Dienstag, 21. Juni 2022

Der längste Tag

Norwegen, Nordkap, Sommer 1982

 

Heute ist es wieder soweit, die Sommersonnenwende steht an. Es ist dieser vielzitierte "längste Tag des Jahres". Nördlich des Polarkreises geht die Sonne nicht unter, sie verharrt knapp über dem oder am Horizont, und geht danach gleich wieder auf. Diese extrem langen und hellen Tage im Norden und die Mitternachtssonne habe ich schon in meiner Jugend erleben dürfen. Deshalb sehen Sie zur Feier des Tages ein vierzig Jahre altes Foto, das ich analog auf Farbfilm fotografiert, und im Zuge meines Digitalisierungsprojekts entfusselt, und farblich auf den neuesten Stand gebracht hatte. 

Viel Licht und viele Sonnenstunden wirken belebend und aktivierend,  man wird nicht so schnell oder gar nicht müde. Wenn man das im Urlaub erlebt, kann hinterher eine Art Licht-Jetlag entstehen. Zurück zuhause mit "kürzeren Tagen" fühlt man sich, als wäre man in einem finsteren Kerker gelandet. Mitternachtssonnentage haben hohes Suchtpotenzial. 

Wortklauberei
Genau genommen hat jeder Tag 24 Stunden, das können wir wissenschaftlich überprüfen, indem wir auf die Uhr schauen. Folglich gibt es weder einen "längsten" noch einen "kürzesten" Tag im Jahr. Trotzdem sprechen wir von langen und kurzen Tagen, und meinen damit die Anzahl der Stunden, an denen die Sonne über dem (für uns jeweils sichtbaren) Horizont steht. Am Äquator interessiert das keine Sau, denn da verändert sich die Tageslichtdauer über das Jahr hinweg nicht so dramatisch wie in den nördlichen und südlichen Breiten.
Weil sich die Einstrahlung der Sonne relativ zur Erde an jedem Ort etwas anders darstellt, sind in verschiedenen Regionen der Welt ganz unterschiedliche Rituale und Feiertage entstanden. In unserem europäischen Kulturkreis, und insbesondere im Norden, wurden die Tage, an denen sich die Sonne an einem der Wendepunkte befindet, besonders gefeiert. Vor allem in Skandinavien zählt die Mittsommernacht zu den wichtigsten Feiertagen.

Sommeranfang
Die Astronomen definieren den Sommeranfang anhand des Sonnenstands. Deshalb kann die Sommersonnenwende auch auf den 20. oder 22. Juni fallen. Meteorologen rechnen etwas anders, für sie beginnt der Sommer jedes Jahr schon am 1. Juni und endet am 31. August, womit die Monate Juni, Juli und August bei uns als Sommermonate gelten. Die Intensität der Sonneneinstrahlung ist jetzt am höchsten, und nimmt danach bis zum 21. Dezember (Wintersonnenwende) genauso kontinuierlich ab wie die "Tageslänge". Das sollten wir also einen Moment lang bewusst genießen, bevor der fiese dunkle Winter zurückkehrt.

Spirituelle Bedeutung
Im südenglischen Stonehenge haben sich heute wieder tausende von Menschen versammelt, um den Sonnenaufgang über dem 4.000 Jahre alten Bauwerk zu beobachten. (Euronews) Zu den Ritualen, die an oder um die Sommersonnenwende herum abgehalten werden, ist das Sonnwendfeuer hierzulande das häufigste und bekannteste. Dabei kann das Feuer als Schutzritual für eine erfolgreiche Ernte und als eine Art Abwehrzauber gegen schlechte Witterungseinflüsse gesehen werden, oder man schreibt Wünsche auf einen Zettel und wirft sie in die Flammen. Es soll auch Glück bringen, um so ein Feuer zu tanzen. Das erinnert stark an heidnische Bräuche, auch wenn sie in Form des christlichen Johannistags (24. Juni) begangen werden.

Feuerzauber
"Auf den Zetteln stehen nicht nur die Träume, sondern auch diejenigen Dinge, die verhindern, dass man die Träume verwirklicht. Sobald die kleinen Zettel verbrennen, schaut man in die Flammen und spricht laut aus, was man in seinem Leben neu entfachen möchte." (Quelle: Nordbayern)
Probieren Sie es aus. 😊

Andere Rituale wie "Sonnenbaden" oder eine "Lichtmeditation am frühen Morgen" die uns mit Energie aufladen sollen, kann man eigentlich an jedem Tag des Jahres durchführen. Das ist tröstlich, vor allem wenn am Sonnwendtag eine Kaltfront mit dicken Wolken durchzieht. 

Die bei Fotografen so beliebte "Blaue Stunde" ist jetzt im Juni  auch besonders lang. Bei bedecktem Himmel wird es zwar etwas früher dunkel oder etwas später hell, aber die sanft changierenden Blautöne des Himmels sind trotzdem betrachtenswert. Setzen Sie sich ans Fenster, auf den Balkon, in den Garten oder wo immer Sie es schön finden, und schauen Sie einfach still zu. Da brauchen Sie kein Netflix. 😎

Siehe auch: Sonne über Äquator, Wintersonnenwende, Equinox, Die Rückkehr der alten Götter

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