Freitag, 9. Juli 2021

hometogo 1982

 

Gestern blieb ich andächtig vor einem Werbeplakat stehen, auf dem in instagrammabler Manier ein junges Paar beim Baden in einem See abgebildet war. Findet euer Ferienhaus - hometogo.

Das Ferienhaus meiner Jugend war auch "togo", nur anders. 1982 war alles weitaus weniger schick, aber man konnte sein Auto notfalls selber reparieren. Es gab kein Navi, dafür einen Europa-Auto-Atlas auf dem Schoß. Low Budget, Abenteuer pur! 

Wir konnten uns nur alle paar Tage bei unseren Eltern melden, um ihnen aus einer Telefonzelle irgendwo im Nirgendwo mitzuteilen:

  1. es geht uns gut
  2. der Wagen läuft noch
  3. die Münzen fürs Ferngespräch sind gleich zu Ende
  4. wir melden uns wieder.

Jede Generation erlebt eine andere Jugend, die vom sozialen Umfeld und vom jeweils herrschenden Zeitgeist geprägt ist, stets mit anderen Rahmenbedingungen und anderen Schwerpunkten. In meiner damaligen "Community" war es angesagt, die Welt mit selbst ausgebauten Second-Hand-Fahrzeugen zu erkunden, in die man so viel eigene Bastelarbeit steckte, dass man die abgewrackten Autos wieder durch den TÜV bekam. Urlaub oder längere Reisen kannte ich vor meinem sechzehnten Lebensjahr nur aus Erzählungen. Selbst unterwegs zu sein hat mir völlig neue Perspektiven eröffnet, die ich nicht missen möchte.

Jetzt bin ich beeindruckt, wenn ich Reiseberichte von Leuten sehe, die mit dem Fahrrad um die Welt strampeln. Sind das mutige Exoten im Heer des Massentourismus, oder geht es nur um die Aufmerksamkeit und die Reichweite, die man damit erzielt? In abgeschwächter Form sind mühsame Reisen auch schon ein Geschäftsmodell: sanfter Tourismus. Camping ist gerade mega-in und der Radtourist von heute fährt elektrisch. Mal sehen, was aus all dem wird, nach Corona. Mittlerweile bin auch ich bequem und anspruchsvoll geworden. Ja, unbedingt WLAN, und nicht mehr im Zelt übernachten. Ich gehe also mit der Zeit, schätze die Annehmlichkeiten der Moderne, und mache maßvoll Gebrauch davon.

Meine Erinnerung an die Zeiten, in denen vieles noch nicht selbstverständlich war, helfen mir dabei, die Vor- und Nachteile der teilweise rasanten Entwicklungen abzuwägen. Manches wird sich als Irrweg erweisen, manches wird sich durchsetzen.

Die Epoche, in der wir leben, ist manchmal ebenso beängstigend wie verwirrend. Faszinierend ist sie allemal.

War das nicht immer schon so?
Wenn ich als Jugendliche von alten Leuten Sätze hörte, die mit "damals" anfingen, habe ich meine Ohren meist auf Durchzug geschaltet. "Damals" war in meinem jetzigen damals längst vorbei, und somit irrelevant. Heute höre ich genauer zu, denn manchmal klingt das, was damals von "damals" erzählt wurde, unglaublich vertraut. Mit zunehmender Lebenserfahrung verschiebt sich die Perspektive. Die Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen, die wir in jungen Jahren durch unser Denken, Fühlen und Handeln in die Welt hinausgeschickt haben, sind heute teilweise erfüllt, und mitunter aus dem Ruder gelaufen. Pass auf, was Du denkst - es könnte Wirklichkeit werden. Manchmal mit ungeahnten Nebeneffekten. 

Wer hätte gedacht, dass das wunderbare Konzept, in einer anderen Stadt im Urlaub bei Einheimischen auf dem Sofa zu übernachten, zu unsäglichen Immobilienspekulationen führen würde? Jeder Mensch müsste kostengünstig reisen, und sich die Welt anschauen können! Voilà. Gut gemeint, aber naiv: Überlaufene Urlaubsziele. Auch wenn Corona gerade alles bremst: Das Rad dreht sich weiter. Wir sind vernetzt, wir haben mehr Informationen als früher, nicht alle sind solide. Fortschritt entpuppt sich als Rückschritt und umgekehrt. Wir machen Fehler, und wir lernen (hoffentlich) dazu. Das Leben fühlt sich mitunter an, wie in einer Waschtrommel im Schleudergang. Während die Jahre im Eiltempo vergehen, ist das Älterwerden unausweichlich. Diesem so ungeliebten Phänomen könnte man nur durch einen frühen Tod entrinnen, aber dabei verpasst man viele interessante Erfahrungen und Lerneffekte. Also... was kommt als nächstes Plakat: LebenToGo? 😉

2 Kommentare:

oli hat gesagt…

…wie gerne würde ich lieber heute als morgen meine kleine Tasche packen und einfach losfahren.
Ohne die Abhängigkeiten, Verantwortung, Einschränkungen.
Geht halt nicht mehr. Kinder, Haus, Job.
Es bleibt die kleien Auszeit (aka Urlaub) die man am Ende (fast) so gestalltet wie die Reisen als Heranwachsender.
Okay - das Zelt ist der FeWo gewichen - aber sonst?
Ohne Kinder wären wir noch mutiger und freier - so eben etwas angepasst.
Und trotzdem frei.

betrachtenswert hat gesagt…

Lieber Oli,
in jungen Jahren hat man die Konsequenzen des eigenen Handelns noch nicht so auf dem Schirm, und es gibt generell weniger "Umstände" zu berücksichtigen. Wir könnten wahrscheinlich viel mehr tun als wir uns selbst erlauben: In kleinen Schritten die eine oder andere mutige oder unkonventionelle Entscheidung wagen. :-)
Schönen Urlaub!
Jacqueline