Freitag, 17. Januar 2025

Spieglein, Spieglein an der Wand

34 mm | 1/120 s | f1,6 | ISO 125 | Smartphone

#Spiegelselfie  #orange
#Muttergeschichten 😓

Haben Sie mich entdeckt? Da müssen Sie schon ganz genau hinschauen. In der U-Bahn gibt es einige freie Plakatflächen, die mit verspiegelten Zerrbildern auf neue Werbekunden warten. Die klassische, weil zumeist statische Plakatwerbung hat ausgedient, weil sich alles Interessante längst auf dem Smartphone abspielt. Da gibt es bunte, bewegte Bilder, Reels, Sekundenclips im Sekundentakt, für Menschen mit einer Aufmerksamkeitsspanne von maximal drei Sekunden? Ein Goldfisch kann sich angeblich neun Sekunden lang auf eine Sache konzentrieren. Woher dieser plakative Vergleich kommt, und ob das wirklich stimmt, will ich jetzt gar nicht weiter ausführen, dazu ist meine heutige Aufmerksamkeitsspanne zu kurz, aber wenn es Sie interessiert, finden Sie unten die weiterführenden Links.

Die Konzentrationsfähigkeit meiner Mutter ist definitiv kürzer als meine, und es geht ihr leider gar nicht gut. Wenn es ihr tagesformschwankend besser geht, sprechen wir von Verbesserungen auf niedrigem Niveau. Ich bin erschrocken, als ich sie gestern besuchte, weil sie so undeutlich sprach wie nie zuvor, so als hätte sie gerade nochmal einen Mini-Schlaganfall gehabt. Sie lallte, als hätte sie im Alleingang eine Flasche Whisky getrunken. Im weiteren Verlauf des Besuchs wurde es wieder etwas besser, aber sie atmet schwer.

Ich fragte, was sie so erlebt hat, seit ich das letzte Mal bei ihr war. Daraufhin schilderte sie einen lautstarken Streit zwischen zwei anderen Bewohnerinnen der Pflegestation, die sich anscheinend jeden Tag beim Mittagessen lautstark miteinander zanken, und dann scheppert das Geschirr. Das ist die Umgebung, die man sich für alte Menschen wünscht, wie im Kindergarten, und die Pflegekraft muss den Streit schlichten, während sie das Essen serviert.

Zum Trost habe ich meiner Mutter erklärt, dass nächste Woche ihr Reha-Aufenthalt ansteht, drei Wochen in einer Spezialklinik, wo sie wieder hochgepäppelt und mobiler werden soll. Dann könnte sie sich aus der Cafeteria entfernen, wenn die alten Weiber aufeinander losgehen.
Als meine Mutter die Wörter Reha und Physiotherapeuten hörte, winkte sie genervt ab. Was das noch soll, fragte sie, und die Frage ist berechtigt. Trotzdem wird diese Reha stattfinden, weil in unserem Gesundheitssystem alles getan wird, was getan werden kann. Es besteht ein gewisser Rest von Hoffnung, dass sich der körperliche Zustand meiner Mutter noch einmal verbessern kann. Dazu müsste sie Kraft und Motivation aufbringen, bei den therapeutischen Maßnahmen mitzumachen. Das war schon in den letzten vier Jahren problematisch, als sie noch zuhause war.
"Ich habe keine Kraft mehr", seufzte sie matt, und ich sehe auch, dass es so ist. Es ist schlimm, wirklich schlimm, am allermeisten für sie. Fragen Sie nicht, wie es für mich ist. Ich war auch nicht gerne im Kindergarten, aber es führte kein Weg daran vorbei. 😥

Nach dem Oberschenkelbruch liegt meine Mutter jetzt schon seit drei Wochen die meiste Zeit im Bett, weil das Bein nicht belastet werden kann. Hinzu kommen Schmerzen und die Panik, dass sie erneut stürzen könnte. Die bescheidene Muskelmasse, die sie noch hat(te) baut sich weiter ab - die Kraft fehlt. Die "frühe Mobilisierung", die nach so einem Bruch elementar wichtig wäre, kann nicht stattfinden.

Sie wissen, dass ich prinzipiell optimistisch bin. Realistisch ist: "Mehr als zehn Prozent der Patienten sterben innerhalb der ersten 30 Tage nach einem Sturz. Und bis zu 20 Prozent der Gestürzten bleiben bettlägerig oder zumindest so gebrechlich, dass sie anschließend im Heim betreut werden müssen. Nur 40 bis 60 Prozent der Patienten erreichen nach einer Fraktur des Oberschenkelhalses wieder das Niveau an Mobilität, das sie zuvor hatten. (...) Bestehende Erkrankungen von Herz und Nieren erschweren die Genesung. Eine geschwächte Lungenfunktion erhöht die Gefahr für eine Lungenentzündung. " (T-Online

Ausgehend vom Niveau an Mobilität, das meine Mutter vor dem Sturz hatte, ist die Prognose also äußerst bescheiden. Das Bier, das ich ihr versprochen hatte, hat sie zum Abendessen bekommen. Viel war es nicht, aufstehen kann sie sowieso nicht, und es hat ihr sehr gut geschmeckt. Essen wollte sie nichts, obwohl ich ihr noch eine schmackhafte und bisher stets gerne genommene Alternative zum Heim-Menü mitgebracht hatte. Es schmeckt alles nach Pappe, also gar nicht, egal was man ihr anbietet. Der Körper will (auch) nicht mehr. 
"Bier ist kein Alkohol", hat sie mir noch erklärt, es ist "flüssige Nahrung", und war das einzige bescheidene Highlight an diesem Tag. Sie war sehr müde und konnte danach hoffentlich ein bisschen besser schlafen. Nachher gehe ich wieder zum Händchenhalten, im Rucksack (zuckerfreie) Limonade. Die schmeckt auch. Gefrühstückt habe ich heute schon um halb neun, und bei meiner Qigong-Stunde sammle ich vor dem Besuch nochmal Kraft. 😓

Für bessere Stimmung gehen Sie weiter zu Reflektorstern oder Farbenlehre

Weiter mit: Eispfoten, EinblickBehördengang

Siehe auch: Bergpredigt, Vorsicht Glatteis!, #Spiegelung, #Wortklauberei, #orange

Weiterführende Links

  • Aufmerksamkeitsspanne (Erklärung) - Der deutsche Wortschatz von 1600-bis heute DWDS
  • Hat der Goldfisch wirklich eine größere Aufmerksamkeitsspanne? - nicolafritze.de
  • Was steckt hinter der Generation Goldfisch? - prosieben/Galileo
  • Oberschenkelhalsbruch endet oft tödlich - T-Online

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