Dienstag, 28. Juli 2026

Ablenkungsfütterung

27 mm | 1/190 s | f2,2 | ISO 50 | Smartphone

 #Wespe  #Foodporn
#Muttergeschichten  #Pflegeheim
#Sommer2026 

Es ist wieder Wespenzeit, und die Schwarzgelbgestreiften sorgen beim Kaffeeklatsch im Cafeteria-Garten für Unruhe. Cool bleiben!, rät (nicht nur) der NABU, und meine Mutter kann das mittlerweile ziemlich gut. Sie hält still, und lässt mich den Rest erledigen. 😅

Die Gläser mit den verlockenden Getränken werden sorgsam abgedeckt, es kommen ein paar Tropfen oder ein Glas mit Restlimonade ans andere Ende des Tischs, und so kann man friedlich koexistieren. Während zwei große Wespen heftig um die von mir ausgelegten kleinen Zuckerpfützen stritten, war das dritte und kleinste Exemplar schlauer: Es machte sich in aller Ruhe über die verbliebene Zuckerkruste in meiner leeren Capuccinotasse her. 

In meiner Funktion als Wespenwächterin war ich beim letzten Gespräch mit meiner Mutter nicht so aufmerksam wie sonst, weil ich die Insekten im Blick behalten und mehrmals Zuckertropfen nachliefern musste. Es ist unfassbar, welche Mengen an Flüssigkeit diese Viecher im Lauf einer Stunde - im Verhältnis zu ihrer Körpergröße - in sich hineinsaugen können. Dass die mit so einer Ladung hinterher noch fliegen können, ist bemerkenswert. 😂

Meine Mutter hat - im Verhältnis zu ihrer Körpergröße - definitiv weniger getrunken. 😏 An der explizit bestellten und für die Mutter mitgebrachten Lieblingsspeise Krautsalat hatten die Wespen erfreulicherweise kein Interesse.

Beschwerden über das Essen im Pflegeheim gibt es beim Mutterbesuch immer wieder. Zuletzt gab es wohl eine Wurst, die "so hart war, dass man sie weder ohne Hilfe schneiden noch kauen konnte. Was hat sich der Koch dabei gedacht?". Dann ist das Essen wieder zu labbrig und "ohne Biss", grundsätzlich zu fad gewürzt, und "es gibt immer das gleiche". 😤

Nun ja. 😟 Ich weiß schon, dass sich der Menüplan besser liest, als das Essen, das auf den Tischen der Bewohner ankommt, aussieht und schmeckt. Aber ist es wirklich SO schlecht? Weil meine Mutter die Zettel für ihre Wochenbestellungen nur manchmal an meinen Besuchstagen erhält, und meistens mit einer Pflegekraft ausfüllt, habe ich in letzter Zeit nicht mehr so genau auf den Speiseplan geachtet. Mein Smartie wird mir ab sofort dabei helfen, den im Wohnbereich aufgehängten Speiseplan zu digitalisieren, und genauer unter die Lupe zu nehmen: Erst mal Fakten-Check. 😐

Natürlich habe ich über die Problematik nachgedacht, und festgestellt, dass es bei uns zuhause und im ehemaligen Mutterhome auch sehr oft "das gleiche" gab, also prinzipiell einen Wechsel von Wurst, Käse, Eintopf, Gemüse- oder Fleischgerichten, Mehlspeisen und Suppen, gelegentlich sogar Fisch. Also alles, was die Standardküche grundsätzlich hergibt, in loser Reihenfolge, der Abwechslung halber. Genau so sieht der Speiseplan im Pflegeheim auch aus, inklusive saisonaler Besonderheiten wie frischem Spargel und ganz viel Bio, wahlweise vegetarisch und teilweise sogar vegan. 😅

Der gravierende Unterschied besteht darin, dass es zuhause durchweg (nur) Gerichte gab, die meine Mutter früher selbst zubereitet hatte, und ich diese für sie in Etwa so "nachkochte", wie sie es kannte. Die Maggi-Tütensuppe zählte zu ihren absoluten Rennern, und sie war oft brüskiert, dass ich mich strikt weigerte, den Chemo-Mix zu mir zu nehmen. 😒 Es war natürlich bequem, weil ganz schnell fertig und serviert. 

Halbwegs gesunde Ernährung war mir trotzdem ein Anliegen, also konnte meine Mutter tages- oder wochenaktuell nach Lust und Laune Bestellungen bei mir aufgeben. Diesen individuell auf ihren Geschmack zugeschnittenen und dennoch ungesünderen Speiseplan gibt's im Heim natürlich nicht mehr. Kantinenfraß, Krankenhausessen... mit zu viel Soße, das Essen sieht nicht schön aus, und Vogelfutter (Hirse) kommt sowieso nicht in Frage. 😤 Salat und Obst, die es ebenfalls täglich gibt, waren zuletzt keine gefragten Nahrungsbestandteile im Mutterkosmos. 😓 Das länger haltbare, frische Obst nimmt sie jetzt oft mit aufs Zimmer, weil sie weiß, dass sie in mir eine dankbare Abnehmerin findet. 😍🍎🍐🍑 

Im Mutterhome war jeder Arztbesuch zur Blutabnahme mit Diabetes- und Blutwertkontrolle ein Stresstermin für mich: Kommt die Insulinspritze oder kriegen wir das noch mit Pillen geregelt? 😒 Jetzt gilt meine Mutter auf der Station als schlechte Esserin. Alles, was sie nicht mag, lässt sie zurückgehen, nicht ohne Hinweis auf ihren Bauchumfang, der mittlerweile weit unter der Marke liegt, den sie zuhause noch hatte. Andererseits: So gut wie aktuell waren ihre Blutwerte schon lange nicht mehr 👍, und am Verhungern ist sie definitiv nicht. Dafür sorgen schon die Cracker und das Buchstabengebäck, das ich manchmal mitbringe. 

Essen macht glücklich 😊 oder zumindest zufrieden, aber leider auch dick, wenn man nur das futtert, was gut mundet 😋. Meine Mutter ist nicht die einzige: Ich entnehme ihren Berichten, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner gerne etwas anderes auf dem Tisch hätten, als das, was es gerade gibt, und zwar genau so zubereitet, wie jede/r es von früher gewohnt war. 😠 
Dummerweise ist das bei jedem anders, denn Geschmäcker und Gewohnheiten sind verschieden. Die Pflegekräfte verzichten darauf, den alten Menschen zu erklären, dass sie weder in Versailles wohnen, und auch nicht König Ludwig XVI. sind. Während dessen Regentschaft Ende des 18. Jahrhunderts gab es am französischen Königshofs einen kulinarischen Wandel mit gravierenden Folgen bis heute:  
Hatte man bis dahin am Hof an einer großen gedeckten Tafel gegessen, einer Art Allround-Buffet, kamen zu dieser Zeit "kleine Diners" in Mode. "Man veränderte die Art was und wie man aß", so der Sterne-Koch Guy Martin. Es wurden verschiedene Speisen nacheinander serviert, mehrere Gänge, und die Köche mussten sich den Kopf zerbrechen, was sie an und auf den Tisch brachten. 😥
"Es musste innovativ sein, weil der Kunde (König und somit) schwierig war", so Guy Martin weiter, und "innerhalb eines Monats durfte kein Gericht zweimal serviert werden." 
Im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelten sich die vielen und hochkarätigen Restaurants in Paris, denn als der König aus revolutionären Gründen abserviert und hingerichtet wurde, waren seine elitären Köche plötzlich arbeitslos. So eröffneten sie in Paris ihre eigenen Läden, und die einfache Gasthausküche bekam noble Konkurrenz. Voilà - die französische Feinschmeckerküche war geboren, die bis heute als die beste der Welt gefeiert wird. 

Meine Mutter ist eher der Typ Hausmannskost, vielleicht ist der prinzipiell gut durchdachte Speiseplan auch deshalb nur punktuell ihr Ding. Linseneinopf und Kartoffelsuppe gehen immer. Rein interessehalber werde ich nachschauen, wie oft dieselben Gerichte innerhalb von vier Wochen auf den Tisch kommen. Dass beim Frühstück oder Abendbrot immer das (fast) gleiche angeboten oder gegessen wird, kenne ich von mir selbst, wobei Emmentaler, Bergkäse und Bavaria Blue definitiv unterschiedlich schmecken. Wenn man das alles als Käse bezeichnet, hat man natürlich auch recht, vor allem wenn die Geschmacksnerven die feinen Nuancen nicht mehr ans Lustzentrum im Gehirn übermitteln. 😔

Wie abwechslungsreich ist Ihr Menüplan? Müssen Sie sich den Kopf zerbrechen, was Sie kochen oder macht das Ihre Partnerin oder Ihr Partner? Vielleicht gehen Sie mittags auch in eine Kantine oder gar ins Restaurant? ToGo beim Bäcker, Imbissbude, Leberkässemmel? Es gibt grundsätzlich viele Möglichkeiten. Im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung sind sie eindeutig begrenzt. Ein All-you-can-eat Buffet wäre natürlich super, scheitert aber schon allein daran, dass die Kundschaft größtenteils körperlich nicht mehr in der Lage ist, sich selbst etwas auf den Teller zu legen. 😓 Dass man sich vier Wochen später nicht mehr erinnern kann, was man bei der Bestellung angkreuzt hatte, kommt bei manchen Seniorinnen und Senioren erschwerend hinzu. Und natürlich gibt es auch die pflegeleichten Kunden im Pflegeheim, die grundsätzlich alles essen, und auch richtig viel. 🍉🍞🍝🍛🍳🍗 Dass Burger, Pommes und Pizza grundsätzlich nicht auf dem Speiseplan stehen, mag der eine oder die andere als Bevormundung wahrnehmen. 😠

Mit einer Ablenkungsfütterung kann man Wespen wunderbar besänftigen, und so setzen spezielle Lieblings-Snacks 😋 im Heim-Alltag besondere Akzente. Morgen gibt es ein besonderes, abendliches Sommerkonzert, bei prognostiziert hervorragendem Wetter, draußen im Garten. Serviert wird wahrscheinlich ein Chili-Eintopfgericht, und während Feuerschlucker und -jongleure eine Show abziehen, kann ich mir einen persönlichen Eindruck davon verschaffen, wie der Eintopf schmeckt. Die Wespen sind dann hoffentlich schon schlafen gegangen oder satt von Kuchen und Limonade. 😅

Für das Ökosystem sind Wespen übrigens unverzichtbar: "Ein Wespenstaat kann täglich bis zu 3.000 Fliegen, Mücken, Raupen und andere Kleintiere vertilgen. Die Wespen leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Schädlingskontrolle. Einige Arten bestäuben zudem Pflanzen, auch wenn sie dabei weniger effektiv sind als Bienen.
Wespen zu töten ist nicht nur ökologisch bedenklich, sondern kann teuer werden. In Deutschland stehen Wespen unter allgemeinem Schutz. Wer ein Nest ohne Genehmigung entfernt oder Wespen tötet, riskiert ein Bußgeld." (Utopia)

Siehe auch: Knoblauch und Weihrauch, Stiftausleihe, Oh, du Grauenvolle...Tummidemmi!Sekt oder Selters?, PillenrevolteNicht schön, aber..., Gebäck, very fein!Essen (allein) macht nicht glücklichUnterhaltung(en), Angespannte Ruhe33°C, Sonne!, Ampelbeeren,  und ältere #Muttergeschichten wie Heute schon gezaubert?, Vegan?Warum klebt der Käse an der Wurst?Blattsalat zum Welt-Nudeltag, Hundefutter, Marmeladengemetzel, Blöde Frage

Weiterführende Links

  • Zum Höhepunkt der Wespenzeit: Cool bleiben - NABU 
  • Wespenzeit: So überstehst du sie gut - utopia.de
  • Guy Martin in der Sendung Weltstädte: Paris mit Leon Windscheid - ZDF info, ab Minute 38
  • Guy Martin (Koch) -  Wikipedia, verlässt das Nobelrestaurant 2025 bei sortiraparis.com
  • König Ludwig XVI. - Wikipedia
  • Hausmannskost - Wikipedia

Keine Kommentare: