Dienstag, 28. Juni 2022

Fortbewegung

"Achtung, Achtung, Achtung!", rief ich hektisch, als ich Schritte hinter meinem Rücken hörte.
"Sie treten gleich auf einen toten Maulwurf!" 

Ich hatte mich gerade über meinen Leichenfund gebeugt, um ihn genauer zu inspizieren, und wunderte mich, dass die lauten Schritte hinter mir so rasch näherkamen. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass eine Frau in Sportkleidung rückwärts auf mich zu lief. Mir ist bekannt, dass man solche Übungen manchmal aus sportlichen Gründen macht, darum wunderte mich diese Art der Fortbewegung nicht so sehr. Es war nur etwas ungünstig, dass der Maulwurf und ich beim Rückwärtsgehen nicht in ihrem Sichtfeld waren. Wenn ich nichts gesagt hätte, hätte die Freizeitsportlerin eine unfreiwillige Rolle rückwärts über mich gemacht, oder sie wäre auf dem bereits aufgeblasenen toten Maulwurf ausgerutscht. Beide Varianten hielt ich nicht für besonders glücklich, also war ein deutlicher Warnruf das Gebot der Sekunde. Niemand braucht blaue Flecken, Knochenbrüche oder Sehnenverletzungen beim Freizeitsport.

Die Frau stoppte, drehte sich erschrocken um, und warf ebenfalls einen Blick auf den völlig durchnässten Maulwurf, der rücklings auf dem Asphalt lag, und alle Viere von sich gestreckt hatte. Die Krähen, die sonst sehr schnell bei der Sache sind, hatten heute noch nicht abgeräumt. Außer im Internet oder im TV gibt es wenig Gelegenheiten, sich einen Maulwurf genauer anzuschauen. Lebendig wäre er mir deutlich lieber gewesen, denn diese Tiere sind niedlich. Hatte ihn der Blitz erschlagen, war er im nächtlichen Starkregen ertrunken, oder wurde er verbotenerweise vergiftet? Jedenfalls lag der kleine Kerl auf dem ansonsten freien, und normalerweise auch für Rückwärtsläufer*innen sicheren Weg.
Es kommt nicht alle Tage vor, dass jemand vor einem toten Maulwurf kniet. Damit kann man nicht rechnen, wenn man rückwärts läuft. Beim Naturkundeunterricht am Wegesrand rechnet man aber auch nicht damit, dass jemand rückwärts angelaufen kommt. Viel eher ist damit zu rechnen, dass man von einem im Gehen whatsappenden Menschen übersehen, angerempelt oder umgerannt wird. Für solche Zeitgenossen wäre ein toter Maulwurf unter der Schuhsohle wiederum ein Aha-Erlebnis der besonderen Art.

Nach nächtlichen Regengüssen sind um diese Jahreszeit sehr viele Schnecken unterwegs, meistens die glitschigen braunen, oder Regenwürmer, denen es auf der Wiese nebenan zu nass geworden ist. Auch die müssen auf den gefährlichen Gehweg, um nicht zu ertrinken. An so einem Tag rückwärts laufen oder im Gehen aufs Smartphone schauen... wäre jetzt nicht meine erste Wahl. Prompt kreuzte etwas später eine dieser Weinbergschnecken meinen Weg: lebendig! Als ich mich mit meiner großen Monsterkamera mit Schwenkdisplay am Wegesrand positionierte, um ein Action-Foto aus "Froschperspektive" aufzunehmen, hörte ich schon wieder Schritte von hinten. Diesmal waren sie vom typischen Klack-klack-klack begleitet: Ah, Nordic Walking. Ich war erleichtert, drehte mich aber sicherheitshalber um. Nicht dass es einen neuen Trend gibt, wie  "Rückwärts Nordic Walking", von dem ich noch nichts weiß. Auch herannahende Fahrräder sind gefährlich, wenn man am Boden kniet. Man muss seine Augen wirklich überall haben. Nicht nur beim Fotografieren. 😅 

Siehe auch: Der Weg der Schnecke, Wohin des Wegs?, Tapirus bavaricus montaniensis, Zurück zur Natur, Die miese Ratte ist tot

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2 Kommentare:

transaktor hat gesagt…

Wunderschöne Geschichte!

betrachtenswert hat gesagt…

Herzlichen Dank! :-)