Mittwoch, 17. Januar 2024

Zeitwahrnehmung

27 mm | 1/120 s | f1,6 | ISO 125| Smartphone

 #Uhr  #Zeit  #Deko

Diese Uhr ist kaputt, sie steht (un)dekorativ in einem Vitrinenschrank herum, und glänzt mich manchmal gülden an, wenn ich die frisch gewaschenen Geschirrhandtücher in der Schublade darunter verstaue. Wie viele andere, scheinbar nutzlose Dinge, die sich in einem Haushalt über die Jahre ansammeln, könnte diese Uhr längst weg, aber mein Mann will sie behalten. Genauso geht es mir mit einer anderen alten Uhr, in die ich mich auf einem Flohmarkt verliebt hatte. Also darf jeder seinen Uhrenschrott behalten, das nennt sich dann Partnerschaft auf Augenhöhe. 😀

Im Mutterhome gibt es zwei weitere kaputte Uhren, die bereits funktionsunfähig waren, als meine Mutter sie angeschafft hatte: Schöne mechanische Wanduhren, mit Pendel und Gewichten zum Aufziehen, wirklich dekorativ, aber darüber hinaus komplett nutzlos. Vor Jahren hatte ich sogar mit einem riesengroßen Ziffernblatt geliebäugelt, Größe und Modell Kirchturmuhr. Ich wollte kein Designerstück aus dem Möbelladen, sondern ein echtes, verwittertes Ziffernblatt, natürlich ohne das dazugehörige Uhrwerk. Dafür war die Wohnung aber doch zu klein. 😅 

Diese Begeisterung für kaputte Uhren erscheint auf den ersten Blick ziemlich verrückt, hat aber vielleicht einen tiefenpsychologischen Hintergrund: Die tickenden Taktgeber des alltäglichen ToDo stehen absichtsvoll still. In ihrer Gegenwart betreten wir einen Raum der imaginierten Zeitlosigkeit. Aaaaahhh. 😎

An Weihnachten erreichte uns die E-Mail eines Freundes, der schrieb: 

Schon wieder Weihnachten und auch noch ein neues Jahr!

Das hört einfach nicht auf und, ich finde, je älter ich geworden bin, umso scheller saust die Zeit dahin, geht das dir vielleicht auch so?

Nun ja, wenn ich so darüber nachdenke, und anfange zu rechnen (Logos): Der Januar ist schon wieder halb vorbei, was habe ich in den letzten sechzehneinhalb Tagen gemacht, oder gar erreicht? Da schimmert der Produktivitätsgedanke durch. Produktiv bin ich momentan nicht, mein Husten schon, aber das ist eine andere Geschichte.

Unser Freund lieferte einen Erklärungsversuch für die sausende Zeit mit:

Je älter du wirst, desto weniger erste Male erlebst du. Du hast bereits zahlreiche Erfahrungen gesammelt und dein Gehirn muss nur noch wenige neue Reize aufnehmen und verarbeiten. Je mehr du in eine Routine verfällst und immer nur das Gleiche tust, desto schneller vergeht die Zeit. Ist ein Jahr wieder wie im Flug vergangen, liegt es daran, dass wenig neue Erinnerungen geschaffen wurden.

#Tabletop, vermutlich 1995
analoge Aufnahme, Farbfoto, #AlteSchätze


Mit Routinen kenne ich mich ganz gut aus, die haben auch ihre guten Seiten: Sie sorgen für Struktur und an manchen Stellen für Effizienz, weil man nicht über jeden Handgriff nachdenken muss. Innerhalb dieser Routinen ("das Grundthema") braucht es aber auch die Variation, Abwechslung und Neues, weil sonst der Boreout zuschlägt. Wie viele "erste Male" hat es in letzter Zeit gegeben? Ah, die Noppensocken! 😊

 Die Tipps, die unser Freund in seiner Weihnachtsbotschaft mitlieferte, sind ein Anfang:

  • ausbrechen aus Gewohnheiten und neue Erinnerungen schaffen z.B. andere Reisen, anderes Essen, andere Menschen, anderen Sport etc.
  • jeden Tag eine Kleinigkeit machen, die neu für dich ist z.B. andere Socken, andere Hemden, andere Zahnpasta etc.
  • neue mentale Anreize schaffen z.B. eine neue Sprache lernen, ein neues Instrument lernen, Bücher lesen etc.

Das könnte dazu führen, dass du die Zeit bewusster wahrnimmst.

Zunächst hatte ich bezweifelt, dass andere Socken meine Zeitwahrnehmung beeinflussen könnten, aber die Noppensocken haben mich wirklich eines Besseren belehrt. 😁
Mentale Reize gab und gibt es viele, bei mir sind es vielleicht zu viele oder auch die falschen. Neue Erinnerungen gab und gibt es jeden Tag, mein Blog ist voll davon. An besonderen Momenten mangelt es auch nicht, vom Pornopapst bis zum Weltuntergang war schon einiges geboten. Das Problem mit der Zeitwahrnehmung ist vielleicht, dass wir zu wenig "innehalten", und das, was wir erleben, zu wenig würdigen?

Wartezeiten könnten tolle Momente des Innehaltens sein. Es ist nur blöd, wenn die Tram nicht kommt, während man zu einem Termin muss, der pünktlich beginnt - das erzeugt Stress. Wartezeiten mit Lesen oder dem Handy überbrücken lässt die Zeit gefühlt schneller vergehen. Was nehmen wir am Ende des Tages als Erinnerung mit, oder bewusst wahr?

Was brauchen Sie?
Manchmal geht es nicht darum mehr zu erleben, sondern eher um ein ausgewogenes Maß an belebender (nicht stressender) Abwechslung.  Vor allem aber geht es darum, bewusst zur Kenntnis zu nehmen, was wir mit oder aus unserer Zeit machen. Reizüberflutung und Hyperaktivität, ein zu voller Terminkalender, zu viele Aufgaben, zu viele offene Wünsche, Multitasking und mediale Ablenkungen können auch dazu führen, dass uns die Zeit ständig davonläuft. Am Ende sind wir erschöpft, und es ist wieder ein Tag, ein Monat, ein Jahr vorbei. Dann wäre Weniger mehr.

Ist Ihr Leben eher langweilig (reizarme Routine) > suchen Sie die Abwechslung und das Neue. Ist Ihr Leben eher stressig (alles zu viel) > suchen Sie nach Entlastung und/oder Entschleunigung.
Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem: Eine reizarme Routine, kombiniert mit einem Zuviel an unerquicklichen Ereignissen? Finden Sie heraus, was Ihre persönliche Zeitwahrnehmung verändert. In welchen Situationen spüren Sie eine "Beschleunigung", in welchen erleben Sie eine angenehme Entschleunigung, oder fühlen sich auf angenehme Weise "losgelöst von der Zeit"?

Siehe auch: Noppensocken, Quality Time, Wenn die Zeit reif ist, Jetzt oder nie, Alles blinkt und blökt, Uhrwerk blau, Zeit, ZeitbegriffEs ist Zeit, Wenn du es mal wieder eilig hast, Zeitmaschine, Man lernt nie aus, Alter Krimskrams, Tempus fugit

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