Mittwoch, 15. Juni 2022

Es war die Flügelnuss und nicht die Esche

 #Baumfreunde  #Wurzelsepp

"Es war die Nachtigall und nicht die Lerche", heißt es in Shakespeare's berühmter Tragödie Romeo und Julia. Daraus wurde ein geflügeltes Wort, das man benutzt, wenn man sich bei einer Sache geirrt hat. So ist es auch mir ergangen, als ich die Bäume am Spielplatz wegen ihrer gefiederten Blätter für Eschen hielt. Dieser Irrtum hielt lange an, bis ich neulich wieder unter den vermeintlichen Eschen stand, und die herunterhängenden Fäden mit ihren winzigen baumelnden Fruchtkörpern bestaunte. Es hatte stark geregnet, die Äste mit ihrem nassen Blattwerk waren schwer, und hingen tiefer als sonst. Es war zu sehen und zu spüren, wie das ganze Ensemble diese doppelte Last trug, und gleichzeitig eine enorme, ruhige Kraft ausstrahlte. Als ich mir die prall gefüllten wachsartigen Fruchtkörper genauer anschaute, kam ich mir vor wie im Film Avatar. Die merkwürdigen Fäden lenkten meinen Blick automatisch nach oben in Richtung Baumkrone, wie in einer Kathedrale. Wow! ... und: Nanu?

Genauer hinschauen...
Bei uns im Stadtviertel stehen viele Eschen herum, und ich dachte, ich würde diese Baumart gut kennen. Diese Bäume fallen mir im Frühjahr auf, weil sie erst sehr spät austreiben. Im Herbst und Winter sehen sie besonders unhübsch aus. Dieses ästhetische Werturteil ist eine Fotografenkrankheit, an der ich bisweilen noch leide, zum Beispiel wenn ich nach Silhouetten suche, die sich vor einem farbigen Sonnenuntergang schön abheben.
Die Zweige von Eschen sind nicht besonders filigran, und im kahlen Geäst hängen meistens fette, klobige Bündel herum - die Fruchtstände bzw. Samen dieser Baumart. Das sieht im Foto nicht gut aus, und völlig anders, als die filigranen Fäden mit ihrem grünen Gebömsel hier. Außerdem sind die Bäume am Spielplatz die einzigen, die momentan so aussehen. Alle anderen Eschen nicht. Ah, da stimmt was nicht. Es können also keine Eschen sein, aber was dann?

(Un)Wissen aktualisieren
Es hat einen guten Teil meiner wertvollen Zeit gekostet, dieses Rätsel zu lösen, aber wenn mein Forschergeist geweckt ist, kenne ich keine Gnade. Wenn ich mir die Rinde der Eschen und die Blattform vorher schon genauer angeschaut hätte, hätte mir viel früher auffallen müssen, dass die Bömselbäume etwas anderes sind. Es sind Flügelnüsse, die zu den Walnussgewächsen zählen. Ob es sich hier nun um eine japanische, chinesische oder kaukasische Flügelnuss handelt, hätte noch etwas mehr Recherche erfordert. Am erstaunlichsten fand ich jedoch, dass eine so exotische Baumgruppe offenbar schon vor langer Zeit an einer eher unspektakulären Stelle gepflanzt wurde. Die Gärtner:innen müssen sich etwas dabei gedacht haben.

Wunderbaum?!
Die Flügelnuss kann so ziemlich alles ab: Sie verträgt pralle Sonne und Schatten gleichermaßen, und sie hält Trockenperioden und Überschwemmungen aus. Das klingt nach einer guten Strategie für den Klimawandel. Darüber hinaus ist sie auch noch "windfest", verträgt Stadtklima, ist pflegeleicht und nicht besonders anfällig gegen Schädlinge. Diese Exemplare stehen direkt am Bach, und über einem U-Bahntunnel, den man vor gut 25 Jahren untendurch gebuddelt hat. Also wirklich - Respekt! Auch wenn die Esche in der nordischen Mythologie als "Weltenbaum" gilt, würde ich jetzt eine Lanze für die Flügelnuss brechen. 

So ganz nebenbei hat mir dieser Aha-Effekt bei der Baumbetrachtung in mehrfacher Hinsicht gut getan: 

  • Ich habe etwas dazugelernt: genauer hinschauen lohnt sich immer wieder
  • mein botanisches Wissen hat sich erweitert und 
  • Gehirnjogging hält die grauen Zellen fit.

In den weiterführenden Links finden Sie dazu einen Artikel von Bild der Wissenschaft: Wie das Gehirn aus Überraschungen lernt.

Siehe auch: Weather with you?, Auf den Kopf gestellt, Man lernt nie aus, Holzauge, Aha-Moment, #Bäume

Weiterführende Links

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