Donnerstag, 16. Dezember 2021

Dornröschen

Mitten im Dezember noch eine blühende Rose? Ich weiß nicht, ob das ungewöhnlich ist. Das Fotomotiv weckte bei mir Assoziationen an das Märchen vom Dornröschen. Dabei fiel mir auf, dass ich die Details dieser Geschichte weitgehend vergessen hatte. Geblieben ist: Eine Prinzessin fällt wegen eines Fluchs in einen tiefen Schlaf. Nach hundert Jahren schafft es ein Prinz, die Dornenhecke, die das verwunschene Schloß umgibt, zu überwinden. Er küsst die Schlafende wach, dann wird geheiratet, und ... sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

Als Kind habe ich Märchen geliebt, sie waren gruselig und spannend, und sie gingen meistens gut aus, jedenfalls die von den Gebrüdern Grimm. Wenn ich die Geschichten heute lese, merke ich, wie lückenhaft mein Gedächtnis ist. Bei Aschenputtel wusste ich wenigstens noch, dass vor dem Happy End irgendetwas mit einer bösen Stiefmutter und bösen Stiefschwestern im Gange gewesen war. Schneewittchen war die mit dem vergifteten Apfel. In den meisten Märchen braucht man als erstes irgendwelche Bösewichte, die den oder die (stets gute) Held:in in eine unangenehme Situation bringen, aus der sie anschließend befreit und erlöst werden müssen. Das nennt man auch die "klassische Heldenreise", ein typisches Erzählmuster, das gut funktioniert. Es ist ganz oft banal und ohne spannende Wendungen. Da lobe ich mir TV-Serien wie Breaking Bad, mit etwas differenzierteren Charakteren und unerwarteten Handlungsverläufen, sogenannten "Spins".

Aber zurück zu Dornröschen. Warum war sie eingeschlafen? Kurz gesagt: da war jemand sauer. Aber warum? 

Ich musste bei Wikipedia nachschauen: Eine beleidigte Leberwurst im Körper einer Fee, die man bei den Feierlichkeiten zur Geburt der Prinzessin  übergangen hatte, wollte sich an der Familie rächen. Deshalb belegte sie das langersehnte Kind mit einem Todesfluch: Stich durch eine Spindel im fünfzehnten Jahr.  Eine von den guten Feen konnte diesen Fluch gerade noch in einen hundertjährigen Schlaf umwandeln. Obwohl der König alle Spindeln in seinem Reich verbrennen ließ, konnte er nicht verhindern, dass seine Tochter genau im fünfzehnten Lebensjahr eine nette alte Dame traf, die doch noch eine Spindel hatte. Ausgerechnet im eigenen Schlossturm! Und schwupps - die Prinzessin greift nach der Spindel, sticht sich und fällt in den hundertjährigen Schlaf. Dumm gelaufen, denn das gesamte Schloss nebst Personal und allerlei Getier schläft ebenfalls ein. Sogar die Fliegen an der Wand. Das stand so nicht im Vertrag, aber mei, das ungesagte Kleingedruckte...

Wenn der Papa in seinem eigenen Laden ordentlich aufgeräumt und die Spindel im Turm rechtzeitig entsorgt hätte, dann wäre das alles nicht passiert. Dornröschen und die gesamte Schlossbesatzung schlafen erst mal, und sie werden dabei wundersamerweise nicht älter. Na gut, in Märchen ist das so, die Zeit im Schloss ist stehen geblieben. Die Dornenhecke rund ums Schloß wuchert derweil wie Unkraut. Roundup von Monsanto war noch nicht erfunden, also ist nach ein paar Jahren alles zugewuchert. Es gibt zwar ein paar junge Männer, die die Hecke überwinden wollen, aber sie "sterben alle jämmerlich". Es ist ja noch nicht Zeit zum Aufwachen, und es hängt nirgends ein Schild: "Kommen Sie im Jahr xxx wieder, dann ist der Spuk vorbei." Als Dornröschen sich versehentlich piekste, ging einfach alles viel zu schnell, als dass man irgendwelche Vorbereitungen hätte treffen können.

Nach hundert Jahren kommt wieder ein Prinz vorbei, der ist also zur rechten Zeit am rechten Ort. Was wäre passiert, wenn keiner mehr gekommen wäre? Abschaffung der Monarchie oder so? Wäre die junge Dame trotzdem aufgewacht, hätten sich die Schloßbewohner von innen durch die Dornenhecke kämpfen können? Überhaupt: Wie ist das so, wenn man nach hundert Jahren aufwacht? Auch darüber gibt das Märchen keine Auskunft.

Vielleicht ist beim Aufwachtermin gerade eine Pandemie, Prinzen sind im Lockdown, die Prinzessin nicht geimpft - Kontaktverbot, und schon gar nicht küssen! Dornröschen schläft gleich nochmal hundert Jahre weiter, wenn sie schon wieder mit einer Nadel gestochen wird. Wenn sie dann im Alter von 215 Jahren, immer noch jung und knackig, zum zweiten Mal aufwacht, muss sich der Prinz (m/w/*) nicht mehr mühsam durch eine Dornenhecke kämpfen. Die Anreise erfolgt GPS-gesteuert mit dem solargetriebenen Flugtaxi in Memoriam Andi Scheuer. Dazu ist ein Vorrat an ökologisch nachhaltigem Entlaubungsmittel im Gepäck, wahlweise auch ein Laserschwert von Darth Vader. Schon ist der Weg in den Turm frei. Danach haben die Langschläfer erst mal ordentlich Nachholbedarf, weil sie erst lernen müssen, was sie während der industriellen und der digitalen Revolution verpasst haben. Immerhin zwei Weltkriege, das ist auch nicht schlecht. Englisch müssten sie jetzt lernen, damit sie beim Shoppen wissen, was ein Hand and Body Wash ist.

Wenn wir Märchen regelmäßig aktualisieren - das wird sprachlich schon praktiziert - müssen wir sie dabei nicht auch ganz generell dem aktuellen Stand der Dinge anpassen? Schon die Gebrüder Grimm haben ihre Märchen bei neuen Buchauflagen überarbeitet, und sie waren nicht zimperlich, wenn es um Änderungen oder Weglassungen von Details ging, die sie aus den mündlichen Überlieferungen erhalten hatten: Märchen basieren auf Hörensagen und werden zielgruppengerecht zurechtmodifiziert. Darum heißen sie auch Märchen.

So wird bei Dornröschen aus einem Krebs, der eine Prophezeiung macht, in der zweiten Buchauflage ein Frosch, weil der geläufiger war. In der französischen Originalversion der Geschichte treten sieben Feen auf, bei den Grimm's sind es zwölf. Noch viel krasser wird es, wenn im französischen Original die Mutter des Prinzen ins Spiel kommt. Diese böse Schwiegermutter will Dornröschen und ihre beiden Kinder schlachten und essen, während der Prinz im Krieg ist. Dieser böse Plan geht nicht auf, die Alte "richtet sich selbst". Das haben die Grimm's weggelassen, zu blutrünstig. So weit ich weiß galten ihre Märchen anfangs generell als viel zu brutal und furchteinflößend, insbesondere für Kinder. Manche Eltern würden das heute immer noch bestätigen, können aber auch nicht verhindern, dass ihre Kinder im Internet oder auf den Spielekonsolen mit weitaus heftigeren Inhalten konfrontiert sind.

Es gibt jede Menge psychologische Interpretationen zu Dornröschen und anderen Märchen. Je nach psychologischer Schule und Interpretierenden geht es um unterdrückte Triebregungen, Neurosen, Depressionen, die Ausbildung weiblicher Identität, oder um die Theorie, dass das Böse entsteht, wenn es aus dem Bewusstsein ausgeschlossen wird. Für jede Auslegung gibt es gute Argumente, aber:

Hat schon mal jemand die Frage untersucht, wieso es keinen stört, dass eine angeblich weise Frau einen Todesfluch ausspricht, nur weil nicht genug Teller (D) oder Besteck (F) im königlichen Schloss vorhanden waren, um sie mit einzuladen? Ja wirklich:

"Er ladete nicht bloss seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben." Diese eine platzt dann mitten in die Feier, ruft: ""Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen", und haut wieder ab. Was für eine Zicke!

  1. Erklären Sie mir die Definition von Weisheit, die Kindern hier in so schauerlicher Weise vorgeführt wird. 
  2. Hätte man sich nicht einen goldenen Teller ausleihen können, damit Frau Dreizehn bei der Feier auch dabei ist? So unorganisiert kann man doch gar nicht sein, würde aber zur übersehenen Spindel im eigenen Haus passen. Oder war Papa König nicht kreditwürdig? Die Fee sollte von diesem Teller doch nur essen, es war nie die Rede davon, dass sie ihn anschließend mitnehmen darf.
  3. Oder liegt es wieder einmal daran, dass die Dreizehn eine Unglückszahl sein soll? Flüche und Segenssprüche sind wirksam, auch dagegen ist kein Kraut gewachsen. Müssen wir daraus folgern: Wer Märchen liest, hört oder sieht, wird automatisch abergläubisch? Der Verdacht liegt nahe.

Nein, ich bin keinesfalls dafür, Grimm's Märchen zu verbieten. Sie sind sowieso schon Teil unseres kollektiven Unbewussten, und Teil der Popkultur. Aber wir können sie mit einem Augenzwinkern lesen oder vortragen. Bei Wikipedia wird kurz angerissen, wie viele Parodien es zu Dornröschen schon gab. "Wolfram Siebecks Prinz schneidet sich den Weg mit der Motorsäge frei, wovon alle aufwachen. Er trägt Armbanduhr und Sonnenbrille, Dornröschen verblasst neben Illustriertenstars, und die Ehe wird bald geschieden." Das ist typisch für die 1980er. 

Heute wäre Dornröschen Influencerin bei Instagram, und ich bin sicher: ihre Hochglanz-Hochzeitsfotos vor der gedeckten Tafel mit den Goldtellern und einem dornenumrankten Schloß im Hintergund wären der absolute Hit. Hoffentlich ist unter den Follower:innen keine neidische Reinkarnation jener weisen Fee: Die quiekt wie Heidi Klum, ist mit einer Spritze bewaffnet, und jagt auf Stöckelschuhen hinter Dornröschen her. Dann geht die ganze Story wieder von vorne los. Märchen sind doch irgendwie zeitlos. 😅😂

Siehe auch: Himmelsschlüssel?, Frau Holle ist verreist, Hansestadt Rostock?, Dorntülpchen, Auf Abwegen, Des Kaisers neue Kleider, Mondfest

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