut. Hier sehen wir jedoch etwas gänzlich Neues! Die nahezu reinweiße Skulptur ist so konzipiert, dass sie mit ihrer ungewöhnlichen Höhe von 1,7 Metern schon aus weiter Ferne gut zu erkennen ist. Unübersehbar erhebt sie sich inmitten der flachen, schneebedeckten Wiese am Münchner Isarufer und überragt mühelos die phallusartig aufragenden Schornsteine des Heizkraftwerks Süd. Wer durch diese Kontextualisierung eine erotische Komponente in dieses Werk hineininterpretieren möchte, sollte nicht vorschnell urteilen, sondern zunächst alle anderen illustren Details einer genaueren Betrachtung unterziehen. Die Größe der Skulptur legt die Vermutung nahe, dass hier nicht ausschließlich Kinderinnen und Kinder am Werk waren. Wie hätte ein noch kurzgewachsenes Exemplar der Spezies Mensch den Kopf einer so hoch aufragenden Skulptur auf deren massiven Rumpf heben können? Wir müssen auch aufgrund der Spuren im Schnee die Möglichkeit ausschließen, dass Kinderinnen und Kinder Werkzeuge wie Leitern, übereinandergetürmte Schlitten oder gar Techniken der Levitation benutzt haben könnten, um ihr monumentales Werk zu vollenden.

Die orangefarbene Rübennase, die aus der gezeigten Perspektive nur als Punkt zu erkennen ist, legt nahe, dass die Künstler planmäßig vorgegangen und nicht etwa einem spontanen Impuls gefolgt sind. Lediglich alternativ vegane Spaziergänger würden vielleicht eine Karotte als Notproviant auf einen Sonntagsspaziergang mitnehmen und erst dann auf den Gedanken kommen, ihr Biogemüse in ein Spontankunstwerk zu integrieren. 

Die Besonderheiten der Skulptur treten zutage, wenn man eine noch intensivere Analyse durchführt: Hätten die Erbauer einen klassischen Schneemann im Sinn gehabt, so hätte man weitaus weniger Mühe darauf verwendet, den Unterleib der Figur in einen langen, bis zum Boden reichenden Rock zu hüllen. Die markante, weit nach oben verlagerte Taille verstärkt die weibliche Anmutung der Skulptur. Je weiter sich der Blick nach oben vorantastet, desto eindeutiger präsentiert sich das verführerische Werk:  Die Skulptur verzaubert den Kunstliebhaber mit ihrem liebreizenden Lächeln, denn sie will nicht allein mit ihrem wohlgeformten Busen darauf aufmerksam machen, dass sie eine Schneemannsfrau ist. Besonders viel Mühe haben sich die Skulpteure deshalb auch beim Styling der Frisur gegeben. Selten wurde eine solche Figur mit so üppigem und langem Haar ausgestattet, das neben den anderen herausmodellierten Merkmalen gemeinhin als Zeichen der Weiblichkeit verstanden wird. Dass die Meister der Skulpturkunst darauf verzichtet haben, ihrer Figur Arme an den Rumpf zu modellieren, liegt in der Natur der Gleichberechtigung: Frauen wie Männer sind gleichermaßen mit Armen und Händen ausgestattet. Dieses Werk will uns vornehmlich auf die Unterschiede zwischen einem Schneemann und einer Schneefrau hinweisen. 
Es will uns darauf aufmerksam machen, dass es fürderhin nicht nur Schneemänner geben darf, wir brauchen mehr Schneemannsfrauen! Deshalb müssen diese auch als solche erkennbar sein. So verbietet sich von selbst jeglicher Gedanke, dass bestimmte äußere Merkmale einen sexistischen Charakter haben könnten. Dies wäre nur der Fall, wenn man einen Schneemann mit breiten Schultern, Sixpack und Vollbart in die Landschaft stellen und ihn untenrum mit Hosen ausstatten würde. Dass man bei dieser Skulptur bewusst auf rote Lippen, Accessoires wie Handtäschchen oder pinkfarbene Schals verzichtet hat, beweist eindeutig, dass die Künstler keinerlei Klischees bedienen wollten. Ihr Werk folgt ganz bewusst nicht den Schönheitsidealen der Barbie-Generation, es leistet dem Schlankheitswahn der Neuzeit keinerlei Vorschub. Vielmehr ist es eine neuzeitliche Hommage an die Venus von Willendorf und somit ein weithin sichtbares Zeichen für die Zeitenwende, auf die vor allem Frauen schon so lange gewartet haben!

Unterzeichnen Sie deshalb gleich eine Petition, um den Bundestag davon zu überzeugen, dass es künftig in deutschen Landschaften eine Quotenregelung für Schneemannsfrauen geben soll! Helfen Sie mit, die Gleichstellung in der winterlichen Schneekunst weiter zu forcieren. Bauen Sie mehr Schneefrauen und erklären Sie Ihren Kinderinnen und Kindern, warum dieser Schritt für die Zukunft der Menschheit absolut wichtig ist! Wir zählen auf Sie, denn die Frühlingssonne nagt unaufhörlich an diesem Meisterwerk. Schon bald wird es verschwunden sein.

Erwerben Sie deshalb jetzt sofort einen handsignierten Druck dieses Werks bei Sotheby's.  Stichwort: 1000 Meisterwerke #0005

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