Donnerstag, 15. Januar 2026

Im Keller brennt noch Licht

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14.01.26 17:10

#BlaueStunde  #Fenster #Mischlicht
#Muttergeschichten
#Winter25/26

Fritzchen kommt in die Klasse und ruft: "Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiss was: Im Keller brennt noch Licht!..." Der Lehrer läuft in den Keller. "... aber ich hab's ausgemacht!"

Reingefallen: umsonst in den Keller gelaufen. 😆 

In diesem Keller brannte das Licht noch, in der Turnhalle der Schule auch. Als ich das Pflegeheim verließ, war es um diese Uhrzeit wieder merklich heller - zum ersten Mal seit Mitte November. Die dunkle Jahreszeit verabschiedet sich allmählich. 🌞😎

Meine Mutter ist jetzt seit einem Jahr im Pflegeheim, und es war ein sehr bewegtes und bewegendes Jahr. Morgen will mein Bruder vorbeikommen, und die noch in der Wohnung verbliebenen Muttermöbel bewegen. Warum hat das so lange gedauert? Fragen Sie mich was Einfacheres. Bevor ich über das komplexe Phänomen der Prokrastination referiere, schaue ich noch einmal kurz zurück. 

"Schnell ist die Zeit vergangen!", stellte meine Mutter gestern erstaunt fest. 😮

Gedächtnislücken
An ihre "Bergpredigt" kann sie sich nicht mehr erinnern. Viele ihrer Erlebnisse und Eindrücke aus den ersten Tagen und Wochen im Münchenstift sind komplett ausgelöscht. Auch an die zwei Wochen Klinikaufenthalt davor kann sie sich kaum noch erinnern. Irgendwo hatte ich gelesen, dass das unter anderem an den Vollnarkosen liegt, und an den verabreichten Schmerzmitteln, die speziell bei älteren Patienten nachhaltige Erinnerungslücken verursachen können. 😵 Ganz zu schweigen von den traumatischen Ereignissen, durch die sich der gewohnte Alltag von einer Minute zur anderen komplett und unwiderruflich verändert.

Ich wiederum erinnere mich sehr gut, nicht zuletzt, weil ich meinem roten Faden gefolgt bin, und all diese Muttergeschichten möglichst zeitnah aufgeschrieben hatte. So viel Zeit muss sein, auch wenn selbige unglaublich schnell vergeht, und drumherum wahnsinnig viel zu erledigen ist. 😓

Der Weltuntergang... muss warten
Meine Mutter hatte sich am 27.12.2024 auf dem Weg in den OP-Saal schon final von mir verabschiedet, weil sie nach ihrem Sturz mit Oberschenkelhalsbruch nicht mehr davon ausging, aus der Narkose aufzuwachen. Reingefallen: umsonst Sorgen gemacht... 😓

Dass meine Mutter eine Woche später nochmal eine zweite, weitaus schwierigere Operation durchstehen musste, hatten nicht einmal die Ärzte erwartet. Die waren davon ausgegangen, dass die erste Schraube hält, und die Patientin drei Tage später ihr Bein wieder voll belasten und in Reha gehen könnte.  Die wieder ausgebaute Schraubenkonstruktion hatten mir die Ärzte nach der zweiten OP als "Erinnerungsstück" in die Hand gedrückt. 😳 
Ich glaube, das Ding liegt noch irgendwo in der Nähe des Werkzeugkastens, bei den Schrauben und Nägeln, die ich vor Renovierung der Mutterwohnung aus den Wänden gezogen hatte...
Verzeihen Sie mir meinen Galgenhumor, manchmal geht's nicht anders. Es ware eine emotionale Achterbahnfahrt der Extraklasse für uns beide, und ohne therapeutische Unterstützung hätte ich die letzten Jahre nicht so gut weggesteckt. 🙏

"Totgesagte leben länger"
Wenn es an meiner Mutter eine Eigenschaft gibt, die ich für vorbildlich halte, dann ist es ihre Widerstandskraft, die ihr in all den Stürmen ihres Lebens nie verlorengegangen ist. Natürlich hat sie dabei auch Schaden genommen. Der gnädigste aller Schadensfälle ist ihre "Lachkrankheit", die mittlerweile etwas milder geworden ist. In Situationen, in denen andere Leute weinen müssen, kichert meine Mutter vor sich hin, und macht einen überaus vergnügten Eindruck. Darum ist sie "immer lustig" und im Pflegeheim so beliebt. Natürlich nicht bei denen, über die sie lachen muss. Wenn jemandem in der Küche ein Glas aus der Hand fällt, und mit lautem Geklirr zerbricht, ist das für meine Mutter wie eine Live-Performance von Stan und Ollie. 😂

Stehaufmanderl!
Dass sie nach ihrem Schlaganfall noch weitgehend klar denken und sprechen kann, und gestern wusste, dass die Veranstaltung "Schäfflertanz" nicht am 14. sondern am 16. Januar stattfindet, ist genauso beeindruckend wie ihre Erzählung über eine neue Mitbewohnerin auf der Station: Die war am ersten Tag im Essraum kollabiert. Als meine Mutter nach einem verspäteten Frühstück am nächsten Morgen mit der Neuen allein in der Küche war, wollte sie die alte Frau dort nicht alleine lassen. Die offensichtlich verwirrte Mitbewohnerin hatte die Tür zum Balkon im vierten Stock geöffnet, und das war meiner Mutter nicht geheuer. 
"Am Ende stürzt sie runter!", erzählte sie, sichtlich beunruhigt, also hatte sie Hilfe gesucht - keine Pflegekraft gefunden, und schließlich den Mann vom Catering-Service in Stellung gebracht, der eigentlich nur das benutzte Geschirr abräumen sollte. Sie beobachtet sehr genau und kann ihre Erlebnisse meistens so erzählen, dass keine oder nur wenige Rückfragen erforderlich sind. Ja, das Heim tut ihr gut, auch wenn es immer wieder Kritikpunkte und Ärgernisse gibt. 

Einsicht
Mittlerweile hat meine Mutter selbst erkannt, dass sie ohne Hilfe kaum noch etwas machen kann, und im Heim grundsätzlich gut aufgehoben ist. Als wir gestern das "Einjährige" in der Cafeteria moderat feierten, trafen wir die Dame, die ganz zu Beginn der Pflegeheimzeit das Zimmer mit meiner Mutter geteilt hatte. Margot war nach der Kurzzeitpflege wieder nach Hause zurückgekehrt, doch das hatte auf Dauer nicht mehr funktioniert. Sie wohnt jetzt auf einer anderen Station, und die beiden freuen sich immer, wenn sie sich sehen. Wenn wir uns in der Cafeteria treffen, sitzen wir zu viert an einem Tisch - Mütter mit ihren Töchtern, die auf dem Weg zum Aufzug eine Rollstuhl-Polonaise veranstalten. 👵🦽👩 👵🦽👩

Weiterentwicklung(en)
Je nachdem, wie sich die Zimmerbelegung im Wohnbereich verändert, besteht die Möglichkeit, dass meine Mutter und Margot wieder zusammenziehen. Damit könnten wir das aktuelle Kapitel mit dem kalten Krieg im Doppelzimmer schließen. Aktuell gibt es Rangeleien um die TV-Fernbedienung, die mir signalisieren, dass meine Mutter ihr altes Hobby von Zuhause wieder aufgenommen hat: Markus Söder war gestern seit langem mal wieder ein Gesprächsthema. Wann kommt der endlich zu Besuch? Und abends wollte sie unbedingt die Live-Übertragung des FC Bayern Spiels sehen, auch wenn ihre Mitbewohnerin daran überhaupt kein Interesse, und ihr neulich nach einer Handballübertragung die Fernbedienung weggenommen hatte. 😡 
Der FCB hat in Köln gewonnen: "Dieses Team ist das bisher Beste in der Geschichte der Fußball-Bundesliga zur Saison-Halbzeit: Der FC Bayern hat mit einem Sieg in Köln den eigenen Rekord geknackt." (Sportschau) Wie der Kampf um die Fernbedienung gestern ausgegangen ist, erfahre ich beim nächsten Heimbesuch. Ich hatte den Bodyguard vor Ort, der bis 21 Uhr Dienst hatte, vorsorglich informiert, dass es auf dem Zimmer möglicherweise zu einem Gefecht kommen könnte, und er hatte versprochen, sich darum zu kümmern. 😘

Es werde Licht
Seit gestern befindet sich die heißgeliebte (tonnenschwere) Tiffany-Lampe auf dem Nachttisch meiner Mutter, und die heimelige Beleuchtung am Bett ist fast wie früher zuhause. An- und ausschalten kann sie dieses Licht selbst. Nur für die Handy-Ladestation brauchen wir künftig einen Mehrfachstecker, abgesegnet vom Heim-Elektriker. Für einen Tag, der so ruckelig begonnen hatte, war dessen weiterer Verlauf und Ausklang sensationell erfreulich. 😊

Siehe auch: Bergpredigt, LampenlichtNachtruheSchemenhaft, Zwischenruf, Gut sitzen könnenGemeinsamer Lebensraum, Tädäääh!13.11.2025 16:55:07.654#Muttergeschichten, Unkraut vergeht nicht?, Goldig

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