Donnerstag, 15. Oktober 2026

Komplexe Ereignislage

27 mm | 1/35 s | f2,2 | ISO 320 | Smartphone

#Spiegelungen im #Sekt  #Glas
#detailverliebt  #minimalistisch #abstrakt
#Muttergeschichten  #Pflegeheim
#Herbst2026

"Deutschland trinkt mehr Sekt 🥂 als jedes andere Land der Welt – rund 245 Millionen Flaschen im Jahr. Wer dabei an die großen Häuser denkt, denkt an einen Markt, der primär über Preis und Zucker funktioniert. Günstiger Grundwein, viel Dosage, Supermarktregal. Das ist der Sektmarkt, den die meisten kennen." (Conda)

Hätten Sie das gedacht? Ich dachte, dass in Deutschland vor allem viel Wein 🍷 und Bier 🍺 getrunken wird, oder auch überteuertes Selters aus Plastikflaschen. Es ist auch der größte Sektmarkt der Welt!? 😲 Und das trotz der Sektsteuer? Warum und wann die in Deutschland und Österreich weltweit einmalige Schaumweinsteuer eingeführt und nur kurzfristig ausgesetzt wurde, wissen Sie wahrscheinlich? 😏 Falls nicht, lesen Sie es bei den weiterführenden Links nach, oder trinken Sie Prosecco Frizzante, der geht steuerlich als Wein durch. 😆

Es war der Conda-Newsletter, der mich im Mai 2026 auf meine Wissenslücke aufmerksam machte. Conda ist eine Plattform für (Crowd)Investoren, also Leute, die ihr Geld in Startups anlegen, und da hatte ich vor vielen Jahren in Bier aus Giesing investiert. Damals weniger wegen der Rendite, sondern damit der Steffen seine Brauerei weiter ausbauen kann, was er auch erfolgreich getan hat. 😊

Anhand meines Glas-Fotomotivs können erfahrene Leserinnen und Leser dieses Blogs auch erkennen, dass heute eine Muttergeschichte ansteht. Nach einer langen Sektpause sind wir unlängst zu unserem Getränk aus den Pflegeheim-Anfangstagen zurückgekehrt. Was ist passiert? Gibt es Grund zum Feiern? 😕 Ja und nein, die Sache ist - wie so oft - etwas komplexer. Das Wort kompliziert versuche ich zu vermeiden, wenngleich komplexe Angelegenheiten oftmals auch kompliziert sind. 😜 

Die Nachricht, dass die Mitbewohnerin des Doppelzimmers im Pflegeheim in einen anderen Wohnbereich umziehen würde, kam total überraschend. Die Info erreichte mich an einem Freitagnachmittag, und am Montag war die andere Zimmerhälfte bereits leergeräumt. 
Bei meiner Mutter herrschte erst einmal große Freude. 😃 Das Miteinander mit ihrer Zimmergefährtin war nicht einfach, auch wenn sich die beiden Damen so gut es eben ging, miteinander arrangiert hatten. Diese Neuerung führte zu großer Erleichterung bei meiner Mutter, also Grund zum Feiern. 🥂 Doppelzimmer heißt aber auch: Es kommt eine neue Mitbewohnerin. Nach maximal ein bis zwei Nächten wird das frei gewordene Bett wieder belegt, denn Heimpflegeplätze sind generell Mangelware, und die im Einzelzimmer erst recht. 😔

Wann immer ein Zimmerwechsel stattfindet, besteht die Möglichkeit, mit einer anderen Person im Wohnbereich, die in ihrer Doppelzimmer-Konstellation unzufrieden ist, Plätze zu tauschen. Also war die große Frage: Kommt jemand in den Raum, den meine Mutter schon kennt und möglicherweise mag, oder kommt ein Neuzugang? Genau das war der Fall, und da weiß man vorher nicht, wie sich die Lage weiter entwickelt. Um es kurz zu machen: Es ist gerade noch schwieriger als vorher. 😓

Durch den Umzug war im Doppelzimmer übers Wochenende ein ständiges Kommen und Gehen, ein Räumen und Poltern, bis alle persönlichen Gegenstände draußen waren. Dann herrschte zwei Nächte lang erholsame Ruhe, bis die neue Mitbewohnerin eintraf. Also erneut viel Durcheinander, ein zweiter Rollstuhl, ein zweiter Rollator, neue Gesichter, Enge und sehr viel Unruhe. Als ich in dieser Phase den Raum betrat, hatte ich den Impuls, sofort, und zwar in Sekundenschnelle, die Flucht zu ergreifen. Ich holte meine Mutter aus der Chaoszone, und bestellte uns in der Cafeteria nicht nur einen sondern zwei Piccolos, denn ich brauchte in diesem Moment auch einen - zur Nervenberuhigung. 😓

Ich konnte danach wieder gehen, meine Mutter muss bleiben. Seitdem schläft sie schlecht, um nicht zu sagen sehr schlecht bis fast gar nicht, denn die neue Zimmergefährtin ist nachts sehr unruhig, und hat auch noch ein Sauerstoffgerät, das nachts laut brummt. Dass bei der 24-Stunden-Pflege außerdem dreimal der Nachtdienst den Raum betritt, ist Teil des "Grundrauschens". 
Bei meinen letzten Besuchen war die Erschöpfung meiner Mutter nicht nur deutlich zu sehen, sondern für mich auch körperlich zu spüren. Das war "Mitleid" in Reinstform, das kann man als mangelnde Abgrenzung bezeichnen, auf jeden Fall hat es mich mitgenommen. 🫩 Ein paar Nächte lang konnte ich selber nicht mehr durchschlafen, habe Bücher gelesen und darüber meditiert, wie es mit dieser neuen Konstellation weitergehen soll und kann. 

Dass es in Pflegeheimen oft Doppel- und (zu) wenige Einzelzimmer gibt, ist grundsätzlich eine ungute Situation. Wer soll das alles bezahlen? Gute Frage. Im Krankenhaus kann man das Fehlen von Würde und Privatsphäre vielleicht für ein paar Tage mit Mühe erdulden. Ausnahmen gibt es auch: Manche HeimbewohnerInnen wollen nicht alleine sein, und manche Zweiergemeinschaften funktionieren auch ganz gut. Bisher war es schwierig, aber es ging.  Sich ein Zimmer mit "irgendjemandem" teilen zu müssen, ist trotzdem kein guter Lebensentwurf für die meisten Menschen. Ich kenne sogar Ehepaare, die grundsätzlich in getrennten Räumen schlafen. 

Massive Schlafstörungen sind totaler Stress, um nicht zu sagen Folter. Darum habe ich meine Mutter auf die Warteliste für ein Einzelzimmer setzen lassen. Bisher hatte sie das - aus komplexen Gründen - abgelehnt. Die Extrakosten gehen auf mich, und mit meinen "Genussgutscheinen" für Giesinger Bier komme ich da leider nicht weiter. Bis ein Raum für meine Mutter frei wird, kann es dauern, zumal sie den aktuellen Wohnbereich (noch) nicht wechseln will. Parallel arbeiten wir an Alternativen für die Zeit dazwischen. ⏳ 

Deshalb gibt es nachmittags nun wieder häufiger einen Piccolo für den Kreislauf,  und solange das Wetter noch mitspielt auch ein bisschen Sonnenschein und Wärme im Garten. Besuch und Zuspruch - all das hellt die Stimmung auf, auch wenn es die momentane Unruhe- und Sympathie-Gemengelage nicht grundsätzlich verbessert. Ob die neue, unruhige Mitbewohnerin dauerhaft bleibt, oder nach der (mittlerweile verlängerten) Kurzzeitpflege zurück nach Hause oder in eine andere Einrichtung geht, ist aktuell offen. Ob so oder so: es bleibt unruhig, denn wenn die eine geht, kommt die nächste. Dann geht das Spiel von vorne los, also muss ein grundsätzlicher Cut her: Einzelzimmer, Kostenübernahme. 😔

Bloß nicht ins Pflegeheim! werden Sie jetzt denken. Das denken viele, bis sie im Krankenhaus nach einem Sturz oder Schlaganfall aufwachen und feststellen müssen, dass es keinen Weg zurück nach Hause gibt. Die meisten BewohnerInnen auf der Station sind auf diese Art und Weise an diesen Ort gekommen. Wann immer ich mit meiner Mutter in früheren Jahren über dieses Thema gesprochen hatte: auch sie hatte sich nicht vorstellen können, "dass ihr sowas mal passiert". Jetzt sitzt sie da in ihrem Rollstuhl, und sieht jünger, gesünder und gepflegter aus als vor zehn Jahren. Sie wird gut betreut. Abgesehen von den Augenringen, die sie derzeit vom akuten Schlafmangel hat: lachen kann sie immer noch. 👍

Eins ist sicher: Alt werden wir alle. Legen Sie schon mal ein Kinder-Depot für Ihre Nachfahren an, damit die später für die Kosten aufkommen können? Meine Mutter hatte keins angelegt, ich eines für mich, und das verwende ich jetzt für sie: Generationenvertrag. Das ist immer noch besser, als jeden Tag im Mutterhome die Rundumbetreuung zu stemmen, was schon aus räumlichen Gründen nicht mehr möglich wäre. 

Pflege ist zu teuer! Ja, teuer ist die Heimunterbringung. Da muss man sparen - aber wo und wie? Personal ist jetzt schon knapp und taumelt am Rande des Burnout. Wer die Pflege selbst zuhause übernimmt, spürt am eigenen Leib was das kostet. Es sind nicht nur die Zeit, die Kraft und die mentale Energie: Man kann auch an der eigenen Rentenvorausberechnung ablesen, was passiert, wenn man den eigenen Job aufgibt, um jahrelang Angehörige zu betreuen. 😬  

In unserer alternden Gesellschaft kommt einiges auf uns zu, wir hören das immer wieder in den Medien. Wer selbst gebrechliche oder pflegebedürftige Angehörige hat, ist mit der Sachlage unmittelbar konfrontiert. Kinder müssen sich frei entfalten können, brauchen KiTas und Schulen, Spielplätze, und eine Rundumbetreuung über Jahre hinweg. Hochbetagte Menschen können sich irgendwann nicht mehr selber helfen, und denen muten wir auf den letzten Metern ihres Lebens ziemlich viel zu. 😔 Wohl dem, der gut vorgesorgt hat.

Pflegeheime mit möglichst vielen oder gar 100% Einzelzimmern sind mittlerweile für Neubauten gesetzlich vorgeschrieben, und es ist das Mittel der Wahl. Wir hatten es mit der kostengünstigeren häuslichen Pflege und der Doppelzimmer-Lösung so lange wie möglich ausgesessen, mit viel Humor, aber auch unter hohen Belastungen. Irgendwann geht's nicht mehr. 
Jeder, den ich bisher kennengelernt habe, ist froh, wenn sich ein guter Heimplatz für die Angehörigen findet: Es ist unglaublich entlastend, aber auch nur dann, wenn man weiß, dass die Angehörigen gut untergebracht und versorgt sind. 

Pflegeheime sind genauso wichtig wie Krankenhäuser, KiTas und Schulen. Vor allem aber: Die nächste Bewohnergeneration sind wir selber, auch wenn das keiner gerne hört und sich das alles anders wünscht. Wenn wir heute etwas für diejenigen tun, die im Heim leben (müssen), tun wir etwas sehr Wichtiges für uns selbst, und wer Kinder hat: auch für die. Denn die sind diejenigen, die sich in der nächsten Generation auch wieder um ihre Eltern kümmern (müssen). 

Weiter mit: Wie spät ist es denn? 😕 

Siehe auch: Redaktionssitzung, Sekt oder Selters?, Sommer-Sonnen-Wende, Die Sau rauslassen!, Knoblauch und Weihrauch, Weinsäulenstand, Sehtest, Konfettimedizin, Erfrischungsgetränk, Zünftig, Auf gut Glück, #Muttergeschichten

Zu Conda und dem Bier-Investment: Das Finanzamt hat Durst! oder auch: Zukunftsorientiert? 

Weiterführende Links

  • Sektsteuer / Schaumweinsteuer - Wikipedia 
  • Conda - Homepage
  • Kurzzeitpflege - pflege.de
  • Pflegegeld für Angehörige - pflege.de
  • Pflegeheime unter Druck: Warum die Einzelzimmerquote viele Einrichtungen an ihre Grenzen bringt - familiara.de 

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