Mittwoch, 2. November 2022

Schatten an der Wand

Der Blick des Verstandes fängt an scharf zu werden,
wenn der Blick der Augen an Schärfe verliert.

Platon

Fein, so kann man sich mit zunehmendem Alter darüber hinwegtrösten, dass man immer häufiger eine Lesebrille braucht. 😅 Platon ist der griechische Philosoph, der das sogenannte Höhlengleichnis erfunden hat. Er verwendet diese Allegorie (ein rhetorisches Stilmittel), um das Verhältnis zwischen der physikalischen Welt und der Gedankenwelt des Menschen zu verdeutlichen: Eine Gruppe von Menschen, die in einer Höhle angekettet ist, schaut auf die bewegten Schatten an einer Wand und glaubt, dass diese die einzige Realität seien. Die Gefangenen wissen nicht mal, dass sie in einer Höhle hocken, und denken: Das ist halt so, das war nie anders, und: die Show an der Wand ist spannend genug. Doch dann bekommt einer der bisher angeketteten Menschen die Möglichkeit, die Höhle zu verlassen.

Er geht raus und ist zunächst vom hellen Sonnenlicht geblendet. Dann erkennt er, dass die Höhle und die Schatten an der Wand nur ein kleiner, sehr beschränkter und verzerrt wahrgenommener Teil einer viel größeren Welt sind. Nach diesem Aha-Erlebnis kehrt er (vermutlich ziemlich aufgeregt) zurück ins Dunkle, um seinen Mitgefangenen von der Welt jenseits der Höhle zu berichten. Jetzt ist die Frage: Spinnt der, oder spinnen die? Die Angeketteten glauben dem Ausflügler nicht, und wollen lieber in ihrer Höhle bleiben. Vielleicht sagt Platon deshalb auch: "Wenn die Menge ihre Autorität ausübt, ist sie grausamer als die Tyrannen.“

Die Wahrnehmung des Rückkehrers hat sich durch den Ausflug nach draußen unwiderruflich verändert. Das ist blöd für die Kommunikation mit den Höhlenbewohnern, weil der Ausflügler ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von denselben Dingen spricht, wie seine ehemaligen Mitgefangenen. Danach redet er sich den Mund fusslig, um ihnen klarzumachen, was da draußen vor der Höhle wirklich los ist.

So ähnlich muss sich Galileo Galilei zweitausend Jahre später gefühlt haben, als er erklärte, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Um nicht auf dem Scheiterhaufen zu enden, hat er seine wissenschaftliche Veröffentlichung auf Anraten der Kerle mit den Schraubzwingen sicherheitshalber zurückgezogen. Am 2. November 1992 wurde Galileo Galilei von der römisch-katholischen Kirche formal rehabilitiert. Das ist heute auf den Tag genau dreißig Jahre her, 359 Jahre nach dem Prozess. Man muss schon ein bisschen Geduld mitbringen, wenn man mit super innovativen Ideen daherkommt. Galileo Galilei war in technisch-physikalischen Fragen häufig als Gutachter für den Großherzog der Toskana tätig, dem es gelang, ihn vor der Inquisition zu beschützen. Die Geschichte der Familie Medici ist auch spannend, aber so viel Zeit haben wir jetzt nicht. 😏
Die Welt war damals einfach noch nicht reif für so einen Paradigmenwechsel, und Galileo Galilei war vielleicht so eine Art Steve Jobs seiner Zeit. Er ließ die bestmöglichen Teleskope anfertigen, hat damit unter anderem die Sonnenflecken entdeckt, und konnte auch das spezifische Gewicht von Luft experimentell nachweisen. Die  herrschende Meinung damals lautete, dass Luft kein Gewicht habe. Diese Erkenntnis stammte von "Ich weiß, dass ich nichts weiß" Aristoteles, und war auch etwa zweitausend Jahre lang nicht wirklich in Frage gestellt worden. Boah, was für Zeiträume. 😒

Die Halbwertszeit des Wissens und der technischen Entwicklungen hat sich seit Platon und Galileo deutlich verkürzt, da könnte man fast schon von einem exponentiellen Wachstum sprechen. Vor fünfzig Jahren hätten selbst kluge Köpfe nicht geglaubt, dass Menschen in ein paar Jahrzehnten durch die Straßen laufen würden, und dabei aussehen, als würden sie mit einer vor den Mund gehaltenen Schokoladentafel sprechen. (>Johann König - wenn Sie lachen wollen, unbedingt gucken!)

Wir wissen natürlich längst, dass die Schatten an der Hausmauer von einem Hagebuttenstrauch stammen, der von der Sonne beleuchtet wird. Wir wissen auch, dass diese Hagebutte im zurückliegenden Sommer noch eine Rose war, deren Schatten zu diesem Zeitpunkt ganz andere Formen hatte. 😊 Und wir wissen, dass es sich hier um ein digitales Foto in einem sogenannten "Internetz" handelt. Bei manch anderen Dingen ist es immer noch erheblich schwieriger, Platons Gleichnis auf den Alltag anzuwenden, aber wir werden besser beim Blick über den Tellerrand.

Das geflügelte Wort "Ich weiß, dass ich nichts weiß" findet man übrigens auch bei Platon. Damals gab's noch kein Urheberrecht, und bei der Sichtung der Dokumente über die Jahrtausende hat vielleicht jemand in der päpstlichen Bibliothek die Papierstapel verkehrt sortiert, oder im Internetz falsch zitiert.  😉  Ebenfalls von Platon stammt die Empfehlung oder Erkenntnis: Lerne zuhören, und du wirst auch von denjenigen Nutzen ziehen, die nur dummes Zeug reden. 😁 

Siehe auch: Mehrfachspalt-Experiment, Murmeltiertag, alles mit #Schatten oder #Paradigmenwechsel

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