Mittwoch, 24. Januar 2024

Grüße aus Digitalien

#Scanografie  #Photoshopgebastel
 

#Zimmerpflanzen  #Buntnessel  #digitalisiert

Das heutige Fotomotiv ist gar kein Foto, sondern eine digitale Fotomontage, manchmal auch Bildcomposing genannt, und beruht auf einer Scanografie. Ahm, wie bitte?

Nochmal von vorne: Sie sehen ein paar wahrlich knallig bunte, authentische Buntnesselblätter, akkurat auf weißem Hintergrund arrangiert. Diese Blätter hätte ich fotografieren können, stattdessen hatte ich sie auf einen Flachbettscanner gelegt. Es waren tatsächlich verschiedene Pflanzenblätter, aber sie lagen nicht so auf dem Scanner.
Das finale Arrangement besteht aus einer Kombination, die in Photoshop aus mehreren Ebenen zusammengesetzt wurde. Teilweise besteht es aus demselben Ursprungsmotiv, das mehrfach gespiegelt, gedreht, verkleinert, vergrößert, und in überlappenden Schichten zusammengestellt ist. Ich könnte diese Bildmontage nicht wiederholen, denn im Verlauf des kreativen Prozesses entscheide ich intuitiv darüber, wo welches Element am Ende landet, das ist also fast wie beim Erstellen einer Collage aus Papier oder anderen Materialien, oder beim Malen.

Das Endergebnis ist hier ein digitales Kunstprodukt, das mit der realen Pflanze nicht mehr viel zu tun hat. In unserer digitalisierten Welt läuft mittlerweile vieles auf eine ähnliche Weise: Das Digitale und das Analoge vermischen sich, es entsteht etwas Neues, das andersartig ist, und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das ist künstlerisch absolut reizvoll, birgt aber auch gewisse Risiken, je nachdem, wo die Technik zum Einsatz kommt: Fake News und Propaganda, jetzt auch KI-gestützt, im Gegensatz zur "zwecklosen" kreativen Spielerei.

"Unmittelbare Erfahrung!"
Es ist etwas anderes, wenn Sie Blumen in die Hand nehmen, und sie zu einem Strauß arrangieren, den Duft der Pflanzen in der Nase haben, die Strukturen und Oberflächen der Stängel, Blätter und Blüten sehen und spüren. Sie werden vielleicht auch die Widerspenstigkeit erleben, wenn sich ein Element nicht an die Stelle platzieren lassen will, an der Sie es aus ästhetischen Gründen haben wollen.
Bei der Bildbearbeitung am Computer oder Smartphone kann das natürlich auch passieren, da haben Sie vielleicht auch eine "Erfahrung von Widerspenstigkeit", aber es ist eine völlig andere. Jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten ist ja auch etwas anderes, als per Messenger miteinander zu kommunizieren. 

Damit habe ich hoffentlich den Spagat von der digitalisierten Buntnessel zu Wau Holland geschafft? Wer ist das nun wieder? Er taucht unter anderem in der Rubrik "Köpfe der Demokratiegeschichte" auf, war ein deutscher Journalist und Computer-Aktivist, und Mitbegründer des Chaos Computer Club (CCC), Spitzname Dr. Wau. Im Dokumentarfilm "Alles ist Eins. Außer der 0" wird seine Geschichte erzählt. Dieser Film ist nur vier Tage lang in der Mediathek, danach können Sie ihn bei Amazon kaufen. 😏

Ganz am Ende des 90-minütigen Films klingt Dr. Wau wie ein Zenmeister. Er erzählt sehr emotional von einem Mitstreiter, der lange vor der Erfindung von Smartphone & Co. eine wichtige Erkenntnis hatte:
"... er hat geschildert, dass er bestimmte Probleme der Region nur kapiert hat, weil er nicht virtuell, sondern leibhaftig, wie das schöne deutsche Wort heißt, leibhaftig dort anwesend war, den Menschen ins Gesicht schauen konnte, deren Reaktionen unmittelbar, das heißt ... ohne Medium erlebt hat. Und diese unmittelbare Erfahrung, die ist wichtig, und diesen ganzen virtuellen Dreck, den sollen sich einige mal abschminken."  (Dr. Wau) Eine seiner Schriften trägt den Titel "Trau keinem Computer, den du nicht (er-)tragen kannst." 

Wir trauen unseren Computern heute alles zu, und wir vertrauen ihnen vieles an. Sie sind ja auch geniale, eierlegende Wollmilchsäue.

Wau Holland ist 2001 im Alter von nur fünfzig Jahren verstorben, hat also nicht mehr miterlebt, was seitdem in der (digitalen) Welt alles passiert ist. Den Chaos Computer Club gibt es natürlich noch, und die gemeinnützige Wau Holland Stiftung, die sich einem wichtigen Thema widmet:

"Der Mensch im Spannungsfeld zwischen neuer Medien-Technik und Überwachung, zwischen den Chancen und Risiken moderner Datenverarbeitung: das stand für Wau Holland ganz oben auf der langen Liste seiner Vorträge. Deshalb entwickelte und erweiterte er Konzepte wie die Hacker-Ethik und sah die Freude junger Menschen am Erlernen und dem Umgang mit Computertechnik als Chance, ihnen auch die gesellschaftlichen Dimensionen dieser Technik aufzuzeigen." (Wau Holland Stiftung / about)

Was lernen wir heute über Computertechnik? Nicht viel. Wir benutzen sie, teilweise exzessiv, weil es total einfach und bequem ist. Meistens jedenfalls. 😅 Meine Workstation hat gerade keinen Tonkanal mehr. Software- oder Hardwareproblem? Wer repariert's? Ich versuche es erst mal selber.

Die Buntnessel als Zierpflanze hatte viele Jahre lang ein angestaubtes Image. Vor einigen Jahren wurde sie aufgrund einiger spektakulärer Neuzüchtungen, wieder zur Trendpflanze. Vielleicht kommt der Dokumentarfilm  (2021) über den Chaos Computer Club genau zur rechten Zeit, auch der Film wirkt mit dem alten Bildmaterial extrem angestaubt. Die Themen sind trotzdem brandaktuell. Erinnern Sie sich noch an PRISM? Nein, das ist schon zu lange her.

Trotz aller Risiken und Nebenwirkungen stehen wir mit einem Fuß in der analogen und mit dem anderen in der digitalen Welt. "Die Welt ist wirklich komisch geworden", sagt meine 85jährige (voll analoge) Mutter immer wieder. Vielleicht ist dieses komische Gefühl, das mich - vielleicht auch Sie - gelegentlich befällt, ein Hinweis darauf, dass wir den Schritt in ein völlig neues Zeitalter ("Scanografie") längst vollzogen haben. Es gibt keinen Weg zurück, nur den nach vorne. Die Richtung sollten wir mitgestalten, und sei es "nur" durch einen bewussten Umgang mit all diesen Technologien.

Siehe auch: Zimmerpflanzentrend, Blühende FreundschaftÜberwintern, Das Internetz hilft auch nicht immer, Ein unerwarteter Fehler, 4711: ChatGPT im Mutterhome, Menschen und ihre Abenteuerlust, Briefankündigung, Läuft wieder!, Rätselhaft, Wat den eenen sin Uhl..., Digitale Revolution: Erlebnisse aus dem Alltag, Randnotizen der Digitalisierung, #webseidank, Finden Sie den Oktopus!, Völlig unrealistisch

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