Freitag, 23. August 2019

Wir wollen keinen nassen Po

In der Reihe "1000 Meisterwerke der Digitalromantik 4.0" stellen wir Ihnen heute ein Tableau aus mehreren Fotografien vor, die sich in ihrer Gesamtheit mit der Neuordnung des urbanen Verkehrsraums befassen. Autos raus, Räder rein! In Zeiten des Klimawandels steigt der umweltbewusste Städter aufs Fahrrad um, und nutzt diese Gelegenheit auch zur visuellen Neugestaltung seiner unmittelbaren Umgebung. Im Werk "Wir wollen keinen nassen Po!" sehen Sie eine Auswahl von Fahrradsattelskulpturen, deren soziopolitische Botschaft eindeutig ist. Es handelt sich um einen Aufschrei, mit dem die Radfahrenden gleichberechtigte Unterbringungsmöglichkeiten für ihre ökologisch wertvollen Verkehrsmittel einfordern.


 
Dem Fahrrad als Verkehrsmittel der Zukunft ist es bisher noch nicht gelungen, sich als neues Statussymbol durchzusetzen. Für Eingeweihte mag es unverständlich erscheinen, dass die meisten Menschen ein pedalgetriebenes Zweirad nur als Mittel zum Zweck sehen. An Hausmauern gelehnt oder in triste Ecken verbannt, fristen die meisten dieser nützlichen Kultobjekte ein trauriges Dasein. Betrachten Sie dazu den oberen, panoramaartig gehalten Bereich des Kunstwerks.



Durch seine simple Konstruktion, seine Platzersparnis gegenüber dem Kfz und seine Umweltverträglichkeit, hätte das Fahrrad durchaus etwas Besseres verdient. Es ist den Fahrradbesitzenden nicht anzulasten, dass es kaum sichere und leicht zugängliche Fahrradkeller oder überdachte Abstellplätze gibt. So müssen nicht nur die Autofahrenden, sondern auch die Radfahrenden im urbanen Dschungel kreativ werden, um ihre Mobilität bei jedem Wind und Wetter sicherzustellen. 

Das extravagante Kunstwerk führt uns diesen Aspekt des urbanen Lebensalltags im 21. Jahrhundert plastisch vor Augen. Es will unsere Aufmerksamkeit auf ein besonders kritisches Bauelement lenken: den Fahrradsattel. Auf ihm nehmen die Radfahrenden alltäglich Platz, er muss deshalb sauber und zuvorderst bequem sein, damit man auch längere Strecken strampelnd zurücklegen kann. Während der Autositz moderner Fahrzeuge von äußeren Witterungsbedingungen weitgehend unabhängig ist, oder sich mittels einer fernbedienbaren Sitzheizung rechtzeitig auf angenehme Körpertemperaturen bringen lässt, fehlt dem Fahrradsattel jeglicher Schutz. Das lernen wir aus der eindringlich detaillierten Darstellung im unteren Teil unseres Meisterwerks.

Findige Hersteller haben Sättel aus Materialien geschaffen, die selbst nach tagelangem Starkregen nur abgewischt werden müssen. Kenner beklagen jedoch, dass diese Sitzgelegenheiten ausgesprochen hart seien, und sich unangenehm unter dem Allerwertesten anfühlen würden. Besonders der männliche Radfahrer steht hier vor einer ganz besonderen Herausforderung.
Weichere Materialien saugen die Feuchtigkeit auf, und geben sie unter Druck wieder ab. Gewillte Radfahrende bekommen beim Aufsitzen in Sekundenschnelle das Gefühl, dass ihre empfindlichsten Körperstellen eine ungewollte, wenngleich höchst erfrischende Unterbodenwäsche erhalten. Mehr noch: Die Feuchtigkeit überträgt sich rasch und weiträumig auf die umliegenden Textilien im Intimbereich. Beim Absteigen vom Fahrrad könnte dies bei zufällig vorbeikommenden Passanten einen wahrlich falschen Eindruck erwecken. So trägt dieses Meisterwerk den unmissverständlichen Titel: Wir wollen keinen nassen Po!

Auf der Suche nach Abhilfe finden wetterfeste Radfahrende scheinbar schnelle, und mitunter schicke Lösungen für ihr Intimproblem. Manchmal sind sie sogar kostenlos: imprägnierte Kunststoffüberzieher in bunten Farben, mit integrierter Werbebotschaft.
Ungeübte Fahrradfahrende erkennen alsbald, dass es sich dabei nur um einen Quickie handelt: Schnell ist die Imprägnierung morsch, der Gummizug erschlafft. Selbst die hochwertigen Überzieher, allesamt aus Kunststoffmaterialen, oft mehrfach beschichtet, geben nach einer Saison den Geist auf. Auch hiervon zeugt das Meisterwerk eindrücklich. 

Ausdauernd Fahrradfahrende gelangen nach mehreren Fehlkäufen zur Erkenntnis, dass die handelsübliche Plastiktüte aus dem Supermarkt oder eine Mülltüte den gleichen Zweck erfüllt. Über den Sattel gestülpt wird sie gar zu einer kreativen Skulptur, mit der man sich von anderen Fahrradbesitzenden abheben kann. Sie hat zudem den Vorteil, dass man sein eigenes Fahrrad im chaotischen Durcheinander geparkter Verhikel deutlich schneller findet. Diesen improvisierten Wasserschutz muss man auch nicht eigens gegen Diebstahl sichern. Wer hier ein ökologisches Plastikproblem wittert, das mit der Fahrradnutzung zwingend einhergeht, liegt nicht ganz falsch, doch wir befinden uns in einem Übergangsstadium. Auch das will uns dieses Meisterwerk vermitteln.

Als Kunstkenner*in werden Sie künftig die abgestellten Räder nach erfahrenen und unerfahrenen Radbesitzer*innen kategorisieren können. Es ist jedoch abzusehen, dass diese Skulpturen der Neuzeit aus dem Straßenbild verschwinden werden. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe:
  1. Es wird ein bequemer und wasserfester Sattel mit Sitzheizung erfunden.
  2. Es gibt dauerhaft dichte Überzieher zu kaufen.
  3. Plastiktüten in der Öffentlickeit werden gänzlich verboten.
Obendrein gibt es schon heute Menschen, die ihre Fahrräder angemessen behandeln. Praktiker platzieren es im Keller oder in der Garage. Sind solche Räumlichkeiten nicht verfügbar, bekommen bereits viele Fahrräder einen Ehrenplatz in der Wohnung. Weniger Betuchte nehmen es mit ins Wohnzimmer und platzieren es gleich neben dem Kaminfeuer in einer Halterung an der Wand. Besserverdienende richten einen eigenen Fahrrad-Showroom in ihrer Wohnung ein. 
Auch der Gesetzgeber wird - schon aus Ordnungsliebe - dafür sorgen, dass wildes Fahrradparken im öffentlichen Raum durch Auflagen reguliert wird. Verkehrsexperten vom Mars gehen deshalb davon aus, dass terrestrische Garagen, die bisher von Autos besiedelt waren, mittel- bis langfristig zu Fahrradgaragen umgebaut werden müssen. 
Sichern Sie sich deshalb jetzt sofort ein Exemplar dieses zeitgeschichtlich wertvollen Anblicks, und erwerben Sie einen handsignierten Druck dieses Werks bei Sotheby's.  Stichwort: 1000 Meisterwerke #0007

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