Montag, 25. April 2022

Was bist du denn für eine*r?

#Überlebenkünstler  #Unkraut?  #Bankbewohner
#Knoblauchsrauke  #Küchenkräuter
#Botanik

Kennen Sie sich mit Pflanzen aus? Heute früh ist mir dieser vorwitzige Überlebenskünstler ins Auge gesprungen, und ich nutze diese Fotomotive bekanntlich gerne, um mein botanisches Wissen häppchenweise zu erweitern. Sie glauben gar nicht, wie viele Kräuter es "am Wegesrand" gibt, die man tatsächlich essen kann. Klar, beim Ernten kommt es auf den Standort an. 😅

Dieses weiß blühende vermeintliche Unkraut, kenne ich schon genauso lange wie die unlängst vorgestellten Schmetterlingsblumen. Viele Pflanzen sieht man im Vorbeigehen, aber das war's dann auch. Erst heute habe ich gelernt, dass es sich beim oben gezeigten Wildwuchs um eine Knoblauchsrauke handelt, die schon vor fünftausend (!) Jahren als Gewürzpflanze genutzt wurde. 

Wiesenkräuter sind wieder "in"
Meinen geliebten Bärlauch gibt es mittlerweile auch im Discounter zu kaufen, hygienisch in Plastik verpackt. Schön, dass auch der wilde Bärlauch direkt vor unserer Haustür wuchert, genau wie die Knoblauchsrauke. Löwenzahn, Brennesseln, Wiesenklee - das sind verkannte Heldinnen und Helden. Mit dem Begriff Unkraut wurden sie zu Feinden herabgewürdigt, die man doch bitteschön vom uniformen englischen Rasen fernzuhalten hat, am besten mit Pestiziden aus dem Giftschrank. Wenn Sie keine Wiesenkräuter im Salat oder als Pesto mögen: Diese Pflanzen sind vor allem Bienenfutter. Diese kleinen Viecher wiederum sind mindestens so wichtig wie das Sonnenblumenöl, nach dem wir im Supermarkt gerade vergeblich Ausschau halten. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Natur ist alles miteinander vernetzt. Wir merken das erst, wenn irgendwo in der Lieferkette eine Lücke entsteht, und danach ein Dominoeffekt, der uns richtig wehtut.

Alles kein Zufall
Gestern bin ich auf dem Weg zum Fitnessstudio an einem dieser offenen Bücherschränke vorbeigelaufen. Da schaue ich gerne rein, und siehe da, was finde ich: Ein nagelneues Buch mit dem wunderschönen Titel "Medical Food: Warum Obst und Gemüse als Heilmittel potenter sind als jedes Medikament." Ja klar, Obst und Gemüse sind lecker, und es ist eine Binsenweisheit, dass sie auch gesund sind. Erst mal habe ich mich über den Titel aufgeregt. Medical Food. Kann man das nicht übersetzen? Nein. "Medizinisches Essen" klingt auf Deutsch einfach scheiße, damit verkauft man keine Bücher. Andere griffige Titel in dieser Buchsparte sind natürlich längst vergeben. Essen Sie sich gesund, oder so.

Titel hin, Titel her: Es waren tolle Fotos und Rezepte in diesem hochwertigen Buch, also habe ich es kurzerhand mitgenommen. Sie kennen das wahrscheinlich auch? Wie viele Gerichte aus eventuell vorhandenen Kochbüchern haben Sie selbst gekocht? 😅 Bei Bedarf suche ich Rezepte im Internetz, und die besten davon nehme ich in mein persönliches Kochbuch auf. Das ist überhaupt nicht instagrammable, aber das geht mir am Arsch vorbei.
Ich bin ein großer Fan der Ernährungs-Docs, auch wenn ich sie (noch) nicht brauche. Für meine Mutter mit ihren typischen Alterskrankheiten sind die Rezepte dieser ausgebildeten Mediziner*innen sehr hilfreich, sofern sie halbwegs zu den unüberwindlichen Ernährungsgewohnheiten einer 84jährigen passen. Streichwurst und Vanillepudding...
Da sind Kompromisse an der Tagesordnung, das ist okay und mit der Ärztin abgesprochen. Aber vielleicht hat so ein "Medical Food" Buch doch noch irgendwelche Geheimtipps auf Lager, die ich noch nicht kenne?

Wenn der Zeitgeist mitkocht
Ein bisschen gewundert habe ich mich schon, dass ein sogenannter "Esoterik-Verlag" mit Kochbüchern daherkommt. Zuhause habe ich das Buch durchgeblättert, und verstanden, warum es quasi neuwertig wieder abgegeben wurde, obwohl es 91% der Google-Nutzer*innen gefällt. Wow! Der oder die Buchspender*in gehört dann wohl zu den anderen 9%.

Der Inhalt ist sogar mir ein bisschen zu ... hm, sagen wir es freundlich: sehr weit hergeholt. Der Autor "hat mit seinen medialen medizinischen Fähigkeiten Tausenden Menschen geholfen ihre fehl-diagnostizierten oder falsch behandelten Krankheiten zu heilen", heißt es im Klappentext. Es mag sein, dass jemand mediale Fähigkeiten hat. Ich spreche auch mit meinen Zimmerpflanzen, und die antworten gelegentlich über die Lautsprecherbox meines Computers. Aber das ist eine andere Geschichte. 😎

Eine Ernährungsumstellung von Junk Food auf naturbelassene Nahrung hat generell positive Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden. Wenn der Glaube  - also das Vertrauen - in die Wirksamkeit der hier vorgestellten medialen Methode obendrauf kommt, stellt sich bei der Zielgruppe auch noch der Placebo-Effekt ein. Hauptsache, die Leute sind am Ende wirklich gesünder als vorher. Wenn man die Rezensionen liest, stellt sich heraus, dass viele begeisterte Leser*innen vorher oft falsch beraten oder behandelt wurden, und/oder nicht gewagt haben, selbst auszuprobieren, was ihnen hilft. Erst blindes Vertrauen in die Medizin, dann in die Geistheilung? Das sind zwei Extreme. Auf meine Schilddrüsenpillen würde ich nicht verzichten, aber wenn ich mit Ernährung etwas am Krankheitsbild verbessern kann, probiere ich es gerne aus.

Heilige Nahrung
Das Arbeiten mit Symboliken ist mir nicht fremd, da ist ja auch was dran. Der Psychologe C. G. Jung hat in diesem Bereich Pionierarbeit geleistet. Gläubige Menschen wiederum sprechen vor dem Essen ein Tischgebet und danken dem lieben Gott für die Speise. Kann man machen. Aber Avocados als Mutterfrüchte, Kirschen als Trostspender... ja wer das so sehen mag. Ich halte also die Avocado lange in meiner Hand, bevor ich sie aufschlitze, damit sie wirklich mir ihre volle Heilkraft schenkt? Uh. Die Wissenschaftlerin in mir spekuliert: Das leichte Anwärmen der Schale durch längeres Halten in der Hand setzt unter der Avocadoschale physikalisch-chemische Prozesse in Gang, die beim Verzehr für ein besseres Aroma und beim Schälen für mehr Komfort sorgen? Ja, ich rationalisiere wieder, weil mir mitunter der rechte Glaube fehlt. Leider ist der Avocado-Hype auch nicht ohne Nebenwirkungen in anderen Lebensbereichen, also werde ich nicht dreimal am Tag Mutterfrüchte futtern.

Obst ist gesund!
Die Engländer wissen schon lange: An apple a day keeps the doctor away - also: Ein Apfel am Tag und Sie müssen nicht zum Arzt. Schön wär's. Was in diesem medial gechannelten Buch mitunter als Tagesration für eine Obstsorte angegeben wird, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Die Dosis macht das Gift, auch beim Grünfutter. Wer sich zuviel davon einwirft, kriegt Durchfall. Vorsicht mit den Smoothies, das sind Kalorienbomben, und nicht jede*r verträgt so viel Fruchtzucker.

Auch wenn Expert*innen Bücher schreiben, muss das, was in so einem Buch steht, nicht auf Sie zutreffen. Hüten Sie sich also vor dem "blinden Vertrauen" in was auch immer. Viele Menschen mögen anscheinend auch die diffusen Denkanstöße zu jeder Obst- und Gemüsesorte in Medical Food. Für hartgesottene Alternativliteraturleserinnen wie mich sind diese Textpassagen so seicht wie Pfützen in der Sahara. Da nehme ich doch lieber einen klassischen Kalenderspruch.

Selbstversuch
Für einen interessanten Tipp war das Buch am Ende doch noch gut. Wussten Sie, dass man sich aus Himbeerblättern einen Tee brauen kann? Eigentlich logisch, mit Brennesseln und Pfefferminze machen wir das auch. Ja, ich sehe schon vor meinem inneren Auge, wie Sie das Gesicht verziehen. 😬 Ich werde ausprobieren, ob diese Himbeerblätter bei meiner Schilddrüsenunterfunktion tatsächlich eine spürbare Wirkung entfalten. Wenn das auch mit Himbeermarmelade funktioniert, wäre es mir natürlich lieber. Und ja, der Cappuccino mit Sahne schmeckt mir auch besser. 😁 

Die Knoblauchsrauke werde ich ebenfalls verkosten. Wenn ich mit dem Grünzeug eigene Erfahrungen gesammelt und den Feldversuch überlebt habe, schreibe  ich ein "Unkräuterbuch für Ungläubige". Schöne Fotos hätte ich schon. Aber nein, es gibt schon Literatur zu diesem Thema, zum Beispiel: Geh raus! Deine Stadt ist essbar. Echt jetzt? Der alten Hexe aus Hänsel und Gretel gefällt das. Ich geh dann mal knuspern.  

Siehe auch: Schmetterlingsblumen, Bloß keine Diät

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