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#Muttergeschichten #Pflegeheim
#Fasching26
Wenn ich meine Mutter in ihrem Rollstuhl zur Cafeteria fahre, kommen wir unterwegs an einer schönen, sehr ruhigen Zweier-Sitzgruppe vorbei. Zu Beginn ihres Heimaufenthalts hatte meine Mutter dort häufiger Einzelgespräche mit den "Rothemden" geführt; Interviews, die sie offensichtlich immer noch in guter Erinnerung hat. Einzelgespräch bedeutet 100% Aufmerksamkeit, und in dieser speziellen Ecke ist man zudem abgeschirmt vor den Augen und Ohren anderer Heimbewohner*innen. Man hat mehr Ruhe und Privatsphäre.
"Sollen wir uns heute hier hinsetzen?", fragte ich, denn meine Mutter hatte im Doppelzimmer bereits durch Gesten und Blicke signalisiert, dass es wieder sehr viel und Aufregendes zu berichten gab: "Hier ist die Hölle los!"
Auf meinen Vorschlag, in ruhiger Abgeschiedenheit über die Einzelheiten des aktuellen Höllen-Szenarios zu berichten, antwortete sie mit einem heftigen "Nein, hier ist es viel zu ruhig!". Stattdessen streckte sie ihren Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger Richtung Cafeteria und beugte sich in ihrem Rollstuhl weit nach vorne: Die Kavallerie bläst zum Sturmangriff und gibt dem Pferd die Sporen. Attacke!!!
Sie wollte gesehen werden, sich in der Cafeteria zeigen, und es fiel auch der Satz: "Ich habe hier schon so etwas wie einen Prominenten-Status!" 😳
Völlig ungewohnt war auch, dass die Mutter spontan Appetit auf einen "glitschigen Kuchen" hatte, also irgendwas Süßes, aber bitte mit Sahne. Ich hätte ihr den Bildband von Udo Jürgens vielleicht nicht mitbringen sollen? 😄 Normalerweise spart sie Kalorien oder hat zwischen Frühstück und Mittagessen gar keinen Appetit: diesmal Heißhungerattacke auf Süßes. Es dauerte also etwas länger, bis ich meine Zuhörerposition am Cafeteria-Tisch eingenommen hatte.
Während meine Mutter ihren mehrlagigen und sehr leckeren Sahne-Nusskuchen verspeiste, erfuhr ich, dass Caruso nicht mehr mit ihr spricht. 😒 Der sitzt jetzt neben Frau B., der Pöbelantin, an genau dem Platz, auf dem meine Mutter vorher gesessen war. (Das wird er noch bereuen!) Dass Caruso mit Frau B. lange Zeit eine Fehde gehabt hatte, wusste ich. Dass die beiden vor dieser Fehde regelmäßig Mensch ärgere dich nicht gespielt hatten, war mir auch noch dunkel in Erinnerung. Die bairische Oma wiederum, mit der sich meine Mutter so gut versteht, ist mittlerweile ebenfalls umgezogen und sitzt jetzt neben meiner Mutter, worüber sich beide sehr freuen. (Die Oma hat wieder Appetit!) Nur die andere Dame, mit der vorher niemand gesprochen hatte, beklagt sich mittlerweile darüber, dass meine Mutter die ganze Zeit lacht, auch wenn - in den Augen ihres Gegenübers - gar nichts lustig ist. (Die Oma lacht auch ziemlich viel.)
"Ist lachen verboten? 😤", fragte meine Mutter mich, und: "Bin ich wirklich so unmöglich?" 😕
Natürlich nicht!, wäre die vollautomatische Tochter-Antwort, denn in der Familie hält man zusammen? Ich formulierte es anders und mit einem Augenzwinkern: "Das weiß ich nicht: Ich weiß ja nicht, was du machst, wenn ich nicht da bin." 😉
Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse...
Das ist ein Satz, den ich als Kind oft von meiner Mutter gehört habe. Um bei diesem Bild zu bleiben: In der Stationsküche spielen die Mäuse und die Katzen "Fang mich", werfen Gläser um, und die Bulldoggen fahren manchmal dazwischen.
Aus den Erzählungen meiner Mutter geht hervor, dass sie ihren Auftrag sehr ernst nimmt, sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern: Manchmal ruft sie laut nach Pflegekräften, wenn keiner in der Küche ist, oder wird laut, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Dass ihre Stimme mittlerweile wieder ziemlich kräftig geworden ist, ganz ohne Rudelsingen oder Hänschen-Klein-Singstunde, ist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen. Man versteht die Mutter jetzt wieder ziemlich gut, und sie lässt sich nichts gefallen. 😤
Ihr neues Tisch-Gegenüber parkt den Rollator so, dass meine Mutter mit ihrem Rollstuhl nicht ohne Hilfe an ihren neuen Platz fahren kann, das ist natürlich unpraktisch. Ob die Mitbewohnerin das absichtlich oder aus Versehen macht, lässt sich aus meiner Warte nicht beurteilen. Fakt ist, dass dieser vollbepackte Rollator unmittelbar neben dem Sitzplatz meiner Mutter steht, bis die Dame mit dem Essen fertig ist, und in ihr Zimmer zurückkehrt.
Vor einigen Tagen brauchte meine Mutter etwas länger zum Essen, ihr Gegenüber war wohl gegangen, als es urplötzlich laut unter dem Rollstuhl meiner Mutter knallte. Sie ist natürlich erschrocken, musste aber gleich wieder lachen. Aber was hatte geknallt?
Vermutlich eine Knallerbse, einer dieser harmlosen Faschingsscherzartikel, der kinder- und somit auch seniorentauglich ist. Ein Streich, wie im Schullandheim, mit dem man Leute ärgert, über die man sich ärgert, oder die man nicht leiden kann? 😬 Ich konnte mir das kaum vorstellen, doch...
Wie es der Zufall will, hatte ich bei der vorletzten Fahrt zur Cafeteria, einige Tage vor dem Knallerbsen-Ereignis, gehört, dass am Rollstuhl meiner Mutter irgendetwas klapperte. Also schaute ich mir das Gefährt diesmal etwas genauer an: Das Geräusch stammte von zwei lockeren Schrauben an den Greifreifen, mit denen man den Rollstuhl bewegt, wenn er nicht von jemand anderem geschoben wird. Weil ich morgens an meinem Fahrrad schon den Scheinwerfer festgeschraubt hatte, befand sich zufällig das passende Profiwerkzeug für die Greifreifen-Schrauben im Rucksack. Nach dieser Spontanreparatur hatte ich dieselben grauen Flecken an den Händen wie meine Mutter. Bei mir waren es deutlich weniger, das Kracher-Ereignis lag ja auch schon etwas länger zurück. Reste von Schmauchspuren am Rollstuhl?
"Am nächsten Tag haben sie bei Frau X eine Taschenkontrolle gemacht", erzählte meine Mutter mit Genugtuung. Sprengstoffkontrolle in der Pflegeheimküche...?! 😟 Holla die Waldfee.
Vielleicht bekomme ich wirklich bald einen blauen "Brief vom Direktor", so wie man früher in der Schule einen "Verweis" bekam? Meine Mutter hat mich schon einige Male mental auf das Eintreffen eines solchen Schreibens vorbereitet. 😦 Gibt's sowas auch im Altenheim? Aufsässige Senior*innen entfesseln einen Küchenkrieg? Muss ich pädagogischen Einfluss auf meine Mutter nehmen, weil sie "wirklich so unmöglich" ist - oder wird ein "Rothemd" sie (oder andere an der Fehde Beteiligte) zu einem Einzelgepräch bitten?
Zumindest meine Mutter kann (aktuell) über die Kracher-Story lachen, und schloss ihren Bericht mit der Frage: "Hättest du dir sowas jemals vorstellen können?" 😂
Klare Antwort: Nein.
Siehe auch: Sicher!, Soziales Medium, Rudelsingen, Wundertüte, Essen (allein) macht nicht glücklich, Tummidemmi!, Pillenrevolte, Jetzt doch!, Spielerisch, Zwischenruf, Die Sau rauslassen, Unterhaltung(en), Gut sitzen können, Im Keller brennt noch Licht, Liebenswert und fürsorglich, #Muttergeschichten
Weiterführende Links
- Knallerbse - Wikipedia

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