Donnerstag, 8. Februar 2024

Frühlingspoesie

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 #Frühblüher  #Winterling  #Vorfrühling
#Winter2023/24

Auch das noch: Frühlingsgedichte!

Heute ist der unsinnige Donnerstag, aber ich bin nicht so der Faschingstyp. Die Ferien habe ich in jungen Jahren natürlich immer gerne genommen, und die Faschingskrapfen auch. 😋
In den Karnevals-Hochburgen am Rhein dürfte es heuer ein ziemlich verregnetes Fest werden. Hier im schönen Bayernland haben wir es angenehmer, und so haben sich die ersten Frühblüher am Wegesrand breit gemacht. Sie sind zwei Wochen früher dran als im letzten Jahr, siehe den Artikel Vorfrühling hier im Blog. Als ich zu diesem Thema recherchierte, ist eine Menge Text übrig geblieben, und das passt hervorragend, weil ich heute nicht so viel Zeit habe: Ich bin nachmittags zum Krapfen-Essen verabredet. 😁

Meine Mutter hat mich beim Frühstück gefragt, warum die Leute auf der ganzen Welt dieses merkwürdige Fest feiern, woher das kommt, und ob die bescheuert sind. Jetzt könnte ich ChatGPT oder Wikipedia fragen, aber ich habe gerade keine Lust. Wenn man anfängt im Netz zu recherchieren, gerät man mitunter auf seltsame Abwege. So habe ich gelernt, dass der (Vor)Frühling eine Zeit ist, die Poeten dazu veranlasst, die erwachende Natur und alles, was sonst noch so dazu gehört, in blumigen Worten zu besingen. Gedichte sind Geschmackssache, genau wie Austern, Steaks und Gurkensalat. Manche lieben es, andere eben nicht. 

Mögen oder Nichtmögen sagt nichts über die Qualität der geistig oder körperlich aufgenommenen Nahrung aus. Ich bin relativ experimentierfreudig, darum lese ich manchmal auch Texte, auf die ich sonst nie gekommen wäre:

Er glitt durch die Flöte | Als schluchzender Schrei, | An dämmernder Röte | Flog er vorbei. 

Hugo von Hofmannsthal meint den Frühlingswind, und das Gedicht heißt "Vorfrühling". 😂 In derlei verblümten Äußerungen kann sich die Phantasie frei entfalten. Mein erster Gedanke war: Au weia, wie schwülstig, aber das war vorschnell und gemein. Die zufällig aufgefundenen Gedichte erinnerten mich sofort an den Deutschunterricht: "Gedichtinterpretation". Falls Sie damit in Ihrer Sturm-und-Drang-Phase konfrontiert wurden, werden Sie es wahrscheinlich genauso gehasst haben, wie die meisten Menschen, die ich kenne. Andererseits kenne ich auch Leute, die selbst leidenschaftlich Gedichte verfassen. Dichten Sie mir also nicht an, ich würde mich über Poet*innen lustig machen wollen. Das ist eine hohe Kunst, und sie wird von ausgesprochen feinfühligen Menschen betrieben. Zwischen den Zeilen lesen kann nicht jede*r, und so schreiben, dass dieser Zwischenraum überhaupt entsteht, erst recht nicht. 

Rilke mag ich wegen seines "schwungvollen Versmaßes" und seiner genauen Naturbeobachtungen. Über die Gedichte von Hans-Curt Flemming hatte ich hier im Blog schon berichtet. Wilhelm Busch, der nicht unumstritten ist, war Teil meiner kindlichen Leselektüre. Die Gesamtausgabe seiner Werke stand bei meiner Mutter im Bücherregal. Es waren meine ersten Comics, denn Busch konnte genauso pointiert zeichnen wie reimen. Max und Moritz ist heute eines der meistverkauften Kinderbücher und wurde in 300 Sprachen und Dialekte übertragen. [...] Wilhelm Busch teilte die Auffassung seiner Kritiker, dass es "kein Kinderbuch sei, sondern verderblich auf Kinder wirke, die man nicht mit Karikaturen großziehen müsse." (Wikipedia) Wenn ich das gewusst hätte! 😅 

Meine Mutter fand Mickey Mouse und Donald Duck verderblich: Bumm! Zack! Peng! Kreisch! Sie hat mir die Heftchen trotzdem spendiert, und zum Ausgleich "richtige Bücher" mit viel Text dazu gelegt. Gedichte waren nicht dabei. Kindern die Poesie nahebringen war dann doch Aufgabe des Deutschunterrichts, und den fand ich meistens blöd. Lateinische Bezeichnungen für Grammatik lernen: Wozu soll das gut sein? Plusquamperfekt klingt wie Plumpaquatsch.
Erst als ich die Ausbildung zur Übersetzerin und Dolmetscherin  machte, wurde meine eigene Muttersprache wirklich interessant, weil man so vieles nicht wortwörtlich übersetzen kann. Auf Englisch klingt alles super cool, auch wenn es der größte Stuss ist: #BullshitBingo.

Alte Gedichte in ihrer oft schwülstigen Sprache wirken mittlerweile altmodisch oder sogar lächerlich. Sprache entwickelt sich ständig weiter, sie ist auch stets Ausdruck des herrschenden Zeitgeistes, Stichwort Gendern oder Vermeidung von "Unwörtern". Das ist oft eine schwierige Gratwanderung. Manche alte Texte wurden oder werden in modernisierten Überarbeitungen neu aufgelegt, um sie an den jeweils aktuellen Sprachgebrauch anzupassen. Bei Gedichten ist das schwierig, wenn nicht unmöglich. Da geht der Reim flöten, womöglich auch mit einem schluchzenden Schrei...

Busch, Rilke und Hofmannsthal lebten und arbeiteten im neunzehnten Jahrhundert, also Achtzehnhundertirgendwas. Diese drei Dichter haben den Sprung ins zwanzigste mehr oder weniger knapp geschafft. Verschiedene Lebenshintergründe, verschiedene Stile.
Das Gedicht mit dem blauen Band, das wieder durch die Lüfte flattert, kennen Sie wahrscheinlich auch: Es stammt von Eduard Mörike, frühes 19. Jahrhundert. Wissen Sie, wie das Gedicht heißt? Er ist's! Mit diesem verheißungsvollen Titel könnte Mörike auch in einer modernen Werbeagentur punkten. 😀 Dazu noch ein anderes Netzfundstück aus dem Jahr 2007: "Kinder rappen den 'Erlkönig'. Klassische Gedichte von Goethe, Schiller und Fontane werden in Musikstücke umgesetzt. Dafür interessiert sich jetzt auch die 'Sesamstraße'."  Na also. Tauchen Sie ein ins Lyrische, wenn Sie neugierig geworden sind. Oder essen Sie einen Krapfen. 😊

Siehe auch: Philosophische PoesieVorfrühling, Himmelsschlüssel?, Hexenwerk, Unfug, Federnkunde, Ein Satz wie ein Gemälde, Bevor Sie sterben, #BullshitBingo, #Frühblüher, Er ist da :-)

Weiterführende Links
Die Links auf den Autorennamen führen jeweils zu Wikipedia, die in den Klammern zu den Gedichten. Meine Empfehlung für Eilige: Lesen Sie das mit dem Blümlein. Es ist eine doppeldeutige, lustig anmutende und gleichzeitig traurige Liebesgeschichte, und wahrscheinlich sehr typisch für die damalige Zeit.

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